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Wut und Angst der freien Träger

Wut und Angst der freien Träger

Wir haben keine sichere Zukunft und werden nicht geschätzt: Verantwortungsträger der Jugend- und Sozialarbeit haben der Verwaltung und den Ratsfraktionen sehr deutlich mitgegeben, wie sie die Lage sehen. Die Grünen wollen beantragen, die Kürzung der Zuschüsse an die freien Träger wieder rückgängig zu machen.

Die freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe beschäftigen 100 Mitarbeiter, die 10 000 Kinder betreuen. "Aber wir fallen hinten runter", sagt Bettina Bulitta-Steimer. Die Leiterin des Jugendzentrums Mergener Hof in direkter Nähe der Porta Nigra ist am Mittwochabend Gastgeberin einer im doppelten Sinn heißen Diskussion. Im übervollen und deshalb auch überhitzten Keller des Jugendzentrums rückt die gesamte Trierer Szene der Jugend- und Sozialarbeit eng zusammen. Jugendliche, Mitarbeiter, Vorstände, Fürsprecher und Ehrenamtliche wollen Sozialdezernentin Angelika Birk (Die Grünen) und Vertreter der Ratsfraktionen frontal mit ihrer Empörung und ihren Sorgen um die Zukunft konfrontieren.

Die freien Träger: Reinhold Spitzley (Foto), Geschäftsführer des Palais e. V., eröffnet die vom Stadtjugendring und der Liga der Wohlfahrtsverbände organisierte Diskussion. "Jede Kürzung tut weh", betont er und bezieht sich dabei auf den Beschluss des Stadtrats vom Juni, die Vorlage des Sozialdezernats anzunehmen und die Zuschüsse der Stadt an die freien Träger um insgesamt 168 000 Euro zu kürzen (der TV berichtete mehrmals). "Da wird ein Nachtragshaushalt mit einer sechsstelligen Steigerung der Kosten eines Kita-Ausbaus locker durchgewunken, aber für uns ist kein Geld da."
Hilger Hoffmann vom Exhaus fordert ein stabiles Konzept für alle Jugendeinrichtungen in Trier. "Die Träger brauchen Planungssicherheit." Jörg Drekopf vom Stadtjugendring betont: "Seit 2006 gab es keine Erhöhung des städtischen Zuschusses mehr. Wir haben nur noch drei feste Stellen und mussten auf 400-Euro-Jobber umschichten." Jürgen Etzel, Referent der Diakonie, kritisiert: "Seit anderthalb Jahren laufen die Gespräche, aber noch immer gibt es keine sichere Planung." Spitzley fasst zusammen: "Auch wenn Verwaltung und Fraktionen erklären, dass sie Verständnis für unsere Lage haben, ändert das nichts. Jeder schiebt die Schuld auf den anderen."

Die Dezernentin: Angelika Birk (Foto) weist alle gegen sie gerichteten Vorwürfe zurück. "Ich ziehe mir den Schuh nicht an, über die Kürzungen nicht informiert zu haben." Die finanziellen Probleme, unter denen die Träger leiden, habe der Gesetzgeber so gewollt. "Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion fordert von uns Kürzungen im freiwilligen Bereich, und der betrifft eben Sie. Ich habe diese Härte nicht gewollt." Birk bot den Trägern Verträge "auf niedrigem Niveau" an. "Das ist immer noch besser, als komplett ohne Verträge dazustehen, wenn die nächste Kürzungsforderung der ADD kommt."

Die Fraktionen: Die FDP kommt erst gar nicht, die Linke schickt den nicht im Rat sitzenden Marc-Bernhard Gleißner, der Rest hat es schwer.
"Wir hatten aufgrund unserer Gesamtverantwortung für die Stadt keine Chance, die Kürzung Ihrer Zuschüsse abzulehnen", sagt Sven Teuber (SPD). "Wir sind doch keine belanglosen Polithansel", ruft Jürgen Plunien (CDU) der Menge zu. Petra Kewes (Die Grünen) kündigt an: "Wir werden kommende Woche im Stadtrat beantragen, die Zuschüsse wieder auf den Stand von Anfang 2012 zurückzusetzen." Woraufhin Hans-Alwin Schmitz (FWG) sofort erklärt: "Dem werden wir zustimmen."

Das Publikum: Hier wird viel Adrenalin frei. "Wir sparen seit Jahren", ruft Dirk Mentrop vom Exhaus. "Ich weiß nicht, ob ich Weihnachtsgeld bekomme oder ob es meine Stelle im nächsten Jahr noch gibt." Petra Moske vom Nestwärme e. V. (Foto) klagt an: "Die Verwaltung kann sich unsere Existenzängste überhaupt nicht vorstellen." Caritasdirektor Bernd Kettern stellt fest: "Mir fehlt der politische Impuls, dass hier das soziale Kapital der Stadt sitzt."Meinung

Ausweichmanöver
Es ist eine wirklich simple und klare Erkenntnis, doch weder die Ratsfraktionen noch Sozialdezernentin Angelika Birk können sich überwinden, sie laut auszusprechen: Die Jugend- und Sozialarbeit hat in Trier höchste Priorität. Sie ist wichtiger als die Kultur- und Sportlandschaft, wichtiger als das Theater, wichtiger als jeder Kunstrasenplatz. Da die Mittel schon lange nicht mehr ausreichen, um alle so zu fördern, wie sie es verdienen, muss die Trierer Politik sich einigen, was unaufschiebbar wichtig ist und was noch warten muss. Doch das geschieht nicht. Die Diskussion im Mergener Hof hat die alten Argumentationsstrukturen wieder bestätigt: Die Verwaltung fordert mehr Geld vom Land, der Rat fordert klare Konzepte von der Verwaltung. Die Wut der freien Träger ist angesichts dieser Ausweichmanöver völlig berechtigt. j.pistorius@volksfreund.de