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Zwischen Tradition und Veränderung

Zwischen Tradition und Veränderung

Trier-Süd steht vor umwälzenden Entwicklungen: Gleich drei große Areale werden in den nächsten Jahren von ihren bisherigen Nutzern verlassen. TV-Reporterin Christiane Wolff war mit Ortsvorsteherin Jutta Föhr auf Stadtteiltour durch das Viertel.

Trier-Süd. Das ehemalige Polizeihochaus vis-à-vis der Kaiserthermen steht bis auf die Kantine leer, der Abfallentsorger ART zieht sich aus der Löwenbrückener straße zurück und auch die Feuerwehr am Barbara-Ufer ist auf der Suche nach einem anderen, größeren Gelände: Drei große Gebiete werden in den kommenden Jahren im Trierer Süden anders genutzt.
Für das frei werdende ART-Gelände ist ein neues Wohnviertel geplant, die Zukunft von Feuerwehr- und Polizei-Areal ist noch offen. Die Neubebauung wird sich einfügen müssen in den traditionsreichen Stadtteil, in dem - wenn man genau hinschaut - an so mancher Ecke die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

I.
Über das blanke Kopfsteinpflaster in der Heiligkreuzer Straße ist Jutta Föhr schon als Kind gelaufen. "Wir sind hier Seil gesprungen oder haben Hüpfkästchen gespielt", sagt die Ortsvorsteherin von Trier-Süd. Ihr ganzes Leben hat die 55-Jährige in der Heiligkreuzer Straße gewohnt. Voriges Jahr ist sie aus Haus Nummer 16 wieder nach gegenüber in ihr Elternhaus gezogen. Links daneben wohnt ihr Cousin, der Bildhauer Thomas Föhr. Etwas weiter rechts hat Großcousin Bernhard Veit seinen Fotoladen. "Die Farbe der Häuser vielleicht", antwortet der Fotografenmeister auf die Frage, was sich in der Heiligkreuzer Straße im vergangenen halben Jahrhundert verändert hat. "Und es gibt natürlich viel mehr Autos", ergänzt Jutta Föhr. Die Sache mit den Autos verhält sich umgekehrt proportional zur Zahl der Kinder: "In Häusern, wo heute drei Leute auf 300 Quadratmetern leben, wohnten früher 15 Kinder mit ihren Familien", sagt Bernhard Veit.

II.
Auch für die neugotische, denkmalgeschützte Straßenvilla in der Saarstraße 26 aus dem Jahr 1903 scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der braungrauen Sandsteinfassade sieht man ihre 111 Jahre kaum an. "Die neuen Hausbesitzer haben in den vergangenen drei, vier Jahren das Haus komplett renoviert", erzählt Jutta Föhr. "Von den Fliesen bis zur alten Bleiverglasung haben sie viel Geld und Liebe in das Haus gesteckt." Die Reihenvilla ist nur eine der vielen schönen Gründerzeithäuser in Trier-Süd. "Und ich habe den Eindruck, dass die Hausbesitzer in den vergangenen Jahren wieder verstärkt Wert darauf legen, ihre Häuser herzurichten", schwärmt Architektentochter Jutta Föhr.

III.
In der Gilbertstraße reiht sich ein hübscher Giebel an den anderen. Dass vor dem Bau des Hochwasserdamms den Trier-Südern die Mosel öfter in die Stube schwappte, lässt schon die in die Höhe versetzte Haustür an einem der alten Fischerhäuser erahnen. Gut zwei Meter beträgt der Höhenunterschied am Ende der Gilbertstraße bis zur Moseluferstraße, die seit den 1930ern auf dem Damm verläuft. "Nur durch diesen Wall ist Trier-Süd sicher vor Hochwasser", sagt Jutta Föhr. Und sicher davor, dass in dem moselnahen Wohnviertel ein Stadt-am-Fluss-Gefühl aufkommt. Wer zur Mosel will, muss zum Teil weite Umwege über Südallee oder Hohenzollernstraße nehmen.

IV.
Schneller geht es unter die Mosel - zumindest, wenn einem die Stadtwerke die Tür zum Moseldüker öffnen. Der Versorgungstunnel führt von der Gilbertstraße aus etwa fünf Meter unterhalb des Flussbetts ans andere Ufer. Strom, Gas und Telefonkabel laufen durch den Tunnel, der einen Durchmesser von rund 2,4 Metern hat. 2,8 Millionen Euro hat der Stollen gekostet - eine der wenigen Technik-Sehenswürdigkeiten Triers, die allerdings nur an seltenen Terminen besichtigt werden kann.

