"Wir jagen nicht, um zu töten"

"Wir jagen nicht, um zu töten"

TRIER-QUINT/ZEMMER. Wer kann schon von sich behaupten, seine Fleisch-Mahlzeit auch selbst erlegt zu haben? Jeder der neun Jäger, die an diesem Abend im Forstamt in Quint sind, um gemeinsam zu jagen, kann das. TV-Redaktionsmitglied Anita Schack fragte sich, wie das ist, auf der Pirsch zu sein, und verbrachte ein paar Stunden auf dem Hochsitz.

Das große Latinum nützt zum besseren Verständnis von Jägerlatein gar nichts. Da hilft bloß fragen, fragen und nochmals fragen - und, den zeitweise recht derben Jägerhumor nicht allzu ernst zu nehmen. Denn bezüglich einiger Begriffe sind die beiden Förster und sieben Hobby-Jäger, die sich an diesem Abend im Forstamt in Trier-Quint eingefunden haben, auf Korrektheit bedacht. Allzu oft wird ihre Leidenschaft für Wald und Wild nämlich ins Gegenteil verkehrt und der Akt des Erlegens, der zum Jagen dazu gehört, abwertend als "abschießen", "abknallen" oder "tot schießen" bezeichnet. Dass zur verantwortungsvollen Jagd weit mehr gehört als ein geladenes Gewehr und etwas Treffsicherheit, wird schnell klar. "Sicherlich gibt es unter uns Jägern schwarze Schafe, die gegen die Regeln verstoßen und uns damit in ein schlechtes Licht rücken", kommt es aus der Runde. Mit denen wolle man aber nichts zu tun haben. Birgit Huels, die einzige Jägerin am Tisch, ergänzt: "In anderen Bundesländern kann man den Jagdschein in vier Wochen machen. Viel zu kurz, um das alles zu lernen." Damit meint die Hetzeratherin die vielen Kenntnisse und Fertigkeiten, die der Jungjäger vorweisen muss, um das "grüne Abitur" zu bestehen (siehe Stichwort). Ein Blick auf die Uhr - es ist kurz nach sieben - verrät, dass es Zeit wird, sich auf den Weg in den Wald zu machen. Wer meint, die Jagd sei ein geselliges Hobby, liegt nur zur Hälfte richtig. "Bei den so genannten Treibjagden kommen teilweise 50 Jäger zusammen, die gruppenweise ein bestimmtes Gebiet durchkämmen", erklärt Hobby-Jäger Rüdiger Herres. Heute stehe jedoch die "Einzeljagd mit Ansitz" auf dem Programm. Vor der Tür des Forstamts werden die letzten Absprachen getroffen. Mit "Waidmannsheil"-Rufen löst sich die Runde zügig auf. Birgit Huels versucht ihr Glück in einem Waldstück bei Zemmer. Kaum ist sie da, bricht das Schweigen an. Fast lautlos schultert sie ihr Gewehr und schnappt sich ihr Fernglas. Auf dem Hochsitz angekommen, sichtet sie die Lage: vor ihr eine große Grünfläche, daneben ein Waldweg. Jetzt heißt es warten. Warten darauf, dass ein Stück Wild die Deckung verlässt, um auf der Grünfläche zu äsen. Und warten darauf, dass es dabei die richtige Position, sprich seitlich stehend, einnimmt und mit einem Schuss durch die Herzkammer erlegt werden kann. Plötzlich tauchen drei Radfahrer auf und fahren winkend vorbei. Huels flucht leise. Denn "Störfaktoren" dieser Art verscheuchen das scheue Wild. Es wird acht, schließlich neun Uhr. Es ist gerade noch hell genug, um ein Tier benennen zu können. Eine Grundvoraussetzung, bevor geschossen werden darf. Kurz vor zehn beschließt Huels, die Jagd für heute zu beenden. Auch wenn sie dieses Mal vergeblich gewartet hat, sieht die Jägerin diese drei Stunden nicht als verschwendete Zeit an. "Hier komme ich zur Ruhe, als Mutter von drei Kindern brauche ich das. Andere meditieren oder machen Yoga, ich gehe auf die Pirsch." Zurück am Forstamt verrät die geöffnete Tür des Kühlhauses, dass andere erfolgreicher waren. Nach und nach trudeln die restlichen Jäger ein. Auf "Waidmannsheil" folgt "Waidmannsdank". Den Jägern, die Beute gemacht haben, werden die "Brüche" überreicht - Tannenzweige, die an den Hut gesteckt werden. "Eine Ehrung für Jäger und Wild", erklärt Forstamtsleiter Gundolf Bartmann. Derweil wird die Beute fachgerecht aufgebrochen, denn Wild verdirbt schnell. Kaum ist die "rote Arbeit" getan, versammelt sich die Gruppe zu einem letzten Umtrunk. Die stolze Bilanz dieses Abends: zwei Rehböcke.

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