Zwei Stunden als Bettlerin auf der Straße: Was heißer Kaffee und ein Lächeln bedeuten

Zwei Stunden als Bettlerin auf der Straße: Was heißer Kaffee und ein Lächeln bedeuten

Nässe, Konkurrenz und Mitleid: TV-Reporterin Andrea Weber hat sich in der Vorweihnachtszeit zwei Stunden lang als Bettlerin in die Trierer Fußgängerzone gesetzt. Dabei hatte sie unterschiedliche Begegnungen und Gefühle.

Beine laufen an mir vorbei. Unzählige Beine. Beine in Jeans, Beine in Stoffhosen und Beine in Strumpfhosen. Mein linkes Bein ist gerade eingeschlafen. Meine Schultern tun weh und mein Hintern ist kalt. Ich ziehe den Schlafsack fester um mich und strecke mich aus, damit das Kribbeln in meinem Fuß nachlässt.
Den Blick von außen kenne ich. Bettler gehören zum Trierer Stadtbild. Sie sitzen oder knien in der Fußgängerzone. Vor ihnen stehen Büchsen oder Schälchen, in denen sie Geld sammeln. Neben manchen liegt ein Hund. Heute sitze ich selbst in der Fußgängerzone und bettle. Ich möchte wissen, wie sich das anfühlt. Was macht das mit mir? Und wie gehen die Menschen mit mir um?

Es ist kurz vor Heiligabend, viele haben Urlaub und erledigen die letzten Weihnachtseinkäufe. Die Menschen haben sich schick gemacht. Die Schuhe, die an mir vorbeiziehen, glänzen. Weiße Sneakers, glitzernde Turnschuhe, braune Herrenschuhe und Damenstiefel. Unzählige Stiefel. Stiefel in braun, schwarz oder grau. Lederstiefel und Wildlederstiefel.

Die Menschen, denen die Schuhe gehören, reden miteinander. Zu mir am Boden dringt nur rauschendes Gemurmel. Ich höre einzelne Worte, auch mal zwei oder drei. Ein ganzer Satz kommt nicht bei mir an. Dafür laufen die Leute zu schnell vorbei. Vom Hauptmarkt klingt Musik herüber. Jemand singt durch ein Mikrofon Jingle Bells. Vielleicht der Weihnachtsmann, der eben an mir vorbeigelaufen ist? Eine Frau mit mehreren Decken in einer Tüte kommt auf mich zu. Aus ein paar Metern Entfernung ruft sie mir in gebrochenem Deutsch ungehalten zu: "Das ist meine Platz!" Ich reagiere nicht, schaue weiter geradeaus. Wenn sie nochmal was sagt, verschwinde ich. Aber sie geht.

Ich fühle mich unwohl hier unten. Es hat geregnet, der Boden ist nass. Ich sitze auf einer schmutzigen pinken Isomatte und habe einen alten Schlafsack um mich gewickelt. Ich trage eine abgenutzte, zu große und schwere Jacke. Die Kapuze meines Pullovers habe ich über meine fettigen Haare gezogen, die mir in die Augen hängen. Den selbstgehäkelten beigen Schal ziehe ich bis über die Nase.

Mein Selbstbewusstsein habe ich in dem Moment abgegeben, als ich mir die alte dreckige Kleidung übergezogen habe und eine Maskenbildnerin aus dem Trierer Theater mir das Wachs in die Haare geschmiert hat. Auf dem Weg in die Fußgängerzone haben die Leute mich angestarrt mit meinen Plastiktüten in der Hand. Bereits da habe ich gemerkt, ich gehöre nicht mehr dazu. Hier auf dem Boden dringt es noch stärker in mein Bewusstsein: Ich sitze nun am Rand der Gesellschaft.Wie gut ein Langos schmeckt


