Zartbittere Heimatmelodien

TRIER. Mit Liedern und spitzzüngigen Wortspielereien über sinkende Liebesschiffe und die Kindheit auf dem flachen Land entzückte das androgyne Berliner Duo "Malediva" im großen Saal der Tuchfabrik.

Die dunkle Kulisse lässt die bleichen Gesichter mit ihren rot geschminkten Lippen von Tetta Müller und Jo Malinke noch weißer aussehen. Die beiden preisgekrönten androgynen Kunstfiguren wirken fremd - auf den ersten Blick. Wenn man ihre Lieder hört, ihren Zwiegesprächen lauscht, verschwindet das Schräge für Momente und flackert dann doch immer wieder auf. Vor allem die "Generation Golf" erkennt sich wieder und frohlockt, wenn "Malediva" von Sanostol-Gaben, Tesa-Film-Haarschnitten und von "Wer-zieht-seine-Kinder-am- döoftens-an"-Muttis erzählt.Genaue Beobachter alltäglicher Absurditäten

"Malediva" sind genaue Beobachter alltäglicher Absurditäten, die heute passieren oder rückblickend in Kindheitstagen zu finden sind. In "Heimatmelodie", ihrem neuen Programm, zeigen sie, wie man eine Kindheit auf dem flachen Land mit viel Fantasie übersteht. Tetta, die "Schönheit von Malediva", weiß, wovon er spricht. 1970 in Kassel geboren, musste er mit seinem Eltern aufs Land ziehen, was er ihnen sehr übel nahm. Und wenn er von artgerechter Schweinezucht plaudert, können sich die 150 Zuhörer in der Tufa nur schwerlich vorstellen, dass Tetta jemals einen Stall betreten hat. Lo Malinke kam - ohne Wahl - im selben Jahr wie sein Pendant in einem kleinen Dorf in Nordhessen zur Welt. Heute lebt das Paar in Berlin und präsentiert kabarettistischen Chanson und eine Spur von Selbstverliebtheit auf der Bühne. Und: Tetta und Lo können über sich selbst lachen. Dann beispielsweise, wenn es mit dem Duett nicht so klappen will und das Publikum den betörenden Künstlern sofort verzeiht. Tetta und Lo fordern den Zuschauer heraus. Bunte und blumige Plaudereien werden immer wieder schwarz gefärbt. Manchmal bleibt das Lachen im Halse stecken. Dann greift Pianist Florian Ludewig in die Tasten, und das Duo besticht mit zauberhaften Melodien. Meist sind es Herzschmeicheleien, das zweite Standbein des Programms "Heimatmelodien". Die Liebe zwischen zwei Menschen - laut Tetta ein zartes Pflänzchen - ist immer wieder Thema der Lieder und der giftigen Zwiegespräche. Mucksmäuschenstill wird es im Saal, wenn die Künstler "Ich hasse dich" singen. In den Liedern ums Verlassenwerden wechseln poetische Hammerschläge mit sentimentalen Wortspielen ab. Nichts scheint Tetta und Lo zu entgehen: Unachtsamkeiten in menschlichen Beziehungen, Sprachlosigkeit und manchmal auch ein Zuviel der Worte. Die Musik ist handgemacht, komponiert und arrangiert von Florian Ludewig. Nach zwei Stunden voller Gegensätzlichkeiten fordern die Zuschauer mit lang anhaltendem Applaus noch mehr Melancholie vom Land.