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Zirkus des Horrors gastiert mit Programm Infernum in Trier

Show : Horror und Humor im Zirkuszelt im Trierer Messepark – lieber nicht für jüngere Kinder

Der Zirkus des Horrors gastiert mit dem Programm „Infernum“ in Trier — Nervenkitzel und Grusel treffen auf eindrucksvolle Akrobatik.

„Wir empfehlen einen Besuch ab 14 Jahren. Darunter in Begleitung Erwachsener“, heißt es auf der Website des Zirkus des Horrors. Wer also jüngeren Kindern zutraut, die Darstellung von Gewalt und Aggression gut zu verkraften, erhält dennoch Zutritt. Eine Mutter scheint zuversichtlich zu sein, dass ihr Nachwuchs das aushält, als sie die Vorstellung um 19.30 Uhr mit ihren fünf und sechs Jahre alten Kindern betritt.

Mehr soll zu diesem Thema hier nicht gesagt werden. Für das Zielpublikum der über 14-Jährigen ist der Zirkus des Horrors auf jeden Fall ein Erlebnis und eine gute Unterhaltung. Bereits an der Kasse wird der Gast mit einem abgeschnittenen (Kunst-)Finger und einigen Knochen konfrontiert, und im Zelt ist das halbdunkle Foyer detail­verliebt mit riesigen Spinnweben, Totenschädeln und Skeletten dekoriert. Drei schwere Motor­räder sind dort zu bewundern sowie brennende Fackeln, die sich nur bei nahem Hinsehen als elektrisch entpuppen. In gemütlichen Sitzgruppen weckt das Vorglühen mit Getränken wie „Hades-Shot“, Sekt oder Bier die Vorfreude auf eine Zirkus­vorstellung der etwas anderen Art.

  Akrobaten aus der Ukraine haben im Zirkus des Horrors Arbeit und Unterkunft gefunden.
Akrobaten aus der Ukraine haben im Zirkus des Horrors Arbeit und Unterkunft gefunden. Foto: Pütz Karin

Direktor Joachim Sperlich veranstaltet die Show seit acht Jahren– sie ist nach zweijähriger Corona-Pause erst im März wieder gestartet. Er erzählt: „Wir sind fast ein ganzes Dorf.“ 50 Menschen sind hinter und vor den Kulissen zuständig, die Besucherinnen und Besucher das Fürchten und Staunen zu lehren. Insgesamt sieben Zugmaschinen benötigen 34 LKW-Transporte, um die Ausstattung von A nach B zu befördern. Bis alles aufgebaut ist, dauert es drei Tage.

Wie bei allen kulturellen Veranstaltungen hapert es noch mit der Zuschauer­resonanz. Gut 1000 Menschen passen in das Zelt – für die Premiere in Trier finden gerade einmal 350 Besucherinnen und Besucher den Weg zu den Moselauen. Noch immer steht die Angst vor Corona im Vordergrund, die schlechten Nachrichten um den Ukraine-Krieg tun ihr Übriges. „Wir haben Kontakt mit Künstlern aus der Ukraine und wir helfen, wo wir können“, sagt Sperlich. Kurzfristig habe der Zirkus mehreren Artisten aus der Ukraine einen Arbeitsplatz und eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, somit wurde das Programm erweitert.

 Hochstapler: Ein Turm aus Stühlen dient einem Artisten als Arbeitsfläche.
Hochstapler: Ein Turm aus Stühlen dient einem Artisten als Arbeitsfläche. Foto: Pütz Karin

Was die Gäste erwarten, wenn sie ein Event besuchen, das Zirkus des Horros heißt, wollen wir wissen. Berti (45), der mit drei Freunden hier ist, sagt trocken: „Männer, die ihre Körper mit Öl einreiben und sich auspeitschen lassen“ – und fügt schnell hinzu: „Nein, ehrlich gesagt: schöne Akrobatik!“ Nun ja, mit dem Auspeitschen lag er nicht falsch, aber auch dazu später mehr.

