Wo der Tod zum Alltag gehört

Wo der Tod zum Alltag gehört

Der Tod eines geliebten Menschen ist eine einschneidende Erfahrung im Leben eines jeden Menschen. Ulrike und Jörg Grandjean haben tagtäglich mit solch traurigen Ereignissen zu tun. Gemeinsam leiten sie ein Bestattungsunternehmen in Trier. Ein Einblick in einen nicht alltäglichen Alltag.

Trier. Eine Trauergemeinde schart sich um ein Grab auf dem Südfriedhof. Ihre schwarze Kleidung hebt sich deutlich vom sanften Weiß des winterlich verschneiten Bodens hab. Jeder unruhige Tritt ist zu hören, der Schnee knirscht unter den Füßen. Doch ansonsten ist es ruhig an diesem Tag. Die Welt scheint stillzustehen, als der Moment des endgültigen Abschieds für die Trauergäste gekommen ist. Gleich wird Jörg Grandjean die Urne, die er in den Händen hält, in das Grab hinablassen.

Was für viele Menschen zu den traurigsten Erfahrungen in ihrem Leben gehört, ist für Grandjean Alltag. Der 45-Jährige ist Bestatter, führt zusammen mit seiner Frau ein Unternehmen in Trier. Kein Allerweltsjob: Der Beruf sei mit Tätigkeiten verbunden, die nicht jedermanns Sache seien, findet Grandjean. Beispielsweise, wenn es um die Einbettung eines Toten gehe. "Aber ich fühle mich erfüllt von dem, was ich tue", sagt er. Auch, wenn er tagtäglich einen Spagat damit vollbringe, Seelentröster auf der einen und Geschäftsmann auf der anderen Seite zu sein. "Sicherlich wollen meine Frau und ich mit unserem Beruf Geld verdienen. Aber dadurch, dass wir den Menschen in einer schwierigen Zeit beistehen, leisten wir auch viel auf dem sozialen Sektor."

Seit 1987 arbeitet Grandjean in dem Familienbetrieb. Zuvor habe er beim Bundesgrenzschutz gearbeitet, sei dann aber doch zur Familie nach Trier zurückgekehrt, um mit seinem Vater das Geschäft weiterzuführen. Seine Ehefrau Ulrike hat ebenfalls über einen Umweg zu dem Beruf gefunden. Die 39-Jährige ist gelernte Bauzeichnerin. Seit 1997 ist sie im Unternehmen mit an Bord, hat den Beruf "von der Pike auf gelernt", wie sie sagt. Über zahlreiche Fortbildungen hat sie es bis zur Bestattermeisterin gebracht, der Einzigen in Trier. Auch eine Auszubildende haben sie mittlerweile im Betrieb.

80 Prozent der Bestattungen, die die Grandjeans betreuen, sind Feuerbestattungen. "Als ich angefangen habe, waren es gerade einmal fünf Prozent", sagt Jörg Grandjean. In den vergangenen Jahren habe sich das gewandelt. Bei Menschen, die sich frühzeitig um Bestattungsvorsorge kümmerten, sei der Prozentsatz sogar noch höher. Grandjean vermutet: "Den Hinterbliebenen soll keine Arbeit gemacht werden."

Der Familie von Verstorbenen Arbeit abzunehmen, das ist auch das Anliegen des Trierer Bestattungsunternehmens. Ob Terminabsprachen zwischen Familie, Pfarrer, Friedhofsverwaltung und Stadt, verschiedene Behördengänge oder das Anfertigen einer Todesanzeige: Im Büro des Bestattungsunternehmens laufen die Fäden zusammen. In erster Linie sei man eben Dienstleister, sagt Jörg Grandjean. Und Organisationstalent gehöre zum Beruf dazu, ergänzt Ehefrau Ulrike. Ebenso wie der Wille, "mithalten zu können". Denn häufig hätten Angehörige spezielle Wünsche für die Trauerfeier: Bilder, die mit einem Beamer gezeigt werden sollen, eine Power-Point-Präsentation, besondere Musik.

So ist es auch bei der Beisetzung, die die Grandjeans an diesem Tag betreuen. Lautsprecherboxen, Verstärker, Mikrofon: Damit macht sich das Bestatter-Ehepaar auf zur Friedhofskapelle auf dem Südfriedhof. Mit Blumen, Kerzen und Tüchern dekorieren die beiden den ansonsten kargen Raum dezent für den traurigen Anlass.

Auch wenn bewegende Momente zum Alltag der Grandjeans gehören, käme ein anderer Beruf für beide nicht infrage. Der einzige Wermutstropfen seien die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Perfekt wäre es, sagt Jörg Grandjean, wenn er mehr Zeit für seine Familie hätte und einiges planbarer wäre. "Der Tod schaut eben nicht auf den Wochentag", sagt er. Da müsse ein Rodelausflug mit seinen drei Kindern am Wochenende schon einmal kurzfristig ausfallen.

Für Ehefrau Ulrike ist dieser Aspekt ebenfalls das größte Manko des Berufs - die Vielschichtigkeit mache das jedoch wieder wett. Allerdings werde auch ihr, trotz aller Routine, bei manchen Schicksalen schwer ums Herz. "Man sollte zwar Haltung bewahren, aber das klappt nicht immer", sagt sie. Wenn es beispielsweise um schwere Schicksalsschläge gehe oder wenn Kinder stürben - das nehme sie schon einmal mit nach Hause. "Es wäre aber auch schlimm, wenn das nicht so wäre."

An diesem Tag hingegen läuft alles routiniert. Als die Trauergemeinde in der Kapelle eintrifft, läuft zarte Musik vom Band. Von Jörg Grandjean ist während der kurzen Andacht kaum etwas zu sehen - erst gegen Ende geht er nach vorn, verneigt sich vor der Urne. Er nimmt und zeigt sie den Angehörigen, verneigt sich erneut. Er wolle nicht schwülstig klingen, sagt er später, aber: "Ich empfinde eine Art Ehre, Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten zu dürfen."

Auf dem verschneiten Südfriedhof ist die Stille weiterhin ungebrochen. Alle Augen sind auf Grandjean gerichtet, als er langsam und behutsam die Urne in das Grab hinablässt. Für die Angehörigen wird der Abschied von ihrem geliebten Menschen noch einmal schmerzlich deutlich - für Bestatter Grandjean geht ein Teil seiner Arbeit zu Ende. Eine Arbeit, mit der er den Angehörigen eine schwere Zeit vielleicht ein wenig erleichtert hat.