Wo war Wolfgang?

TRIER. (mew) Er breitete einen vielfältigen Unterhaltungsteppich in der Tuchfabrik aus. Doch der Schwerpunkt seines Programms "Genie und Unsinn – Wolfgang Amadeus Mozart und der Klaviator" lag definitiv auf dem zweiten Teil. Keine schlechte Idee, denn wenn Lars Reichow in die Tasten greift offenbart der Kabarettist seine Stärken: Stimme und Swing.

Lars Reichow sei Dank. Er hat meine feuchten (tränenreichen!) Träume aus Gymnasialzeiten aufgeklärt. Schmachtend schickte ich damals einem blond gelockten Achtklässler sehnsüchtige Wimpern-Klimperer hinterher, mein Herz stolperte sobald ich ihn im Gang erblickte. Und warum? Weil er Blechbläser war - so erklärt es zumindest der Kenner Reichow: "Solo-Trompeter sind die Womanizer des Orchesters." Gut, ich sehe klarer, frage mich nur, warum er sich nicht selbst in die Reihen der Blechbläser integriert hat (okay, er ist des Posaunespielens mächtig, vermutlich hätte diese einfach die Kapazität seines Kombis gesprengt). Eine leicht exhibitionistische Veranlagung für Aufsehen erregende Auftritte ist auch dem Mainzer Musikkabarettisten anzumerken: Mit ungeheurer Darstellungsfreude bespielt er die hin und wieder mit der Beleuchtung kämpfende Bühne im großen Saal. Steht er kurzzeitig im Dunkeln, schlägt er auch aus solch kleinen Pannen kabarettistisches Potential: "Huhu ich sitze gerade hiehiiier am Klavier!" instruiert er lautstark die Technik und erntet Lacher. Zwischen Stehtisch und Flügel

Sein ständiger Wechsel zwischen dem schlichten Stehtisch und dem schwarzen, zentriert positionierten Flügel visualisiert die Programmschwerpunkte: seine Stand-Ups (manchmal leider mit Hilfe vom Blatt) schippern in eher ruhigen Humorgewässern - gefällig, aber nicht unvergesslich. Richtig Fahrt nimmt das Unterhaltungsschiff auf, wenn es auf der Klavierbank Platz nimmt. Plötzlich sprüht Lars Reichow vor Rhythmus, einer manchmal leicht Reibeisen-rauer Stimme und raffinierter Tastenbehandlung. Seinen Spitznamen "der Klaviator" trägt er mit Augenzwinkern aber zu recht. Swingend beschreibt er das moderne Männerbild gewürzt mit einer riesigen Prise (Selbst-)Ironie. Er kommt zu dem harten Schluss "entweder sind sie in den Hechelkursen schwul geworden oder pendeln irgendwo zwischen allein erziehendem Vater und gemeinnützigem Liebhaber". Jeans gegen Anzug getauscht

Ein Mann wird erstaunlich selten mit kabarettistischem Können seziert: Mozart. Hin und wieder scheint Reichow einzufallen, dass er ihn in seinem Programmtitel erwähnt hat und schiebt (politisch) schwarzen Humor nach: "Mozart war nicht nur ein Wunderkind, sondern wirkte auch Wunder. So geben nicht nur mit Mozart beschallte Kühe mehr Milch, auch Familienministerin von der Leyen führt ihre Fruchtbarkeit auf dessen Musik zurück." Zwischenzeitlich klaut Reichow reichlich bei sich selbst. Er recycelt ältere Programmpunkte, was sein Publikum nicht zu stören scheint. Einige haben ihn schon mehrfach gesehen und wissen, was sie bekommen. "Ich habe ihn schon damals in Frankfurt erlebt, als er noch in Jeans und Hemd auftrat und freue mich, wenn er auch alte Sachen wieder aufgreift", erzählt die Sitznachbarin. Mittlerweile trägt der 42-Jährige Anzug und wechselt sogar in der Pause das Hemd - in Anbetracht des subtropisch anmutenden Raumklimas und der vorher geleisteten Verausgabung nur allzu verständlich. Sein sich fugenartig steigerndes Musik-Bild "Alles über Deutschland" voller bunter, landestypischer Eindrücke und Aussprüche ("Wuff, wuff der macht nichts, der will doch nur spielen", "Wenn sie das bezahlen, kein Problem", "Tor!", "Ratz, Ratz Ratzinger", "Habemus papam - sumus papam" etc.) ist Kräfte zehrend. Einen Ausblick auf sein bereits im Oktober in Trier laufendes Programm "Glücklich in Deutschland" liefert er mit dem gleichnamigen Song. Optimistisch spielt Reichow gegen jegliche deutsche Depression an. Und auch das Rätsel des meist abwesenden Salzburger Wunderkindes klärt er schließlich auf: "Wir haben doch Mozartjahr, da sollte man es nicht übertreiben."