„Eure Seele gehört für die nächsten zweieinhalb Stunden dem Teufel“, tönt es aus den Lautsprechern, als alle Gäste Platz genommen haben. Warnungen wie „Fotografieren mit Blitz ist strengstens verboten! Wer sich nicht daran hält, dem werden die Augen ausgestochen!“ sorgen für amüsiertes Raunen. Die Rahmen­handlung, die um die artistischen Darbietungen gestrickt ist, soll hier nicht verraten werden – aber es gibt wilde Dämonen, eine Motor­säge, eine Ent­hauptung und diverse andere Dinge, die für Erwachsene eine schaurig-­schöne Abwechslung vom langweiligen Büro­alltag bieten.

Entsprechend sind die Akrobatiknummern aufgebaut: Da wird ein schmächtiger junger Mann aufs Sprung­brett geschubst und durch die Luft geschleudert, um ihn gleich darauf sicher aufzufangen, eine Frau räkelt sich an der Stange und verbiegt ihren Körper auf ästhetische Art und Weise in rötlichem Halbdunkel, ein Jongleur wirft in unfassbarem Tempo zu Speed-­Metal-­Musik seine Kegel in die Höhe, macht zwischendurch auch noch einen Salto, und ein Mann steckt sich eine laufende Bohrmaschine in den Rachen. Dinge, die einem den Atem stocken lassen, die gruseln, faszinieren und aufregen. Dazu Pyrotechnik und Bühnennebel. So gehört sich das im Zirkus des Horrors!

Doch der schlimmste Nerven­kitzel steht denen bevor, die es nicht schätzen, wahllos aus dem Publikum gezogen und in der Manege vorgeführt zu werden. Wir sprechen hier vom Part mit der Peitsche, der anfangs von Zuschauer Berti augenzwinkernd erwünscht, doch nach der Vorstellung von ihm als „eher flach“ bezeichnet wurde. Untenrum geht immer, scheint sich der Horrorclown zu denken und zieht gnadenlos alle Register seines sexistischen Re­pertoires. Und ehrlicherweise muss man sagen: Der Applaus an diesem Abend gibt ihm recht. Eine sichere Bank in Sachen Staunen, Bangen und Erschaudern ist das Todesrad. Sohn und Neffe von Joachim Sperlich klettern und springen in blindem Vertrauen zu­einander auf dem Konstrukt, dessen Geschwindigkeit nur durch eigene Körperkraft reguliert wird. Das ist faszinierend und aufregend. Auch bei der Balance­nummer mit einem Turm aus Stühlen und einer im wahrsten Sinne des Wortes „wag­halsigen“ Rollschuh­performance ist das Publikum restlos begeistert. Alle Highlights hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen.

Am in jeder Hinsicht feurigen Ende – ob nach so viel Horror endlich das Gute siegt, sei nicht verraten – gibt es Applaus im Stehen und anschließendes Meet-your-Artist im Foyer, in dem sich die Besucher mit den Künstlern unterhalten und fotografieren lassen können. Kurt Späth, der sich zuvor in der Manege unter anderem einige Spritzen durch die Wangen stach und einen Nagel in die Nase hämmerte, stellt sich freundlich den Fragen der Gäste. Grinsend sagt der Österreicher: „Gerade die Kinder sind begeistert von mir. Die lieben mich – die meiste Angst haben immer nur die Eltern!“

Nach zweieinhalb Stunden hat einen das Grauen der Realität wieder. Am Ausgang des Zelts stehen einige junge Leute, die Flyer zum Thema Gott verteilen. „Damit man sieht, dass es noch eine andere Seite gibt“, sagt der junge Mann, während die Menschen teils kopfschüttelnd, teils lachend an ihm vorbeigehen, ohne einen Flyer entgegen­zunehmen. Anscheinend hält sich das Vorurteil, der Zirkus des Horrors sei nur etwas für Anhänger des Satanismus. Hierzu sei erwähnt, dass Joachim Sperlich auf unsere Frage, ob er eigentlich an Gott glaube, dem TV geantwortet hatte: „Ja, sehr. Wir alle hier. Wenn man Tag für Tag sein Leben riskiert, muss man an etwas glauben.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zirkus des Horrors mit Programm „Infernum“ in Trier