Wir schweigen nicht

"Wir schweigen nicht, wir sind Euer Gewissen; die Weiße Rose läßt Euch keine Ruhe" - Flugblätter mit dieser Überschrift flatterten vom obersten Stockwerk der Münchner Universität. Am 18. Februar 1943 sah der Hausmeister Jakob Schmied die Blätter durch das Treppenhaus segeln, rannte den Verteilern nach, schleppte sie ins Rektorat und stellte somit die Ordnung wieder her.

3000 Reichsmark war die Belohnung für den gefeierten Helden. Die da verhaftet, verhöhnt und gedemüdigt wurden, wussten um das Risiko ihrer Aktion. Sophie und Hans Scholl hatten Erfahrungen mit der Gestapo. Der Vater war von seiner Sekretärin denunziert worden, Hans für vier Wochen in Gestapo-Haft gewesen. Sie wussten um die Greuel des Krieges und in den KZ. Sie wussten um die katastrophale militärische Lage und die Beschreibung durch die offizielle Propaganda. Sie wussten um die menschenverachtende Umgangsweise mit Andersdenkenden. Sie sahen das Risiko und dennoch sahen sie keinen anderen Weg. Sie wollten durch Flugblätter ihre Mitbürger informieren und aufrütteln, dem Terror ein Ende zu bereiten. Das hatte für sie mit Gewissen zu tun. Dafür bezahlten sie mit ihrem Leben. Nach einem Schauprozess wurden sie zum Tode verurteilt und hingerichtet, vor sechzig Jahren in Deutschland. Sophie und Hans Scholl wuchsen auf in einer Familie, in der die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen selbstverständlich war. Der Vater verweigerte im Ersten Weltkrieg den Kriegsdienst. Selbstständiges Denken und Toleranz lernten sie von klein auf. Die Missachtung von Jüdinnen und Juden wären Verrat an Freundinnen und Freunden gewesen. Das Verschweigen der Greuel und des Elends an der Front wäre für Sophie Scholl die Verleugnung des Geliebten gewesen, der als Soldat an der Front war. Sechzig Jahre später erinnert ihr Mut, dass es Situationen gibt, in denen es gilt, sich einzusetzen, persönliche Risiken nicht zu scheuen, das zu sagen, was notwendig ist. Welche Botschaften ihre Flugblätter heute enthielten, ist uns überlassen, ebenso die Antwort auf die Frage, ob wir den Mut dazu haben, das zu sagen, was notwendig ist. Heute ist die Meinungsfreizeit im Grundgesetz festgeschrieben. Was hindert uns? Christoph Pistorius Superintendent pistorius.trier@ekkt.de