V.
Ein bisschen wie auf einem Geheimpfad kommt man sich auch in dem kleinen Gässchen vor, das etwa in der Mitte der Maternusstraße zur Albanastraße abbiegt. Augenblicklich bleibt der Rummel der Hauptstraße hinter einem zurück. Hoch ragen links und rechts die Häuserwände auf. Der Platz reicht gerade, um einen Kinderwagen zu schieben oder einen Einkaufs trolley hinter sich herzuziehen. So, wie Daniel Poschta es gerade tut. "Man geht vorne von der Großstadt-Straße aus in die Gasse hinein, und wenn man hinten raus kommt, ist\'s, als sei man in einem Dorf gelandet", sagt Poschta, Bratschist im Philharmonischen Orchester der Stadt Trier.
Sein Nachbar hat eine weiße Bank vor das von Weinreben umrankte Haus in der Albanastraße gestellt. Ein Feigenbaum, Oleander und Lavendel verleihen dem kleinen Platz mediterranes Flair an diesem warmen Septemberabend.
Auch Marcus Mazzucco wohnt in dem hübschen alten Eckhaus. Er ist in Trier aufgewachsen, und bis auf ein paare Jahre in der City hat er auch nie woanders gewohnt. "Mir gefällt, dass in Trier-Süd die Bevölkerung so gemischt ist, altersmäßig und von den sozialen Schichten her, das macht das Leben hier sehr angenehm", sagt der selbstständige Schreiner, der mit seiner mobilen Werkstatt nicht nur in ganz Trier herumkommt.

VI.
Ein paar Meter weiter Richtung Aulstraße sind recht unscheinbare neue Reihenhäuser gebaut worden. "Alle ohne Keller", sagt Ortsvorsteherin Jutta Föhr. Denn wer auf dem Gelände tiefer gräbt, hat die allerbesten Chancen, auf römische und mittelalterliche Gräberreste zu stoßen. Nicht nur die Römer bestatteten dort bereits ihre Toten. Auch der Friedhof des Klosters St. Matthias - eine der ältesten Abteien Deutschlands - reichte früher weit über die heutigen Klostermauern hinaus bis unter das Neubauviertel.

VII.
Im Vergleich zu den antiken Gräbern ist die Brücke, die in der Aulstraße über die Bahngleise führt und Trier-Süd mit Feyen/Weismark verbindet, zwar nur einen Wimpernschlag alt. Trotzdem besteht die als Provisorium gedachte Metallkonstruktion, mit der 2009 die im Jahr zuvor abgerissene alte Brücke ersetzt worden war, schon viel länger als geplant. Eigentlich sollte die neue Trasse, die auch die Saarstraße vom täglichen Stau entlasten soll, inklusive Brücke schon 2012 fertig sein. Als neuer Termin wurde Ende 2014 festgesetzt. Aber bislang ist von konkreten Plänen für den rund vier Millionen Euro teuren Trassenbau nichts zu hören und zu sehen.

VIII.
In der Medardstraße wird es eng - zumindest, wenn die Stadtbusse sich an den Häusern mit den Nummern 60 bis 70 vorbeizwängen. Die Straße ist dort so schmal, dass die Busfahrer den Bewohnern im zweiten Stock der kleinen ehemaligen Fischerhäuser bequem die Hand schütteln könnten. Ortsbeirat und Stadtverwaltung würden den Engpass gerne abschaffen und die Busse stattdessen über die Konzer und die Saarburger Straße fahren lassen. Dazu müsste allerdings eine Absperrung, die dort derzeit den Durchgangsverkehr verhindert, geöffnet werden. Die Schwelle soll zwar so gestaltet werden, dass tatsächlich nur die Busse passieren können. Die Anwohner der breiten Straßen haben trotzdem Angst vor dem zusätzlichen Verkehr und wollen das Busproblem lieber ihren Nachbarn in der schmalen Medardstraße überlassen. "Wir werden da eine Lösung finden müssen", sagt Jutta Föhr.

IX.
Spiegeleier mit Brot kosten drei Euro, ein Schinkenbrot gibt\'s schon für fünf Euro, und ein Cordon bleu mit Pommes und Salat steht mit zwölf Euro in der Karte. "Die günstigen Preise können wir uns nur leisten, weil wir ein Zwei-Mann-Betrieb sind", sagt Klaus Möller. Seit 1991 betreibt er zusammen mit seiner Frau Christel das urige Gasthaus Möller in der Gallstraße. Klaus Möller steht in der Küche, seine Frau Christel hinter der Theke. Auch an diesem Dienstagabend sind Theke und Tische gut gefüllt. "Es kommen überwiegend Senioren zu uns", sagt Christel Müller. Die lassen sich die deftigen Gerichte schmecken. Und so endet die Stadtteiltour in einer gemütlichen Eckgaststätte, wie sie es in jedem Wohnviertel geben sollte, bei zwei großen Bier für die Ortsvorsteherin und zwei leckeren Viez für die TV-Reporterin.