Zoff um Zebrastreifen - Behinderte Menschen kämpfen für Erhalt der sicheren Überwege (Video)

Zoff um Zebrastreifen - Behinderte Menschen kämpfen für Erhalt der sicheren Überwege (Video)

Die meisten Fußgängerüberwege in Trier sollen entfallen, weil sie den Anforderungen des Bundes nicht mehr genügen. Seh- und gehbehinderte Menschen fühlen sich durch die Pläne der Stadt in ihrer Sicherheit bedroht.

Gedankenlosigkeit - das ist es, was die Teilnehmer des Pressegesprächs am meisten stört. In alltäglichen Situationen, die vielen Menschen nicht einmal auffallen, die Blinde, Seh- oder Gehbehinderte aber vor teils unüberwindbare Probleme stellt - oder ihnen das Leben zumindest sehr schwer macht. Autos, die auf Gehwegen stehen. Autofahrer, die trotz fehlender Berechtigung auf Behindertenstellplätzen parken. Ampeln, deren akustisches Signal nicht funktioniert. Oder Zebrastreifen, die in Trier bald in großem Umfang verschwinden sollen (der TV berichtete). Der Grund nennt sich R-FGÜ 2001, diese Richtlinie für Fußgängerüberwege wurde vor 16 Jahren vom Bund erlassen und regelt, welche Anforderungen ein Zebrastreifen erfüllen muss.

Das Problem: Viele Überwege in Trier halten diesen Vorgaben nicht stand - zum Beispiel in puncto Beleuchtung. Die Aufrüstung kostet. Auch wenn die Verwaltung das bislang so deutlich nicht formuliert hat: Es geht ums Geld, vor allem um das, das die Stadt nicht hat. "Der Kostenfaktor kann aber kein Argument sein", sagt Anne Chérel, die als Rollstuhlfahrerin auf Zebrastreifen und Ampeln angewiesen ist. "Wir wollen ein buntes Miteinander und Inklusion, aber so funktioniert das nicht."
Sie gehört zu einer Gruppe von Blinden, Seh- und Gehbehinderten, die für den Erhalt der Zebrastreifen - und damit ihre eigene Sicherheit - kämpft. "Man kann nicht einfach eine Streichliste in die Welt setzen und sagen: Das ist jetzt so. Wir wollen einbezogen werden, mehr nicht", sagt Bernhard Schmitz, Geschäftsführer des Blindenverbands Trier.

Für die Beschwerdeführer ist es ein Unding, dass der Behindertenbeirat der Stadt bei der Entscheidung nicht befragt wurde. Martin Ludwig, Leiter der Arbeitsstelle Medien für Blinde und Sehbehinderte im Bistum: "Die Stadt hätte den Behindertenbeirat einbeziehen müssen - sonst brauche ich ihn nicht." Warum das nicht geschehen ist und wie das weitere Vorgehen aussieht, hat der TV die Stadtverwaltung schon vor zwei Wochen gefragt - bis heute aber trotz mehrmaliger Nachfrage keine Antwort erhalten.
Kritik am Vorgehen der Stadt kommt auch von den Grünen. Die Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat deshalb einen Antrag "Sicherheit für Fußgehende im Straßenverkehr erhalten" eingereicht, über den der Rat in seiner Sitzung am Mittwoch, 24. Mai, 17 Uhr, abstimmt. Die Forderung: Der Abbau der Zebrastreifen sei sofort zu stoppen, über jeden einzelnen müsse zudem beraten werden mit dem Ziel, möglichst viele Überwege zu erhalten. Zudem sollen unter anderem der Beirat der Menschen mit Behinderungen und für die jungen Verkehrsteilnehmer das Triki-Büro und das Jugendparlament eingebunden werden.

