Zum 30. Jahrestag: So entstand die Partnerschaft zwischen Trier und Weimar

Kostenpflichtiger Inhalt: Städtepartnerschaft : Zum 30. Jahrestag: So entstand die Partnerschaft zwischen Trier und Weimar

Der Mauerfall macht’s möglich: Im Spätherbst beginnt die „echte“ Partnerschaft Trier-Weimar. Das wird am Wochenende gefeiert.

430 Kilometer, rund vier Autostunden, trennen Trier und Weimar. Ein Klacks. Heutzutage. Aber bis vor 30 Jahren schien es so, als lägen beide Städte auf unterschiedlichen Planeten: Der Eiserne Vorhang teilt seit 1961 Deutschland in Bundesrepublik und Deutsche Demokratische Republik. Der jähe Fall der Mauer am 9. November 1989 bringt eine bizarre neue Situation. Europas best gesicherte Grenze ist plötzlich durchlässig, passierbar ohne Visum und strenge Kontrollen. Das lässt hüben wie drüben Ideen sprießen und Träume blühen.

Seit 1987 pflegen Trier und Weimar eine der wenigen deutsch-deutschen Städtepartnerschaften. Das Miteinander beschränkt sich zunächst auf Besuche von Funktionären und handverlesenen Künstlern. Dennoch bekommt die DDR-Führung kalte Füße. Am 11. September 1989 legt Weimars OB Gerhard Baumgärtel die Partnerschaft auf Eis und sagt alle geplanten Termine ab.

Als die Mauer unter dem Druck der friedlichen Revolution in der DDR nachgibt, besteht die Beziehung ihre erste Bewährungsprobe im Sinne einer echten Partnerschaft mit Bravour. Am Abend des 14. November ist die Trierer Kirche St. Gangolf – parallel zur Weimarer Dienstagsdemo – Schauplatz eines von Stadtvorstand und Stadtrat organisierten ökumenischen Solidaritäts-Gottesdienstes mit Weimarer Beteiligung.

An jenem Abend spricht Triers OB Helmut Schröer eine Einladung an Weimarer Bürger aus, ihrer Partnerstadt einen Wochenendbesuch abzustatten. Schröer weiß: „Das wird für uns ein logistischer und organisatorischer Kraftakt.“ Was er nicht weiß, ja nicht einmal ahnt: Statt der erwarteten „etwa 300 Menschen“ stehen 6000 Interessierte Schlange an der Anlaufstelle, dem Antiquariat Andreas Kossmann am Weimarer Markt.

Im Trierer Rathaus gibt Sozialamts-leiter Christfried Würfel, von Schröer zum Cheforganisator der Aktion „Herzlich willkommen, Weimar!“ ernannt, die Parole „Augen zu und durch“ aus. Sprich: Unmögliches möglich machen.

Immerhin rund 1400 Weimarer können zu zwei Wochenendbesuchen nach Trier reisen. Die ersten 600 am 24. November. Mit Weimarer Bussen fahren sie zunächst zum Grenzübergang Herleshausen. Ab dort geht es weiter mit zwölf Reisebussen, die Trierer Unternehmen stellen. Im Internet- und Mobilfunk-Zeitalter kaum zu glauben: Während der Fahrt füllen die Gäste Karten mit Angaben zu Alter, Beruf und Hobbys aus. Bei einem Zwischenstopp eingesammelt, werden sie per OB-Dienstwagen nach Trier vorausgeschickt. Bis zum Eintreffen des Bus-Trecks werten Rathausmitarbeiter die Karten aus und ordnen die Besucher Gastgebern zu, die sich nach Aufrufen im Trierischen Volksfreund und via Radio RPR gemeldet haben. Handwerker zu Handwerkern, Krankenschwestern zu Krankenschwestern, Rentner zu Rentnern.

Was dann geschieht, wird Schröer „nie wieder vergessen. Einer der emotionalsten Momente meiner 18-jährigen OB-Amtszeit! Wir hatten gerade Stadtratssitzung, und plötzlich hieß es: Sie kommen! Wir stürmten raus auf den Augustinerhof – und erlebten, was echte Städtepartnerschaft ist.“ Hunderte Trierer treffen auf Hunderte ihnen unbekannte Weimarer. Alle Gäste finden private Aufnahme. Das Organisationsteam des Rathauses muss nicht auf Zimmer zurückgreifen, die Hotels zur Verfügung gestellt hätten.

