Zivilcourage gefragt

TRIER. Vielfältige Aktivitäten im Rahmen der Projektwoche gegen Gewalt an den Berufsbildenden Schulen: Auch die Oberstufe der Berufsfachschule Hauswirtschaft (BFH) beschäftigte sich mit dem Thema. Dort wurde Zivilcourage im Unterricht "geübt".

Am Boden liegt ein Obdachloser - alte Jacke, Schlapphut, Stoppelbart, Kippe im Mund und Bierflasche in der Hand. Zwei Schlägertypen schlendern auf ihn zu, werden plötzlich aggressiv, beschimpfen ihn und fangen dann an, den wehrlosen Mann mit Schlägen und Tritten zu traktieren. Passanten gehen vorbei. Keiner hilft. Eine Szene, wie sie sich in engen Gassen oder an großen Plätzen jeden Tag abspielen kann. In diesem Fall ist es allerdings keine dunkle Straßenecke, sondern ein lichtdurchflutetes Klassenzimmer, in dem der Obdachlose "verprügelt" wird, und der Obdachlose wie auch die gefährlichen Schlägertypen sind in Wirklichkeit Schülerinnen der Oberstufe c der Berufsfachschule Hauswirtschaft (BFH). Auch für sie heißt das Unterrichtsthema heute "Gewalt", denn sie nehmen, wie viele andere Schulklassen der Berufsbildenden Schulen, an der "Projektwoche gegen Gewalt und Rechtsextremismus" teil. Pädagogik- und Psychologielehrer Dirk Brill-Wirtz ist zufrieden mit der Darbietung der Schülerinnen. Das nächste kleine "Theaterstück" zeigt, wie ein Homosexueller zusammengeschlagen wird, wie erst wieder keiner hilft, wie Vorbeigehende den Mann sogar verspotten, wie sich dann aber eine Frau um ihn kümmert. "Wie habt ihr euch jetzt dabei gefühlt? Ist so eine Szene realitätsnah?", fragt Dirk Brill-Wirtz in die Runde. Die Schüler diskutieren eifrig mit. "Das hat doch jeder schon mal gesehen, dass jemand angepöbelt oder überfallen wird!", ruft es aus der Klasse, "Ein homosexueller Bekannter von mir ist auch schon mal im Schwimmbad von Jungs dumm angelabert worden", erzählt eine Schülerin.Geschichte vom Barmherzigen Samariter

"Die Schüler haben die kleinen Theaterstücke im Religionsunterricht erarbeitet. Basis war die Geschichte vom barmherzigen Samariter", erläutert Brill-Wirtz die Hintergründe dieser ganz besonderen Art des Unterrichts in Zivilcourage. Im Pädagogik- und Psychologieunterricht habe man dann über verschiedene Formen der Gewalt, deren Ursprünge und den Umgang damit gesprochen. "Die Schüler waren dabei absolut engagiert. Heute früh haben sie sogar noch ein richtiges Bühnenbild auf die Tafel gezeichnet und sich aufwändig verkleidet", lobt Brill-Wirtz. Der nachgestellte Handtaschenraub ist die letzte Szene, die gespielt wird - und hier zeigt sich, dass nicht nur die Thematik interessiert, sondern auch das Theaterspielen selbst. Als eine der Schülerinnen mehr Konzentration bei der "Regie" fordert - das "Publikum" soll, ganz in "Forum-Theater"-Manier, bestimmen, wie der Raub abläuft - ruft ein Mitschüler lachend: "Wir sind doch hier nicht in Hollywood!" Und als der Schulgong läutet, sind dann doch alle ganz schnell verschwunden.

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