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Winnteou III bei den Karl-May-Freunden – Feuer und Rauch im Westernsteinbruch

Veranstaltung : Winnetou III bei den Karl-May-Freunden – Feuer und Rauch im Westernsteinbruch

Bei der Premiere von Winnetou III der Karl-May-Freunde Pluwig hat sich manch ein Zuschauer Staub oder Tränen aus den Augen gewischt. Reinhold Schomer tritt 2019 zum letzten Mal als Winnetou auf.

Eine steile Sorgenfalte steht auf der Stirn Winnetous, als er über die Zuschauertribüne im alten Pluwiger Steinbruch hinwegblickt, als nähme er die Menge gar nicht wahr. Die Befreiung gefangener Siedler steht bevor und er scheint etwas zu wittern. „Ich werde morgen die Sonne nicht mehr aufgehen sehen, Scharlih“, sagt er traurig zu seinem Blutsbruder Old Shatterhand, der neben ihm steht.

Das Publikum macht keinen Mucks. Alle scheinen zu spüren, dass es hier um mehr geht als um die Figur Karl Mays, die in Winnetou III unabänderlich sterben muss. Dennoch will man es wie Old Shatterhand nicht wahrhaben. Denn hier geht eine Ära zu Ende: Mit dem Tod der Figur hat auch Reinhold Schomer, der derzeitige Rekordhalter als Bühnen-Winnetou aus Trier-Irsch, entschieden, nach der 2019er Saison abzutreten. Der 61-Jährige ist in diesem Moment wie eins mit seiner Rolle.

Die 1149 Sitzplätze der Tribüne sind fast vollständig besetzt, als gegen 19.30 Uhr der Erzähler aus dem Off ins Jahr 1869 in den Wilden Westen Nordamerikas entführt. Die Freilichtbühne zeigt für den letzten Teil der Winnetou-Triologie ein nachgebautes Westerndorf mit Saloons, einem Hotel und einer Holzkapelle zur Linken und einem Indianerdorf mit Tipis und Totempfählen zur Rechten.

Premiere von Winnteou III mit den Karl-May-Freunden Pluwig

Viele kleine Details schmücken die bunten Fassaden. Die Kanone der Infanterie eröffnet die Premiere mit einem Knall, ein Rauchring steigt auf. Damen mit weißen Hauben und langen berüschten Röcken und Schürzen tretend auf die Veranden. Weiter hinten nehmen Arbeiter mit Spitzhacken bewaffnet in Hosenträgern oder unter asiatischen Reishüten ihre Arbeit am Schiefersteinhang auf. Sie bauen einen Tunnel für die transkontinentale Eisenbahn.

Der Canyon muss dafür teilweise gesprengt werden. Die Zuschauer halten sich wie auf Kommando die Ohren zu. Sie wissen aus Erfahrung, was Regisseur Conny Faißt aus Bescheid alles in die Luft jagen kann. Dann der laute, leuchtende Knall. Der Berg hallt und die ganze Bühne raucht. Die Sprengung ist gelungen, doch die Freude währt nur kurz: Ein Materialzug sei überfallen worden und entgleist, es gebe viele Tote. Man habe den Stamm der Siouxindianer im Verdacht – verbündet mit weißen Banditen. Fast ohne es zu merken, zieht der Pluwiger Wilde Westen den Zuschauer in die Geschichte. Jetzt braucht es Helden.

In einem kurzen Feuergefecht erschießt Winnetou aus Versehen beinahe seien Blutsbruder Old Shatterhand, der in dritter Saison von Rainer Otten gespielt wird. Spätestens jetzt erkennt man die legendäre Filmmusik, die durch die Lautsprecher tönt und die Dialoge untermalt. Die Blutsbrüder nehmen die Verfolgung auf. Im Galopp, dass es nur so staubt, reiten sie den steinigen Hang vor der Zuschauertribüne hinauf. Sie sitzen gut im Sattel, die Pluwiger Karl-May-Freunde.

Am Großevent der Laienbühne sind 120 Akteure beteiligt. 26 haben eine Sprecherrolle und 80 sind Darsteller. Unter ihnen stehen auch zwölf Jungschauspieler auf der Bühne. Die jüngste Darstellerin, Emma Franzen, ist gerade mal zwei Jahre alt. Auch 20 Pferde werden von edlen Indianern und coolen Cowboys in tollen Kostümen beritten - für die authentische Aufführung unverzichtbar. Sie bleiben meist ruhig und scheinen gut auf den oft schallenden Lärm vorbereitet worden zu sein – der Regisseur ist auch Tierarzt. Licht, Ton und Sound funktionieren gut. Hinter der Bühne sorgen weitere Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf. Man hat das Gefühl, ganz Pluwig ist heute im Steinbruch.

