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Zeit drängt in der Riverissiedlung?Trier

Stadtentwicklung : Die Zeit drängt in der Riverissiedlung 

Der Abriss der nicht mehr bewohnten Gebäude schreitet voran. Sinti-Großfamilien am Grüneberg warten auf konkrete Angebote der Stadt für einen Umzug. Das Misstrauen ist groß.

In der Wohnstube von Jacques Kling bollert beim Treffen mit dem TV-Redakteur behaglich ein Kaminofen. „Um unsere Wohnungen kümmern wir uns seit 20 Jahren komplett selbst“, sagt der Mittelsmann der Sinti-Großfamilien, die seit fast 180 Jahren in der Riverisstraße wohnen, seit den 60er Jahren in Reihenhäusern, von denen etwa die Hälfte derzeit entkernt und abgerissen wird. „In den bewohnten Gebäuden macht die Stadt seit langem nur noch die wirklich wichtigen Reparaturarbeiten.“

Als unmittelbare Kritik will er das nicht verstanden wissen, macht der Mann deutlich. Schließlich sei man seit einiger Zeit wieder im Gespräch mit der Stadtverwaltung. Und sollte alles optimal laufen, sei man sogar bereit, aus der Siedlung auszuziehen. „Aber nach allem, was vor 20 Jahren passiert ist, sind die Menschen hier natürlich sehr misstrauisch.“

Damals sollte für die Bewohner der Riverissiedlung im Bereich der Kleingärten oder des alten Sportplatzes am Grüneberg ein neues Domizil entstehen. Als das nicht zustande kam, sind viele Menschen auf Druck der Verwaltung in neue Wohnungen gezogen, die über die Stadt verteilt waren. „Hier ist nur geblieben, wer die Hilfe der Familie hatte“, sagt Jacques Kling.

Inzwischen hat sich auch Mutter Kling mit an den Tisch gesetzt. „Hier leben fünf Generationen zusammen“, sagt sie stolz. „Bei uns gibt es kein Altersheim. Ohne diesen Zusammenhalt wären wir in der Vergangenheit aufgemischt worden.“

Nur einen Steinwurf von der Gebäudezeile entfernt, in der die Klings wohnen, nagen Bagger an den Gemäuern der Gebäude, die wegen ihrer miserablen Bausubstanz seit Jahren nicht bewohnbar sind. Im Juni 2017 hatte der Stadtrat den Abriss beschlossen. Mit dem Schutt sollen Baugruben auf dem benachbarten Gelände des gemeinsamen Energie- und Technikparks (ETP) der Stadtwerke und der Stadt Trier – dem ehemaligen Areal der Firma Ehm – verfüllt werden.

Vor allem wegen des geplanten Ausbaus des Gewerbegebiets und den dadurch folgenden Lärmbelästigungen will die Stadt möglichst rasch einen Umzug der derzeit etwa 40 Bewohner der Riverissiedlung erreichen. Bürgermeisterin Angelika Birk hat auf Rückfrage unserer Redaktion versichert, dass niemand seine Wohnung verlassen muss, der dies nicht möchte. „Kein einziger Mietvertrag wird gekündigt.“ Im Dezember hatte sie sich bei einem Ortstermin selbst davon überzeugt, dass die Wohnungen von den Sinti sehr gut in Schuss gehalten worden sind. Von dem großen Familienzusammenhalt ist sie beeindruckt. „Dass die Jungen mit den Alten unter einem Dach wohnen und sie pflegen, wenn sie gebrechlich sind, ist für Sinti selbstverständlich.“

In mehreren Gesprächen, bei denen Ortsvorsteher Bernd Michels („20 Jahre lang herrschte Funktstille zwischen Bewohnern und Verwaltung“) die Moderatorenrolle übernommen hat, haben sich die Stadt und die Menschen in der Riverisstraße geeinigt. Jacques Kling: „Wir sind gerne hier und wollen im Grunde nicht wegziehen. Aber wenn die Stadt uns etwas Passendes anbietet, wären wir dazu bereit. Vor allem, weil wir unseren Kindern eine Perspektive bieten wollen. Die sind für uns das Wichtigste.“ Wenig Verhandlungsspielraum gibt es deshalb in vier Punkten: „Wir wollen als Familie zusammenbleiben. Unser Leben funktioniert nicht in einem sechsstöckigen Hochhaus. Wir brauchen etwas Grün und Freiraum. Und ein sozialer Brennpunkt kommt nicht infrage, denn wir wollen keine Konflikte provozieren.“

In der gemütlichen Stube mit dem bollernden Kaminofen erzählen Jacques Kling und seine Mutter nach dieser Aufzählung von der Geschichte der Sinti in Trier. Sie sprechen von Vorurteilen, mit denen sie auch heute noch oft konfrontiert werden, und davon, warum deshalb ein Umzug nach Mariahof nicht infrage kommt. „Wir brauchen von der Stadt ein zeitnahes Angebot“, macht Mittelsmann Kling deutlich. „Von irgendwann zu reden, ist für uns keine Option.“