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Zurück ins Bett von Mutter Natur

Zurück ins Bett von Mutter Natur

Wasser ist Leben, doch in einigen Trierer Fließgewässern herrscht seit Jahrzehnten tote Hose. Weil Bäche verrohrt und unter die Erde gelegt wurden, haben Tiere und Pflanzen keine Chance. Nun werden Rinnsale und Bachläufe wieder in einen naturnahen Zustand versetzt. Das kostet und ruft Kritiker auf den Plan.

Trier-Tarforst. Hier ein Plätschern, dort ein Tröpfeln. Leise bahnt sich der Bach seinen Weg ins Tal, Lerchen und Sumpfdotterblumen säumen sein Ufer. Insekten schwirren durch die Luft, und auch unter der Wasseroberfläche ist einiges in Bewegung.
Seit Jahren wird der Aveler Bach zwischen Tarforst und Kürenz wieder in einen naturnahen Zustand umgewandelt - "renaturiert", wie die Fachleute sagen. Während sich in Höhe des Weidengrabens schon erste Erfolge zeigen, sind die Arbeiten weiter westlich gerade in vollem Gange. Dutzende Fichten mussten weichen, eine Baustraße wurde angelegt. Hügel aus Basaltsteinen liegen bereit. Derart massiv scheint der Eingriff in die Natur, dass manch einer womöglich Umweltfrevler am Werk wähnt. Drei Kilometer des Bachlaufs werden ein breiteres und flacheres Bett erhalten. Kosten von rund 1,6 Millionen Euro wurden hierfür anfangs kalkuliert.
Hunderttausende Euro für ein Rinnsal, das kaum jemand kennt? In Zeiten, in denen Straßen und Schulen den Bach runtergehen und dringend auf Vordermann gebracht werden müssten? Eric Krieschel vom städtischen Tiefbauamt weiß um die Skepsis einiger Trierer. Doch selbst wenn er es denn wollte, könnte er das Geld nicht umleiten und für die Straßenunterhaltung abzweigen. 90 Prozent der Mittel für die Renaturierung des Bachs stammen aus dem Landesprogramm "Aktion Blau plus", das Geld ist somit zweckgebunden. Hinzu kommt: Die Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet auch Trier zu Maßnahmen, die die Durchgängigkeit von Fließgewässern erhöhen sollen.
"Durchgängigkeit" weniger im Sinne einer möglichst hohen Fließgeschwindigkeit als vielmehr im Interesse von Lebewesen in und am Wasser. Galt vor wenigen Jahrzehnten noch als vorrangiges Ziel, Wasser möglichst schnell ableiten und in Flüsse führen zu können, haben sich die Prioritäten zwischenzeitlich geändert. Denn die Verrohrung von Bächen verödete nicht nur Landschaften und machte Fischen und Kleinstlebewesen vielerorts den Garaus, sie zerschnitt auch einstmals vernetzte Naturräume und zog des Öfteren verheerende Hochwasser nach sich.
Etwa im Stadtteil Ruwer: Nach heftigen Regenfällen schwollen dort an einem Sommertag vor zwei Jahren Wenzelbach und Eitelsbach derart an, dass sich die Wassermassen binnen Minuten in Straßen und Häuser ergossen (der TV berichtete mehrfach). Schlammige Verwüstung war die Folge, über Wochen waren Bewohner damit beschäftigt, sie zu beseitigen. Zwar handelte es sich um ein "Jahrhundertereignis", das sich mit letzter Sicherheit nie wird verhindern lassen. Dennoch plant die Stadt auch entlang des Eitelsbachs Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass das Wasser langsamer abfließen und sich besser verteilen kann, etwa in Auen und Uferböschungen.
Die Liste an Projekten, die von der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord in Abstimmung mit der Stadt erstellt wurde, ist lang: Sie reicht vom Irscher- über den Filscher- bis zum Quintbach. Auch im und am Biewerbach wird renaturiert. Vor einem Jahrzehnt wurde für dieses Gewässer bereits ein neues Bett geschaffen, das vom Bahndamm bis zur Mündung in die Mosel reicht. Über Jahrzehnte komplett verrohrt und tot, herrscht längst wieder blühendes Leben im unteren Biewerbach. Nun sollen kleinere Maßnahmen den Bachlauf auch innerhalb der Bebauung naturnaher gestalten. Realisiert wird momentan auch die Renaturierung eines Teilabschnitts des Holtzbachs in Olewig.
Für manches Gewässer scheint das Schicksal derweil besiegelt, bleibt sein Verlauf versiegelt. So wird der Altbach auf seinem letzten Abschnitt von Trier-Süd bis zur Mosel nie wieder Tageslicht sehen. Das unter der Hohenzollernstraße hindurch fließende Gewässer offen zu legen, wäre mit immensen Kosten und massiven Eingriffen in den Straßenraum verbunden. Solch aufwendige Maßnahmen stünden nicht zur Debatte, versichert Krieschel.
Unterdessen könnte beim Aveler Bach eintreten, was bei öffentlichen Bauprojekten extremen Seltenheitswert hat: dass der ursprünglich kalkulierte Kostenansatz unterschritten wird.