Einen Überfall auf das große Versorgungslager am Echo Canyon vereiteln die Blutsbrüder mit tollen Waffen und viel Feuer, indem sie kräftig Banditen, Sioux und Knie zerschießen. Die Westerncolts rauchen. Die vier Pyrotechniker und der Kampfchoreograf haben ganze Arbeit geleistet. Manch ein Zuschauer äußert ob der vielen Flammen raunend Sorge um das trockene Unterholz und die schöne Kulisse.

Auf ihrem Ritt durch die Prärie kommen Winnetou und Old Shatterhand in ein Siedlerdorf. Menschen singen fromme Lieder vor einer Holzkapelle mit Buntglasfenstern. Ein Mann unter ihnen (Ludwig Laros) spielt die Mundharmonika live.

Als er Winnetou und Old Shatterhand kennenlernt, gibt es für den „guten“ Deutschen und seinen Freund eine Brotzeit und „genug Bier“. Man sei ursprünglich aus dem Hunsrück nach Amerika gekommen, um Edelsteine zu schleifen und wegen der niedrigen Steuern, erzählt der Siedler. „Und weil hier jeder so leben kann, wie er will“. Karl May romantisiert hier die Freiheit in der bewaffneten Gesellschaft im schwachen Staat. Er beschreibt – aus seinem Zeitverständnis heraus – also eine fiktive Welt.

Hier möchte ein Mann auch lieber sterben, als sich ehrlos von einer Frau retten zu lassen – wie Old Shatterhand später zur Belustigung der Zuschauer selbst verlauten wird. May war erst viele Jahre nachdem er seine Bücher veröffentlicht hat, in Nordamerika. So muss auch die Figur Winnetou verstanden werden, der sich zum Christentum bekennt und alle Indianerstämme in einen – negativen – Topf wirft. Das geschieht im Stück als er die Siedler das Ave Maria singen hört, das Karl May selbst geschrieben hat und das die Chorgemeinschaft Sankt Anna Tarforst eigens für die Festspiele eingesungen hat.

Anders denkt der Häuptling der Sioux, gespielt von Christoph Haag, der in den weißen Eindringlingen den Ursprung allen Übels sieht. Er schwört: „So lange ich lebe, werde ich gegen das eiserne Pferd kämpfen“. Er und seine Krieger überfallen und verschleppen die Hunsrücker Siedler, um sie am Hancockberg zu opfern.

Ein kleiner Siedlerjunge, gespielt von Mike Leon Scherf, spricht seine angsterfüllte Rolle gut. Auch Haag bringt nichts aus seiner Rolle, auch nicht sein eigenwilliges Pferd, das manches Mal scheut und dem er im Davongaloppieren zuflüstert „Das geht aber auch langsamer“.

In der Pause sieht man den Sprengmeister und Regisseur Conny Faißt am steilen Steinbruchabhang ganz oben herumturnen und man ahnt, dass es da oben im Verlauf des Abends noch ordentlich knallen wird. Die Gäste versorgen sich im Pluwiger Lädchen mit Popcorn und Wild-West-Souvenirs und an den Ständen mit Getränken und Westernwürstchen.

Wie Winnetou am Hancockberg stirbt, wird nicht verraten. Auf der Suche nach Winnetous Testament taucht noch der Schurke Santer auf, der Winnetous Schwester und Vater in Winnetou II ermordet hat – in Pluwig schon 2005 von Stefan Krämer gespielt. Er will Old Shatterhand sofort umbringen, doch Pida, der Sohn des Häuptlings der Kiowa, gespielt von Thomas Müller, lässt ihn erst einmal an den Marterpfahl binden.

Dort kommen auch Kiowafrauen zu Wort, sie bleiben in den von May vorgesehenen Rollen. Pida spricht mit kalter, hasserfüllter Stimme zu seinem Feind Old Shatterhand, sodass der kurzärmlig bekleidete Zuschauer zu frösteln beginnt. Doch auf Sprengmeister Faißt kann man sich verlassen: Er heizt die Bühne im wörtlichen Sinne wieder auf und vertreibt mit viel Feuer und Rauch die Mücken.

Es sind kleine Dinge, die den Abend authentisch machen. Der Pluwiger Dialekt der meisten Sprecher. Ein grüner Essens-Bon, der kurz anstatt einer Landkarte aus der Westeninnentasche gezogen wird und Rainer Otten kräftig schlucken lässt, um nicht loszulachen. Doch eine Sekunde später ist er zurück in seiner Rolle als cooler Old Shatterhand. Diese Momente bringen eine ungeplante aber befreiende Komik für die Zuschauer im ansonsten heroisch, tragischen Stück.

Winnetou III auf der Freilichtbühne in Pluwig. Foto: Hans Krämer

Grün schimmernde Glühwürmchen begleiten die verzauberten Zuschauer ab etwa 23 Uhr auf ihrem Weg durch den Wald zurück zur gut beleuchteten und gesperrten Kreisstraße 63, wo alle Autos auf der linken Seite parken. Zuhause schnäuzt der müde Besucher staubige Erde ins Taschentuch und hat unwillkürlich das Gefühl, eben selbst von einem großen Abenteuer heimzukommen.