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Zwergschulen ja oder nein? Ein Tag in der Schule in Trittenheim

Zwergschulen ja oder nein? Ein Tag in der Schule in Trittenheim

Zwergschulen auf dem flachen Land – haben sie noch ihre Berechtigung? Der TV hat einen Tag in Trittenheim die Schulbank gedrückt.

Jule ist an diesem Montagmorgen immer noch der Vogel aus dem Musical. Sie breitet ihre Arme aus, zieht flatternd ihre Bahnen in der Klasse. Schulleiterin Silke von Juterzenka und die anderen Kinder lachen. Dazu haben sie auch allen Grund, denn die Schüler haben freitags und sonntags das "Waldfest der Tiere" im Trittenheimer Bürgerzentrum aufgeführt. Die Gemeinschaftsproduktion mit den Kindergartenkindern war ein Volltreffer. Die etwa 300 Besucher haben nicht nur Eintritt gezahlt, sondern auch fleißig das Spendenschwein gefüttert. Ihre Schule ist den Trittenheimern halt viel wert. Das sagen alle, die man im Ort fragt. Doch wird diese Wertschätzung auch in Mainz geteilt? Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hat 41 kleine Grundschulen im Land bis zum Herbst auf den Prüfstand gestellt. Zur Disposition steht auch die seit 1966 bestehende Schule in Trittenheim (siehe Info).

Aus pädagogischen Gründen spreche viel für die Zwergschulen, sagt Schulleiterin Silke von Juterzenka. "Bei uns herrscht eine gute Atmosphäre und wir kennen jedes Kind genau." Und der Kombi-Unterricht funktioniert tatsächlich. An diesem Morgen unterrichtet sie die dritte und vierte Klasse gemeinsam. Die Drittklässler haben Deutsch, bekommen Arbeitsblätter, die sie ausfüllen sollen. Fünf Wörter mit "ai" bilden und bei Aufzählungen Kommas setzen. Unterdessen schreiben die Viertklässler im gleichen Raum die letzte Mathearbeit vor den Sommerferien. "Zu welchen geometrischen Körpern passen diese Beschreibungen?, lautet eine Aufgabe. Wer eine Frage hat, zeigt auf. Dann kommt die Lehrerin zur Bank. Es wird leise gesprochen, damit niemand in seiner Konzentration gestört wird.

Einen Klassenraum weiter übt Lehrerin Julia Platz mit vier Erstklässlern kurze Sätze. "Ich wandere gern", schreibt Eyleen. Montags und freitags werden die Klassen bei den Deutschstunden getrennt, an den anderen Tagen wird gemeinsam gelernt. "Die Stunden mit wenigen Kindern sind ein Traum", sagt die Pädagogin. Sie hat auch schon große Klassen in Hermeskeil und Birkenfeld erlebt. Alle Schüler können am Ende des ersten Schuljahres flüssig lesen. "Wer Probleme hat, mit dem arbeiten wir individuell, damit er auf das Level der anderen kommt", sagt Julia Platz. Bei 22 Kindern in einer Klasse sei das kaum möglich. In kleinen Schulen werden begabte und schwächere Kinder besser gefördert.

Das ist ein Kernargument aus der Petition, die kürzlich der Bildungsministerin in der Landeshauptstadt übergeben wurde. Auch aus Trittenheim war eine Delegation angereist. Kerstin Ludwig Hasenstab spricht das aus, was viele Trittenheimer denken: "Die Schule muss bleiben, sonst geht Leben aus dem Dorf." Sie hat selbst zwei Kinder an der Grundschule gehabt, war froh, die Betreuungszeiten am Nachmittag flexibel gestalten zu können. "Wenn die Kinder nach Leiwen oder Klüsserath müssen, geht das nicht mehr."

Die Statistik zeigt, dass die Trittenheimer Schüler sehr gut auf weiterführenden Schulen zurechtkommen. Sieben der aktuell neun Abgänger aus dem vierten Schuljahr haben eine Gymnasialempfehlung, zwei gehen zur Realschule. Eine überdurchschnittliche Quote. Vor sechs Jahren wechselte Johanna Hoffmann ans Nikolaus-von-Kues-Gymnasium nach Bernkastel-Kues, jetzt ist sie Praktikantin an ihrer früheren Schule in Trittenheim. Die 16-Jährige darf schon den Sportunterricht vorbereiten. Sie denkt sich Übungen für Zirkusartisten aus, lässt in der Turnhalle einen Parcours aufbauen, auf dem die Schüler balancieren, jonglieren und springen. Johanna, die später Lehrerin werden möchte, schwärmt noch heute von ihrer Grundschulzeit: "Wir hatten ruhige Klassen und die Lehrer haben sich gut um uns gekümmert."

