Zierde oder Schandfleck? – Eine Provinzposse

Zierde oder Schandfleck? – Eine Provinzposse

TRIER. Alle Züge einer Provinzposse trägt der Streit um die Farbgestaltung zweier Mehrfamilienhäuser im Neubaugebiet Petrisberg. Teile der Nachbarschaft laufen Sturm gegen die bunten Töne, mit denen ein angesehener Maler und Restaurator die Gebäude im Auftrag des Bauherrn versehen hat.

Etwas Ungeheuerliches muss passiert sein am neuen Petrisberg. "Fassungslos" und "entsetzt" stehen die Anwohner vor der Missetat, kochend vor "Wut" und "Ärger" über einen "Schandfleck", wie 22 von ihnen dem Verursacher in gleichlautenden Schreiben mitteilten. Nein, es geht nicht um die Bombardierung von Beirut oder die Veröffentlichung von Kinderpornographie, wie das benutzte Vokabular der Protestbriefe vermuten lässt. Der Stein des Anstoßes sind zwei Mehrfamilienhäuser an der Robert-Schumann-Allee. Seit drei Monaten erstrahlen sie in Gelb- und Orange-Tönen, in schwunghaften Wellen aufgebracht, mit kleinen steinernen Eidechsen oder Chamäleons, die entlang der Farblinien die Fassaden erklimmen. Der Bauherr ist hoch zufrieden mit der bunten Gestaltung. Auch die Eigentümer der Wohnungen in den beiden Häusern hätten keine Probleme mit der Farbenpracht, versichert Hausverwalter Attila Racz. "Am Anfang haben wir heftig diskutiert, aber inzwischen bin ich richtig begeistert", erzählt Ernst Hauer, der ein Penthouse bewohnt. Um so verärgerter war Hauer, als er vom Schreiben einiger Nachbarn hörte. Nicht wegen der Kritik an der Gestaltung, sondern "wegen der Tonart und der Intoleranz" dieses "emotionalen Aufschreis". Auch Racz als Vertreter des Bauherrn ist sauer. Vor allem, weil die Anwohner geschrieben haben, die "Werterhaltung" ihres eigenen Grundstücks sei nun "deutlich beeinträchtigt", da der Gebäudekomplex "aufgrund des Anstrichs eher was von sozialem Wohnungsbau" habe, was nicht mit der "Philosophie" eines teuer bezahlten "gehobenen Wohngebietes vereinbar" sei. Dabei hatte der Bauherr eigens einen angesehenen Kunsthandwerker mit der Farbgestaltung beauftragt. Stefan Schwarz, Maler und Restaurateur aus Trier, hat eine ganze Reihe von Projekten betreut, unter anderem die Restaurierung des Steingröver-Hauses der Sparkasse und die Farbgestaltung der Peter-Friedhofen-Kapelle. Aus ganz Deutschland kommen seine Aufträge, vor allem aus kirchlichen Kreisen. Dass man seine Arbeit derart abqualifiziert, findet der 47-Jährige "infam". Natürlich sei es legitim, dass nicht jedem seine Arbeit gefalle. "Farbe ist immer Provokation", sagt Schwarz und vermutet, die Leute hätten heutzutage "einfach Angst vor bunten Farben". Seine Absicht sei es gewesen, "ein Signal gegen die Tristesse zu setzen". Die Gestaltung sei kein Zufall, sondern folge einem exakten Konzept. Letzteres erschließt sich offenbar nicht jedem. Auch die Entwicklungsgesellschaft Petrisberg habe sich ihm gegenüber abfällig über die Häuser geäußert, versichert Attila Racz. Er werde "angesichts der Einheitsschreiben" den Verdacht nicht los, "dass die Sache von der EGP gesteuert ist". Deren Geschäftsführer war urlaubsbedingt nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Letztlich läuft alles auf eine Geschmacksfrage hinaus. "Ich finde es einfach nicht schön", sagt Annette Thurn, die zu den Unterzeichnern des Schreibens gehört. Sie bedauere "die Hausbewohner, die morgens auf ihrer Terrasse sitzen und sich das ansehen müssen". Aber dann schlägt sie auch versöhnliche Töne an. Vielleicht könne man den Künstler Schwarz "mal einladen, damit er sein Konzept erläutert". Auf diese Weise "entstünde aus dem Ärger vielleicht ein Gespräch unter Nachbarn". Eine Idee, für die sich auch Ernst Hauer begeistern kann, der auf alle 22 Protestschreiben geantwortet hat, obwohl er gar nicht der Adressat war. Aber wenn, dann will er nicht nur über sein Haus reden, sondern auch über das, was er seinerseits für einen Schandfleck hält: eine dichte Reihe neuer Steinpalisaden am Wasserband. Oder, wie Hauer formuliert: "Die Petrisberger Maginot-Linie".

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