Plötzlich taucht aus dem Gewirr aus Beinen eine junge Frau vor mir auf. Ihre braunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hält mir ein Langos (ungarisches in Fett ausgebackenes Hefeteiggebäck) hin. "Hier!", sagt sie fröhlich und lacht mich an, "im Namen von Jesus Christus". Sie spricht mit ausländischem Akzent. Ich bin gerührt, mein Magen knurrt. "Vielen Dank", sage ich, "das ist sehr nett von Ihnen." Sie guckt mich energisch und aufmunternd an. "Finde zu Gott, der wird dir helfen!" Sie kramt in ihren Taschen, ihr Pferdeschwanz wippt. "Hier! Ich gebe dir zehn Euro. Mach's gut!" Ich kann kaum danke sagen, da ist sie schon weg. Das Langos schmeckt mir so gut wie noch nie.

Mehrere Menschen werfen Geld in die Pappschachtel. Oft Kinder. Manche haben ihre Eltern um Geld gebeten, andere werden zu mir geschickt. Ich merke, dass eine Frau in einer Gruppe mich wahrnimmt. Sie kramt in ihrer Tasche. Als sie schon fünf Meter weiter ist, beugt sie sich zu ihrem Sohn herunter und gibt ihm Geld. Sie zeigt auf mich. Der Kleine bleibt in sicherem Abstand vor mir stehen und schaut sich suchend um: "Dans la boîte (In die Schachtel)", ruft seine Mutter ihm zu. "Quelle boîte? Où est la boîte? (Welche Schachtel? Wo ist denn die Schachtel?)", ruft er zurück. Bis er versteht, dass die Pappkonstruktion auf dem Boden eine Geldbüchse sein soll. Schnell wirft er das Geld hinein und rennt zu seiner Mama zurück. Die lächelt mir zu. Wie gut ein Lächeln tut.

Kinderaugen begegne ich vielen. Die Kinder sind auf meiner Höhe. Unverhohlen schauen sie mir ins Gesicht. Während ihre Eltern sie an mir vorbeiziehen, drehen sie sich um und schauen mir mit weit aufgerissenen Augen nach. Manche neugierig, manche nachdenklich. Ein Mädchen mit blonden langen Haaren dreht sich nochmal um, nachdem sie Geld in meine Schachtel geworfen hat. Unter meinem Schal lache ich sie an. Sie strahlt. Als würde sie die Frau hinter der vermummten Gestalt erkennen. Ihre Mutter zieht sie weiter.

Ich wundere mich, wie viele Menschen mit Gehstock, Rollator und Buggys unterwegs sind. Auch die sind auf meiner Höhe. Zwei Frauen bleiben stehen. Eine ältere und eine jüngere. Die ältere fragt, ob mir kalt sei. Da erst merke ich, dass ich meine Arme schützend um meinen Körper gelegt habe. "Nein, der Schlafsack hält warm", antworte ich. Und tatsächlich ist nur mein Hintern kalt. Der Schlafsack schützt nicht nur vor Kälte. Er hat etwas Tröstendes. Ich kann mich in ihn hineinkuscheln und verstecken. Vor den verstohlenen Blicken, die die Passanten mir zuwerfen. Manche mitleidig, andere neugierig, manche verächtlich.

Die ältere Frau beugt sich zu mir herunter und schaut mir fest in die Augen: "Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Tag." Auch dieser Satz hat etwas Tröstendes.
Mir fällt ein Junge auf. Er hat rötliche Haare und Sommersprossen. Sein Gesicht ist zu einer Grimasse verzerrt. Ich frage mich, was er wohl hat. Bis ich merke, dass ich es bin, die er so anstarrt. Das Elend, das er in mir sieht, spiegelt sich in seinen Zügen. Seine Stirn ist in Falten gelegt, sein Mund verzerrt. Eine Mischung aus Entsetzen und Mitgefühl. Diesmal bin ich es, die schnell wegschaut. Eine bunte Tasche taucht vor mir auf. Die Frau, die sie trägt, hält inne. Langsam geht sie zu einem Schaufenster auf der anderen Straßenseite und wühlt in ihrer Tasche. Dann kommt sie zurück. Sie beugt sich zu mir herunter. Sie ist blond und hat blaue Augen. "Wollen Sie vielleicht was Warmes trinken?", fragt sie. Ich lehne dankend ab. "Vielleicht einen Kaffee?", beharrt sie. Ich kann nicht widerstehen. "Ein Kaffee wäre schön." Sie verspricht, gleich wiederzukommen.