Es werden Freundschaften geschlossen, die heute noch bestehen. Ebenso freundschaftlich geht es eine Woche später (1. bis 3. Dezember 1989) zu, als mehr als 800 Weimarer mit der zweiten Bus-Tour an die Mosel kommen. Schröer erinnert sich an „Begegnungen voller Herzlichkeit, Aufgeschlossenheit und Offenheit.“

Ebenfalls am ersten Dezember-Wochenende reist der MGV 1880-Rheinland Ehrang nach Weimar. Der einseitig bereits abgeblasene Tour findet doch noch statt. Der erste Besuch einer Trierer Delegation nach der Wende entwickelt sich ebenfalls zu einer höchst emotionalen Angelegenheit.

Die 46 Sänger besuchen „Häuser des Feierabends“ (staatliche Altenheime) und Krankenhäuser, geben neben spontanen Ständchen auch zwei große Konzerte: in der aus allen Nähten platzenden Herz-Jesu-Kirche (Weimars einzigem katholischen Gotteshaus) und im Kultur- und Kongresszentrum, wo zum Finale auch der Weimarer Handwerkerchor auf die Bühne kommt.

Überall fließen Tränen der Rührung und der Freude. Der MGV-Vorsitzende Paul Schneiders spricht hinterher von den „bedeutendsten Tagen der Vereinsgeschichte“. Bürgermeister Walter Blankenburg, der die Trierer Delegation anführt, lobt: „Ihr habt ein wichtiges Kapitel im Buch der Beziehungen zwischen beiden Städten geschrieben.

Das nächste wichtige Kapitel folgt am Wochenende darauf. Helmut Schröer reist zum offiziellen Besuch in die Klassikerstadt. Sein Wunsch: eine öffentliche Bürgerversammlung. Die findet am Samstag, 8. Dezember, in der völlig überfüllten Herderkirche statt und wird zur Initialzündung einer „neuen“ Partnerschaft. Kein politisches Instrument mehr, sondern eine Verbindung, die vor allem von den Bürgern beider Städte mit Leben gefüllt wird.

„Die Resonanz der Weimarer war überwältigend“, heißt es in einem am Mittwoch erschienen Artikel der Thüringer Allgemeinen zum Jubiläum schreibt. „Es war der Beginn der echten Städtepartnerschaft.“

Der auch vertraglich festgehalten wird. Schröer und Amtskollege Germer unterzeichnen an jenem Tag einen offiziellen Protokollvermerk zum Partnerschaftsvertrag. So sollten „die von Anbeginn vereinbarten Bürgerbegegnungen und Aktivitäten auf eine breitere und offene Ebene gestellt werden“. Beide Seiten bekräftigen den Willen zur echten kommunalen Zusammenarbeit, zur Begegnung der Menschen in größtmöglichen Rahmen und zu gegenseitigen Hilfestellungen.

Die Frage, ob das Vorhaben gelungen sein, beantwortet Helmut Schröer 30 Jahre später mit „eindeutig ja! Das zwischen Weimar und uns war nie eine Modepartnerschaft, sondern eine echte Herzensangelegenheit. Es gab viele Momente, da habe ich heulen müssen wie ein Schlosshund.

Und die Beziehung lebt fort. Ich halte sie weiterhin für ein Zukunftsprojekt“. Schröer, der am 23. November einen 77. Geburtstag gefeiert hat, ist seit 2007 Ehrenbürger der thüringischen Partnerstadt: „Meine Frau und ich sind regelmäßig dort und definitiv immer zu Goethes Geburtstag am 28. August.“

Weimar 1989. Foto: Helmut Schröer
Weimar 1989. Foto: Helmut Schröer/privat
Triers OB Helmut Schröer (rechts) beim offiziellen Besuch Anfang Dezember 1989 in Weimar. Links sein Amtskollege Volkhardt Germer. Foto: Stadtarchiv Trier/Presseamt Trier
Im Rahmen der Aktion „Herzlich willkommen, Weimar!“ sind im Spätherbst 1989 insgesamt rund 1400 Bürger aus der thüringischen Partnerstadt zu Besuch in Trier. Foto: Stadtarchiv Trier/Presseamt Trier

Und was ist das Besondere zwischen Trier und Weimar? „Zum Beispiel, dass es zwischen uns nicht den Wessi/Osi-Sprachgebrauch gibt. Wir leben Einheit.“ Und viele Trierer haben nicht vergessen, dass ihre Eltern und Großeltern nach der Evakuierung 1944 in Thüringen Zuflucht fanden, auch im Weimarer Land. Auch das verbindet für Generationen.