Zweifelhafte Ikone
Ikone der Schwulen und Lesben, Königin der Diskomusik: In ihrer bald 40 Jahre dauernden Karriere hat sich Gloria Gaynor viele Attribute verdient: Im Casino in Bad Mondorf in Luxemburg hat die amerikanische Sängerin gut 300 Besuchern eingeheizt.
Mondorf. (fgg) "Ladies and Gentlemen: we proudly present the queen of disco: Gloria Gaynor!", schmettert der Ansager den gut 300 Besuchern im Casino 2000 im luxemburgischen Mondorf entgegen, und das Publikum jubelt als Antwort.Während vor der Tür endlose Reihen von Spielautomaten viele Pieptöne und ab und zu auch einige Münzen auswerfen, betritt Gloria Gaynor mit zwei Backgroundsängerinnen die kleine Bühne. Schöner wäre natürlich gewesen, der Rest der Musik käme nicht vom Band. Aber die Ticketpreise waren, besonders für Luxemburger Verhältnisse, etwa so klein wie die Bühne der "Purple Lounge", also soll das nicht die Stimmung trüben. Tatsächlich schafft die 58-Jährige es ganz gut, mit ihrer Präsenz allein den Raum zu füllen: Immer noch mit einer beachtlichen "Röhre" ausgestattet, schmettert sie souverän die erwarteten Hits ins Publikum und haucht zwischendurch, ganz divenhaft, belanglose Kleinigkeiten ("This one's for the ladies"). "Reach Out", "First To Be A Woman" und natürlich der Partyklassiker "I Will Survive" stehen unter anderem auf dem knapp einstündigen Programm. Es wird getanzt und geklatscht, aber wirklich wild wird es nicht, was vielleicht daran liegen könnte, das nur wenige Gäste viel jünger als die Discokönigin sind.Ikone wider Willen? Im Jahr 1965 hat die heute 58jährige ihre Karriere mit der Jazzband "Soul Satisfiers" begonnen. Der große Durchbruch kam 1975 mit ihrem Solowerk "Never Can Say Goodbye": Ein fast zwanzigminütiger Nonstop-Mix auf der ersten Seite war ein gerngespielter Clubhit und enthielt mit "Reach Out, I'll be there" einen der bis heute erfolgreichsten Discotitel, den die Gaynor natürlich auch im Casino spielte.1978 folgte dann "I Will Survive", ironischerweise zuerst nur als Single B-Seite. Die Plattenfirma erkannte bald ihre Fehleinschätzung und brachte den Song auf die "wichtige" Seite: Das stolze Statement des Selbstbewusstseins einer Betrogenen schlug ein wie eine Bombe und wurde auch rasch zu einer Hymne emanzipatorischer Bewegungen der 70er Jahre wie die der Schwulen und Lesben. Auch das 1984 folgende "I am what I am" wurde in diesem Sinne aufgenommen, wobei Gloria Gaynor sich keinesfalls als Sprachrohr dieser Bewegungen sah.