Zwischen den Zeilen

TRIER. (ae) Über ein kaum bekanntes Kapitel deutscher Mediengeschichte, die jüdische Presse im Nationalsozialismus, referierte der Regisseur, Publizist und Medienexperte Konrad Weiß in der Katholischen Akademie. Der Vortrag in Kooperation mit dem Emil-Frank-Institut war Auftakt der 13. Internationalen Jugendmedienwoche.

Derzeit setzen sich Jugendliche aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland anlässlich der 13. Internationalen Jugendmedienwoche der Katholischen Akademie mit dem Thema "Jüdisches Leben in Deutschland" auseinander. Ein weitgehend unbekanntes Kapitel daraus, die Geschichte der jüdischen Presse von 1933 bis 1943, brachte ihnen Konrad Weiß nahe. Der Bundesverdienstkreuzträger und Kuratoriumsvorsitzende der Begegnungsstätte Gollwitz wurde 1942 genau an dem Tag geboren, als Juden von der Belieferung mit Zeitungen ausgeschlossen wurden. Zeit seines Lebens hat er sich erst als Dokumentarfilm-Regisseur der Ostberliner DEFA, dann als Politiker und Publizist für Verständnis von Juden und Nichtjuden, aber auch Freiheit und Vielfalt der Medien eingesetzt. Der beste Geschichtsunterricht für ihn sei das Studium der Wochenschauen aus der Nazizeit gewesen, leitete der Experte seinen Vortrag ein und lieferte dann eine mit Staunen aufgenommene Aussage: "Die jüdische Presse erlebte ab 1933 eine beachtlichen Aufschwung". Das habe am Verbot des Verkaufs nichtjüdischer Zeitungen an Juden gelegen und an der Entlassung aller jüdischer Journalisten aus deutschen Verlagshäusern. Diese hätten fortan nur noch für jüdische Zeitungen schreiben können, ihnen enormes journalistische Niveau verliehen und über politische und kulturelle Ereignisse im In- und Ausland berichtetet, die Juden sonst vorenthalten geblieben wären. Bis Mitte der 30er Jahre seien die Auflagen der ca. 60 Blätter auf 1,2 Millionen Exemplare gestiegen, danach allerdings durch Auswanderung und wirtschaftliche Not gesunken. Bedeutung habe die Presse vor allem als identitätsstiftendes Bindeglied gehabt. Denn jüdische Bürger, die sich assimiliert gefühlt hätten, seien durch die politischen Verhältnisse plötzlich aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, dadurch isoliert und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition gezwungen worden. Dem wurden laut Weiß die Blätter dadurch gerecht, dass sie über jüdisches Brauchtum berichteten, praktische Lebenshilfe zur Gestaltung von Feiertagen oder Zubereitung koscheren Essens gaben. Oder damit, dass sie vom Markt verdrängten Dienstleistern über Inserate Kontakt zu neuer Klientel eröffneten. Darüber hinaus seien jüdische Intellektuelle und Künstler in Ehren gehalten, beispielsweise neue Veröffentlichungen von Thomas Mann im Exil oder das Werk von Max Liebermann besprochen worden. "Die jüdische Presse war den Nazi-Blättern intellektuell überlegen, hat jüdisches Leben neu untermauert und gegen die geistige Ödnis gekämpft, die sich breit machte", sagte Weiß. Mitteilungsblatt für antijüdische Verordnungen

Doch über die tatsächliche Not der Juden sei nur in Andeutungen und zwischen den Zeilen berichtet worden, immer habe Hoffnung geherrscht, der braune Spuk sei bald vorbei. Erst seit den Nürnberger Gesetzen sei die Lage der Juden realistisch eingeschätzt und ernsthaft von Debatten über Emigration begleitet worden. Nach der Pogromnacht im November 1938 hätten dann jüdische Herausgeber ihre Verlage liquidieren müssen. Nur ein Organ, das "Jüdische Nachrichtenblatt" sei, unter starker Zensur, verblieben, um antijüdische Verordnungen mitzuteilen. Es habe aber dennoch beachtliches Niveau erreicht. Seine letzte Ausgabe erschien im Juni 1943.