Wilde Zeiten und gute Seiten

Er hat die Ranzen etlicher Schülergenerationen repariert, Hunderte von Lederhosen geschneidert und in den 1970er und 1980er Jahren in der berüchtigten WG in der Jakobstraße 34 gelebt: Peter Haupt alias "Leder-Peter". Welche Lieblingsplätze der 57-Jährige mittlerweile in Trier entdeckt hat, davon erzählt er in unserer Serie.

Trier. Mitte der 70er Jahre zog ich mit zwei Kumpels von Koblenz nach Trier - von der Stadt mit Großstadtflair in ein großes Dorf. Wir waren unseren Mädels nachgereist, die damals in Trier studierten. In unserer Wohngemeinschaft (WG) in der Jakobstraße 34 haben wir es wild getrieben, und wir hatten es rasch zur schlimmsten WG von Trier gebracht. Nie vergessen werde ich, als Sekt aus den Wasserhähnen zischte. Dank einer technischen Panne in einem Leitungssystem einer Trierer Sektkellerei, die nebenan war, haben wir nonstopp Schampus getrunken und sogar darin gebadet. Das passte zu unserem exzessiven Lebensstil! Das ungezähmte Leben in der Jugend hat dazu geführt, dass ich heute als Mittfünfziger kein buntes Hemd tragen und mir keinen roten Sportwagen kaufen muss.

Zudem gehört zu meiner Einstellung, dass man nach links und rechts hüpfen darf, aber immer wieder auf den Weg zurückkehren muss und das Ziel nie aus den Augen verlieren darf!

Nach meinem Fachabitur wollte ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen, doch das Bewerbungsgespräch in einer Trie rer Klinik verlief katastrophal: fachlich eins plus, kirchlich sechs minus. Schließlich war ich schon mit vierzehn Jahren aus der Kirche ausgetreten und somit chancenlos, denn die Hälfte der Fragen bezog sich auf die katholische Kirchenlehre.

Aber das Leben meinte es auch ohne Ausbildung gut mit mir: Mit Möbel, Trödel und Antiquitäten stieg ich rasch aus der Arbeitslosigkeit aus. Und bei einer der vielen Sperrmüllaktionen waren auch zwei große Lederstücke mit dabei. Doch später wollte keiner der Flohmarktbesucher sie mir abkaufen. Ich nähte mir eine Hose daraus, und plötzlich wollte die halbe Welt genau so eine Hose. Da wusste ich, wo beruflich mein Platz war: Ich machte einen Laden in der Neustraße auf und verdiente schon im ersten Monat 1784 Mark. Der Knüller! Hunderte von Lederhosen habe ich genäht, zig Schulranzen repariert, und bis heute flicke und kreiere ich alles aus Leder, was das Herz der Kunden begehrt.

Karate für die Persönlichkeit



Aber mindestens ebenso gerne, wie ich an der Nähmaschine sitze, bin ich in der Turnhalle in Trier-Ehrang. Seit den 80er Jahren übe ich mich dort mit meinem Sensei, also meinem Lehrer, Bill Marsh, Karate, in der klassischen Variante. Karate ist mehr als Kampfkunst, es ist persönlichkeitsbildend und verlangt sehr viel Selbstdisziplin und Fleiß. Übrigens sind das auch Eigenschaften, die ich als Unternehmer brauche.

Aber zurück zu den Lieblingsplätzen: Früher war ich auch gerne auf dem Viehmarkt. Er war ein lebendiger Platz, wo man nachts noch Leute beim Max an der Frittenbude treffen konnte. Heute ist der Viehmarkt für mich eine große öde Steinwüste, auf dem gesetztes Publikum langweilig rumsitzt. Anders der Kornmarkt: Besonders die Kinder, die im Wasser spielen, machen diesen Platz lebendig. Sehr schön sind das Dreikönigenhaus sowie die Jugendstilhäuser mit den wunderbaren Figuren in de Nagelstraße.

Obwohl ich mittlerweile mit meiner Familie in Kordel wohne, bin ich sehr oft in Trier. Ich schätze die kleinläufigen Strukturen, die unheimlich sozial sind. Die Stadt ist eine große Familie, und besonders mag ich, dass die Menschen sehr treu sind. Das findet man in einer Großstadt nicht. Heute, als Vater von drei erwachsenen Kindern, weiß ich: Ich war Mitte der 70er zur richtigen Zeit am richtigen Platz - in Trier.

Aufgezeichnet von Katja Bernardy