"Wir haben ein ungutes Gefühl"

"Wir haben ein ungutes Gefühl"

Nach zwölf Erkundungsbohrungen für das Pumpspeicherkraftwerk an der Mosel ist technisch alles im grünen Bereich. Unterdessen häufen sich die kritischen Stimmen. Während einer Projektpräsentation der Stadtwerke Trier im Gemeinderat Ensch melden sich besorgte Bürger zu Wort.

Normalerweise dürfen Zuhörer im Gemeinderat keine Fragen stellen, doch bei der jüngsten Sitzung in Ensch macht Ortsbürgermeister Lothar Schätter eine Ausnahme. Es geht um das Megaprojekt in der Region schlechthin: das mit fast einer halben Milliarde Euro veranschlagte Pumpspeicherkraftwerk (PSKW).
Der Investor, die Stadtwerke Trier (SWT), will auf dem Hummelsberg bei Bekond einen künstlichen Speichersee mit sechs Millionen Kubikmetern Wasser anlegen, das gleiche Fassungsvermögen hat das 200 Meter tiefer geplante untere Staubecken im Kautenbachtal bei Ensch (der TV berichtete).

Von den etwa 20 Bürgern, die ins Gemeindehaus gekommen sind, um den aktuellen Sachstand und die Ergebnisse der mehrmonatigen Erkundungsbohrungen zu erfahren, sitzen einige schon während der Präsentation auf glühenden Kohlen, reden dazwischen und stellen Fragen. Beim Projektfilm der Stadtwerke herrscht noch Ruhe im Saal, doch als Sandra Volz (SWT) auf Details der bis zu 300 Meter tiefen Bohrungen und der Bodenuntersuchungen eingeht, platzt einigen Anwesenden der Kragen: "Wir haben ein ungutes Gefühl", meint ein Zuhörer, "eure Aufgabe muss es doch sein, uns die Angst zu nehmen." Ein anderer wirft den Stadtwerken vor, nicht "neutral" zu sein, zu wenig Respekt vor den Bürgern zu haben und die Belange des Umweltschutzes zu vernachlässigen. Auch unterschätze SWT die Risiken. "Der Berg ist voller Wasseradern, hält er dem Druck stand?", will eine Bürgerin wissen. "Liegen unsere Häuser künftig mehr im Schatten", fragt eine andere. Einer Anwohnerin sind die früheren Bergwerksstollen nicht geheuer. Sie hätte dazu gerne einen Geologen in der Ratssitzung befragt, aber es ist keiner anwesend.

"Wir haben immer alles gesagt, was wir wissen. Wir kommen gerne im Herbst wieder und bringen auch einen Geologen mit", versucht SWT-Projektleiter Rudolf Schöller die Gemüter zu besänftigen. Er bietet auch eine zweite Besichtigungsfahrt nach Nonnweiler an, zu einem Staudamm ähnlicher Größe und Bauart wie er bei Ensch geplant ist.
Auf die Frage, wo denn der "Gegenwert" für die Enscher Bürger liege, wo doch mehrere Jahre mit Unruhe im Dorf und dem Ausbleiben von Touristen zu rechnen sei, sagt Schöller, SWT biete Landbesitzern, egal ob Privatpersonen oder Gemeinde, Bürgerstromtarife und eine Beteiligung am Kraftwerk an. Auch beim Flurbereinigungsverfahren setzten sich die Stadtwerke am stärksten für die unmittelbar betroffenen Gemeinden ein.

Zum Projekt selber sagt der SWT-Abteilungsleiter, dass die Bohrungen an Ober- und Unterbecken keine technischen Ausschlusskriterien gezeigt hätten. Ausgesucht wurden die Standorte anhand von Kartenmaterial. Derzeit werden die Bohrkerne analysiert. Schöller kündigt weitere Bohrungen an. Verläuft alles nach Plan, soll der Baubeginn des Kraftwerks im Jahr 2017 sein; in Betrieb gehen soll es 2020.

Ortsbürgermeister Schätter erinnert an die Bürgerrechte beim laufenden Planfeststellungsverfahren: "Jeder kann
Bedenken und Anregungen einbringen." Befürchtungen, das Projekt könne zu mehr Hochwasser im Ort führen, teilt er nicht: "Wir kriegen eher Wasser aus der Mosel ins Haus als vom Damm." Die Kritik, die Gemeinde habe nicht ausreichend über das Vorhaben informiert, weist Schätter zurück: "Wir sind frühzeitig auf die Bürger zugegangen und haben sie beteiligt. Die Mehrheit hat das Projekt befürwortet."Meinung

Die Angst rückt näher
Seit die Idee vor gut zwei Jahren öffentlich wurde, hat das Pumpspeicherkraftwerk kaum höhere Wellen geschlagen als ein popeliges Windrad oder eine Photovoltaikanlage. Natürlich hat Fukushima so manchen Kritiker verstummen lassen, dennoch drängt sich die Frage auf: Wie kann ein Projekt, das massiv in die Natur eingreift und in seinen finanziellen Dimensionen sogar den Hochmoselübergang in den Schatten stellt, so lautlos und fast ohne öffentliche Kritik über die Bühne gehen? Liegt es daran, dass die Speicherseen auf der Höhe nicht so sehr ins Auge fallen? Oder verblassen mögliche Bedenken angesichts der Aussichten auf eine touristische Belebung, wie sie beim Kraftwerk in Vianden eingetreten ist? Oder ist es einfach nur blindes Vertrauen in die Technik und die Ingenieurskunst? Die schweigende Mehrheit der knapp 500 Enscher sieht das Projekt positiv. Dennoch sollten die Verantwortlichen die Hand voll Kritiker aus der Ratssitzung sehr ernst nehmen. Dass gerade jetzt, wo die ersten Bohrungen beendet sind und eine wichtige geologische Hürde genommen ist, die Angst vor einem Riesensee und einer 60 Meter großen Staumauer vor der Haustür hochkocht, ist nur allzu verständlich. Dagegen hilft nur lückenlose Transparenz. Allerdings ist Information nicht nur eine Bringschuld. Angebote wie die Fahrt zur Talsperre Nonnweiler oder Infoabende sollten auch angenommen werden. a.follmann@volksfreund.de

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