Ein hagerer Mann bleibt stehen. Er drückt mir einen zusammengerollten Schein in die Hand. "Was ist denn los mit dir, Mädchen?", fragt er im Vorbeigehen. Die blonde Frau ist zurück. Sie hält mir eine dampfende Kaffeetasse hin. Es habe länger gedauert, entschuldigt sie sich. "Ich wusste nicht, ob Sie Milch oder Zucker wollen." Sie hat beides reingetan. Mir ist es egal. Ich freue mich unglaublich über das warme Getränk. "Wenn Sie die Tasse nicht brauchen, dahinten bekommen Sie noch zwei Euro dafür." Sie lächelt schüchtern. "Dankeschön!", sage ich. Sie beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Schein: "Ich hatte eben kein Kleingeld." Sie geht weiter. Ich schaue ihr nach. Als ich den ersten Schluck aus der Tasse nehme, dreht sie sich nochmal um. Wieder lächelt sie. Nach zwei Stunden und weiteren Beinen in Jeans, Stoff- oder Strumpfhosen packe ich zusammen. Mein Pappschälchen ist voll. Für mich geht eine kurze, intensive Erfahrung zu Ende. Für andere ist das Betteln tägliche Realität. Die Frau von vorhin steht neben mir, um ihren Platz einzunehmen. "Ist meine Platz", sagt sie wieder. "Ich habe Familie." Sie schaut mich vorwurfsvoll und entschuldigend zugleich an.

Extra

64,55 Euro haben Passanten der TV-Reporterin in den zwei Stunden gegeben, in denen sie in der Trierer Fußgängerzone saß. Dieses Geld haben wir an das Haus Maria Goretti gespendet, das Frauen aufnimmt und betreut, die wohnungslos sind. Insbesondere junge Frauen bis 25 Jahre lebten immer häufiger in prekären Wohnverhältnissen, sagt Helga Merges, Leiterin des Hauses.
Sie haben oft eine schwierige Vergangenheit, familiäre Probleme und keine sozialen Netzwerke. Viele haben Gewalt oder andere traumatische Situationen erlebt. Die Mitarbeiterinnen versuchen, den Betroffenen eine Perspektive zu geben. Sie helfen den Frauen bei der beruflichen Orientierung und leisten Motivationsarbeit. Außerdem unterstützen sie sie bei der Wohnungssuche, im Umgang mit Geld und in hauswirtschaftlichen Angelegenheiten. Weitere Informationen unter www.skf-trier.de

Extra

Schicksalsschläge, Mittel- und Obdachlosigkeit oder gesellschaftliche Verweigerung: Zahllose Motive führen Menschen zum Betteln. Rechtlich ist das kein Problem, solange man nur für sich selbst um Geld bittet und niemanden belästigt. Organisiertes Betteln ist dagegen in vielen Fällen nichts anderes als Kriminalität - wobei die Täter vor allem auch Opfer sind. Ein in Trier gewohntes Bild: Die Menschen sitzen oder knien auf dem harten Pflaster und strecken den Passanten mit bittenden Gesten Becher oder Schachteln entgegen. Sprachbarrieren verhindern eine direkte Verständigung. Sie erwecken den Eindruck, für sich selbst und ihre Familien um dringend benötigte Hilfe bitten zu wollen, doch viele von ihnen gehören zu organisierten Banden aus Südosteuropa. Diese locken Menschen unter falschen Versprechungen - Jobs in der Gastronomie oder als Bau- oder Erntehelfer - nach Deutschland, zwingen sie dann zum Betteln und drohen mit Folgen für die Familien in der Heimat. Die milde Gabe der Passanten landet in den Taschen der schwer zu fassenden Hintermänner im Ausland. Ermittlungserfolge sind selten. jp

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