Während die "Zirkusartisten" trainieren, studiert Lehrerin Melanie Tschepe im Religionsunterricht die Lieder und Fürbitten für den Wortgottesdienst am Freitag in der Laurentiuskapelle ein. Unterdessen sitzt Schulleiterin Silke von Juterzenka mit Drittklässlern zusammen, um die Abschlussfeier am gleichen Tag in der Turnhalle vorzubereiten. Was fehlt, wenn Jonas und die anderen nicht mehr an der Schule sind? Die Kinder diskutieren, wer von den Abgängern was besonders gut kann. Diese Fähigkeit soll dann von den tieferklassigen Schülern ins Programm der Feier eingebaut werden. Mitten in die Diskussion kommt freudestrahlend Kita-Leiterin Nicole Schmitt in die Klasse und wedelt mit einem Bündel Geldscheine. Es ist der Erlös aus dem Musical. Und schon switcht die Schulleiterin um - Mathe wird eingeschoben. Die Kinder zählen das Geld, addieren Summen an der Tafel: 810 Euro kommt raus, jeweils 405 für Schule und Kita. "Ein schöner Grundstock für neue Projekt", sagt die Schulleiterin. Am Schulhof sollen vier Hochbeete aufgestellt werden. Dass die Kita-Leiterin was an der Schule zu erledigen hat - oder umgekehrt - ist in Trittenheim normal. Die Kleinen nutzen den von Eltern der Schulkinder neu gestalteten Betreuungsraum, spielen in der großen Pause mit den "Großen" und dürfen auch schon mal in den Unterricht reinschnuppern. Ein Dorf ohne Schule ist für Nicole Schmitt unvorstellbar, auch für Ortsbürgermeister Franz-Josef Bollig. Er sagt: "Die Gemeinde weist 34 neue Baustellen aus. Soll ich jetzt um Neubürger werben, indem ich ihnen sage, dass wir die Schule schließen …" Info

Warum Zwergschulen auf der Kippe stehen

Nach dem Schulgesetz müssen Grundschulen mindestens vier Klassen haben; eine Klasse pro Klassenstufe. Bisher hat die rheinland-pfälzische Landesregierung Ausnahmen von dieser Mindestgröße zugelassen. 41 Schulen im Land bringen es nur auf zwei altersgemischte Klassen. Diese Schulen, unter anderem betrifft das die Einrichtungen in Schöndorf und Trittenheim, sind nun von einer Schließung bedroht.

Im Jahr 2016 hat der Landesrechnungshof nach einer Prüfung der Unterrichtsorganisation und des Lehrkräfteeinsatzes das Land aufgefordert, ein Konzept zu entwickeln, um die "besonderen Fälle" im Dialog mit dem Schulträger zu prüfen.

Die Schulträger haben nun die Möglichkeit, bis September unter Berücksichtigung der örtlichen Situation und der Einwohnerentwicklung ein Konzept für ihre Schulen zu entwickeln.
Kommentar

Spielen, lernen, turnen: Die Kinder Grunschule Trittenheim während der Betreuungsstunde am Brunnen vor der Tourist-Info. Foto: Kerstin Ludwig-Hasenstab
Spielen, lernen, turnen: Kinder der Grundschule Trittenheim beim Sport. Foto: Albert Follmann

Eine Schule fürs Leben

Die Kinder sind aufgeweckt, höflich, kommunikativ. Nun ist das kein Alleinstellungsmerkmal für eine kleine Grundschule wie die in Trittenheim. Auch an großen Schulen gibt es solche Schüler. Und die haben sogar den Vorteil, dass sie eher Freunde finden, weil es mehr Mitschüler gibt.

Schüler an kleinen Schulen haben das große Plus, das sie individuell gefördert werden. Schwächen werden ausgebügelt, die Sozialkompetenz gestärkt, weil die Kinder sich jedes Jahr auf neue Schüler in den altersgemischten Klassen einlassen (müssen). Eine Schule fürs Leben. Solche intakten, familiären Schulgemeinschaften sollte das Land erhalten - auch den Dörfern zuliebe. a.follmann@volksfreund.de