Das bedeute nicht, dass es unter den ursprünglich 257 Zebrastreifen in Trier nicht auch verzichtbare gebe: "Wir fordern nicht den Erhalt aller Zebrastreifen. Aber ein Wegfall darf nicht zur Gefährdung von Fußgängern führen", sagt Grünen-Stadtrat Bernhard Hügle. Wolf Buchmann, ebenfalls Grünen-Ratsmitglied, ist in der Stadt häufig zu Fuß mit seinem Blindenstock unterwegs. Er zählt aber auch andere Beteiligte auf, die auf Zebrastreifen angewiesen sind: "Menschen mit Kinderwagen, im Rollstuhl, mit Gehstock, Krücken oder Rollator brauchen erheblich länger über eine Straße als ich mit meinem Stock." Und Kinder könnten Situationen im Straßenverkehr nur sehr schwer einschätzen.

Für die Grünen liegt das Hauptproblem im städtischen Aktionismus in Sachen Zebrastreifen in der Vergangenheit. So hätten die Kommunen seit dem Jahr 2001 gewusst, dass die Bundesrichtlinie umgesetzt werden muss. Doch die sei in Trier erst einmal in der Schublade verschwunden - um sie jetzt hektisch wieder hervorzukramen, da der gesetzte Zeitrahmen von 15 Jahren mittlerweile verstrichen ist. Thorsten Kretzer und seine Stadtratskollegen ziehen den Vergleich zu Mainz: Dort sei schon 2007 eine Arbeitsgruppe gegründet worden. Zwei Jahre habe man sich anschließend Zeit genommen, um alle 262 Fußgängerüberwege zu begutachten - mit dem Ergebnis, dass 90 Prozent erhalten worden seien. "In Mainz konnten die nötigen Mittel dann über Jahre in den Haushalt eingestellt werden", sagt Ole Seidel.

Damit jeder Trierer nachschauen kann, welcher Zebrastreifen bleibt und welcher weg soll, hat er eine interaktive Karte erstellt (sie ist im Internet zu finden unter www.muss-der-weg.de )
Marion Palm-Stalp, Leiterin der Pro-Retina-Regionalgruppe Trier, hofft auf ein Einsehen seitens der Stadt: "Ich bin nicht behindert, ich werde behindert - durch die Ignoranz der anderen Menschen. Da wo es Barrierefreiheit gibt, bin ich nicht behindert."
Ein Video zum Thema finden Sie im Internet unter www.volksfreund.de/videos KommentarMeinung

Aktionismus hilft keinem weiter
So ist das mit Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden: Sie holen einen früher oder später wieder ein. Jahrelang ist in Sachen Zebrastreifen nichts in Trier passiert, jetzt ist die Aufregung groß: seitens der Stadt, die die Richtlinie schnellstmöglich umsetzen will (und muss), und seitens der Fußgänger, die um ihre Sicherheit fürchten und sich nicht ernstgenommen fühlen. Ein bisschen Ruhe täte der Sache nun gut: um Aufschub bei der Umsetzung bitten, die Betroffenen einbeziehen, sich um Förderung bemühen und die Zebrastreifen ohne Aktionismus neu bewerten. Deshalb ist der Antrag der Grünen im Stadtrat begrüßenswert. r.schaal@volksfreund.deExtra: FÖRDERUNG FÜR DEN UMBAU DER ZEBRASTREIFEN


In ihrem Antrag im Stadtrat schlägt die Fraktion von B90/Die Grünen vor, "Finanzierungschancen für den verkehrsrechtlich ordentlichen Umbau der Fußgängerüberwege auszuschöpfen". So fördere beispielsweise die Nationale Klimaschutzinitiative die Beleuchtung an Zebrastreifen, wenn LEDs benutzt werden, sagt Thorsten Kretzer. Er gibt außerdem zu bedenken: "Auch der Abbau der Zebrastreifen verursacht ja Kosten." Im März hatte ein Mitarbeiter des Tiefbauamts die Kosten für die bislang geplante Vorgehensweise auf rund 940 000 Euro beziffert.

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