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Wildschweinbraten und Wirtschaftswunder

Wildschweinbraten und Wirtschaftswunder

I m Jahre 1948 wohnten meine Familie und ich in der Lehrerwohnung der Volksschule Werth bei Stolberg. Werth hatte in den letzten Tagen des ZweitenWeltkrieges schwer gelitten, und fast kein Haus des Dorfes in der Voreifel war unbeschädigt geblieben.

Baumaterial, aber auch vieles andere war Mangelware, und die noch gültige Reichsmark war kaum des Papiers wert. Die notwendigsten Waren gab es fast nur mittels guter Verbindungen oder auf dem Schwarzmarkt. Es musste etwas geschehen. Und endlich handelte die Militärregierung. Es wurde eine Währungsreform angekündigt. Die Organisation dieses Vorhabens vor Ort lag nun in den Händen meines Vaters. Britische Soldaten überprüften einen der Schulsäle auf Sicherheit und Zuverlässigkeit. Mein Vater, schon verschiedene Male als Wahlleiter eingesetzt, sagte schon voraus: "Wir werden 100 Prozent Beteiligung haben", - und so war es auch. Schon um 8 Uhr stand eine lange Schlange vor unserer Schule, dem "Wahllokal". Dann rollte auf einmal ein britischer Jeep mit bewaffneten Soldaten vor, und es wurde eine schwere Kiste hereingetragen. Endlich war das Geld da. Jeder wurde nun gemäß Einwohnerliste und unter Vorlegen des Passes überprüft. Dann erhielten die Ersten endlich das neue Geld. Keine Münzen, nur Scheine von zwei bis 20 Deutsche Mark. Ungläubig, ja miss-trauisch wurden die neuen Scheine betrachtet. Um die Mittagspause. Wieder fuhr ein Jeep vor, nun aber mit Verpflegung für die fleißigen Helfer. Mit Bohnenkaffee und mit Wildschweinbraten. Nun duftete das Wechsellokal wie ein Restaurant. Manch ein Helfer war schon der optimistischen Meinung, dass es nun doch nur aufwärts gehen könnte. Erst um 18 Uhr war Feierabend, und es wurden körbeweise die alten "Lappen" durch die britischen Bewacher abgeholt. Nun waren wir gespannt, ob es denn einWirtschaftswunder gäbe. Gleich am nächsten Tag fuhren wir nach Stolberg. Und, oh Wunder. Die sonst leeren Schaufenster zeigten nie gesehene Sachen. Ja, in einem großen Schaufenster wies mich mein Vater sogar auf Meißner Porzellan hin. Wir kauften uns von unserem neuen Geld nur wenige Artikel. Und wir hatten das gute Gefühl, dass es von nun an nur besser werden könnte. Ludwig Beißel, Kinheim-Kindel