Wild: Wohnzimmer für Wildschweine

Wild : Wohnzimmer für Wildschweine

Die Tiere verlieren ihre Scheu, dringen in Wohngebiete ein und verursachen hohe Schäden. Die Stadtverwaltung Trier hat auf einer Krisenkonferenz mit neun Ortsvorstehern nach Lösungen gesucht. Auch im Landkreis Trier-Saarburg gibt es viele Fälle.

Die Nacht ist ihre Zeit. Auf der Suche nach Futter wagen sich die hungrigen Rotten dicht an Häuser heran und durchsuchen Gärten und Grundstücke nach Futter. Zerwühlt und durchlöchert lassen sie die Szenerie zurück, die den Anwohnern am nächsten Morgen eine böse Überraschung bereitet.

Bekannt ist das Problem in Trier und Trier-Saarburg (siehe separaten Bericht unten) seit Jahren – Tendenz steigend. In der Stadt Trier etwa hat die Wildschwein-Population stark zugenommen, die Stadtverwaltung spricht von 300 Prozent in den letzten Jahren. „Die Tiere fühlen sich in der Stadt wohl, weil Wiesen, stillgelegte Weinberge, Ausgleichsflächen und brachliegende Streuobstwiesen für sie wie ein Wohnzimmer sind“, sagt Baudezernent Andreas Ludwig (CDU). Auf einer Krisenkonferenz mit neun Ortsvorstehern betroffener Stadtteile hat die Verwaltung nach Wegen gesucht, das Problem mit den Schwarzkitteln in den Griff zu bekommen. Und diese Maßnahmen könnten auch im Umland angewandt werden.

Wenn Wildschweine ein Privatgrundstück mit ihren starken Nasen zerwühlen, müssen weder der für das betroffene Areal zuständige Jagdpächter noch die Jagdgenossenschaft für den Schaden aufkommen. Auf diese Art der Entschädigung haben nur betroffene Landwirte und Waldbesitzer ein Anrecht, und auch hier müssen oft Gerichte entscheiden. Ein privater Haus- und Gartenbesitzer kann allenfalls starke Zäune bauen.

In den Randlagen der Stadt Trier rücken Wildschweine regelmäßig dicht an die Wohnhäuser heran und verwandeln Wiesen und Gärten in mit Erdklumpen übersäte Kraterlandschaften. „Die Schäden sind enorm“, sagt Werner Gorges, der Ortsvorsteher von Tarforst. Neben zahlreichen Gärten haben Wildschweine auch einen Spielplatz in Tarforst zerwühlt. „Es wird immer mehr“, sagt Gorges. „Hier muss dringend etwas geschehen.“

Der Landesjagdverband Rheinland-Pfalz betont, er habe seine Pflichten erfüllt. Fast 89 000 Wildschweine haben die Jäger im Jagdjahr vom 1. April 2017 bis zum 31. März 2018 im Land erlegt. Diese Zahl übertrifft den bisherigen Rekord von 2008 um zehn Prozent und die Zahl des Jagdjahrs von 2016 bis 2017 sogar um fast 50 Prozent. Statistisch gesehen wird in Rheinland-Pfalz alle sechs Minuten ein Schwarzkittel geschossen. Ein  notwendiger Schritt, sagt die Jägerschaft und spricht von „Bestandsreduktion“. Sie ändert aber offenbar nichts am weiteren Vorrücken der Wildschweine in die Wohngebiete, innerhalb derer die Jagd natürlich nicht erlaubt ist.

„Ich erhalte immer wieder Anfragen von betroffenen Anwohnern, deren Grundstücke verwüstet worden sind“, sagt Ortsvorsteher Gorges. Betroffene wenden sich auch an die Redaktion des TV. „Das Problem scheint unlösbar zu sein“, sagt Martin S., der seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Schließlich soll nicht alle Welt erfahren, in welch üblem Zustand mein Grundstück mittlerweile ist.“ Er schätzt die Summe aller in den letzten Jahren entstandenen Schäden auf einen „mittleren fünfstelligen Bereich“.

Die Stadt Trier reagierte und lud neun Ortsvorsteher zu einer Krisenkonferenz ein. Deren Motto: „Schäden durch Wildschweine“. Die Einladungen gingen nach Tarforst, Ehrang, Heiligkreuz, Kernscheid, Kürenz, Irsch, Ruwer, Pfalzel und Olewig.

Was kam dabei heraus? „Um das Problem in den Griff zu bekommen, sind an vielen Stellen Aktionen nötig“, sagt Baudezernent Ludwig. Privatpersonen können ihre Hausgrundstücke durch einen wildschweinsicheren Zaun schützen, der aber mindestens 30 Zentimeter tief im Boden eingegraben sein sollte. „Für landwirtschaftlich genutzte Flächen könnte neben den bekannten Elektrozäunen eventuell ein sogenannter Putenzaun eine Lösung sein, mit dem in Ehrang vergangenes Jahr gute Erfahrungen gemacht wurden“, erklärt Ludwig. Bei diesen Zäunen liegt auf der Fläche vor dem Zaun auch auf dem Boden eine Folie, die mit dem Zaun verbunden ist. Wenn die Schweine den Zaun anheben wollen, klappt dies nicht, da sie selbst auf der Folie stehen. Aber auch andere Lösungen etwa mit Vergrämungsmitteln wie Schwefel-Linsen werden derzeit in der Landwirtschaft auf ihre Tauglichkeit getestet.

Doch all das reicht noch nicht. „Wir müssen auch überlegen, ob und wie zugewachsene Flächen zurückgeschnitten werden können und ob Mulcharbeiten eine neue Verbuschung verringern können“, sagt der Baudezernent. Dahinter steckt der Plan, den Schweinen die Verstecke zu nehmen und damit den sicheren Rückzug abzuschneiden. „Wenn wir den Tieren keine Rückzugsmöglichkeiten in der Nähe von Häusern bieten, so das Kalkül, kommen sie hoffentlich auch nicht mehr dorthin“, erklärt Ortsvorsteher Gorges.

Die Jagdbedingungen sollen verbessert werden. „Das kann beispielsweise durch Schussschneisen in verbuschtem Gelände und behördliche Ausnahmegenehmigungen geschehen. Hier sind wir im Gespräch mit den Jägern“, sagt Baudezernent Ludwig. „Ein wichtiger Punkt ist die Verpachtung der Jagdreviere an ortsansässige Jäger. In der Stadt Trier konnten wir dies in den letzten Jahren bereits aufgrund der guten Nachfrage nach Jagdrevieren umsetzen.“

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