Schräge Aktionen: Trierer Studenten stellen via snab.me den Alltag auf den Kopf

Autos bremsen an der Ampel langsam ab und fahren nach einer kurzen Pause wieder an. Busse tuckern langsam um die Kurve. Passanten eilen hektisch von der einen Straßenseite zur anderen. Mittendrin sitzt Stephanie Nosbüsch, die sich auf der Fußgängerinsel ihr Wohnzimmer eingerichtet hat, und liest Zeitung. Ein ganz normaler Samstagmorgen also an der Nordallee. Oder nicht? Das, was da an einem Samstagmorgen passiert, ist eine Mission. Die Mission von Aktivisten, die sich über die Plattform Snab (siehe Extra) organisieren, um von dort aus das "Global Boring" (englisch für weltweite Langeweile) zu bekämpfen. Einheitsbrei zur Unterhaltung "Wir wollen, dass die Leute zur Gestaltung ihrer eigenen Freizeit mal wieder aus dem Haus gehen", erklärt Miriam Julius, die das Projekt mit aufgebaut hat und betreut. "Heutzutage lässt man sich viel zu sehr von der Unterhaltungsindustrie mit Einheitsbrei berieseln. Fernseher an, Gehirn aus", sagt Miriam. Und genau hier kommt Snab ins Spiel. Hier werden in regelmäßigen Abständen Aufrufe gestartet, sich an Missionen zu beteiligen. Es gibt vier Kategorien, in denen die Mitspieler unterschiedlich viel Mut aufbringen müssen. Das können beispielsweise außergewöhnliche Fotos von unscheinbaren Dingen sein, wie beispielsweise die feinen Wassertropfen, die aus einer Gurke austreten, wenn man sie anschneidet. Oder mit eigenem Sonntagsgeschirr zum Dinner im örtlichen Fastfood-Restaurant auftauchen. Und solche Aktionen wie die an der Nordallee."Ist das nicht gefährlich, was sie da machen?" fragt ein besorgter Fahrradfahrer Stephanie, dem die junge Studentin aufgefallen ist, als er an der roten Ampel anhalten musste. Als sie freundlich verneint, kommen die beiden ins Gespräch. Autofahrer kurbeln hastig das Fenster hinunter, um das Gespräch mit kleinen Kameras oder mit dem Handy zu fotografieren. Nicht aus der Ruhe zu bringen Asiatische Touristen, die in Doppeldeckerbussen in der Stadt unterwegs sind, drücken hier, abseits der üblichen Trierer Sehenswürdigkeiten, ihre Nasen platt. "Was ist das denn schon wieder für ein Protest?" fragt ein ältererer Herr mit ostdeutschem Akzent und deutet ganz aufgeregt auf Stephanie, die sich in ihrem Sessel durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Als die Studenten erklären, dass dies kein Protest ist, beruhigt er sich und fragt kleinlaut nach dem Weg zur Porta Nigra. "Unsere Aktionen haben zum Teil schon viel mit Streetart oder Aktionskunst zu tun", erklärt Miriam. Menschen beobachten macht Spaß Die Missionen seien aber nicht nur politisch motiviert. Auch wenn die Bezeichnung der Mitglieder, Aktivisten, auf etwas anderes schließen lässt. "Manche von uns machen das einfach nur, weil es lustig ist." "Es ist toll, die Menschen zu beobachten", sagt Miriam Julius und deutet auf zwei Fußgängerinnen, die auf gegenüberliegenden Straßenseiten an der Kreuzung darauf warten, dass die Ampel auf grün springt. Beide kramen in ihren Handtaschen und zücken kleine Kameras hervor, um Stephanie zu fotografieren. Dann bemerken sie sich gegenseitig, lächeln verschämt und nicken sich freundlich zu. "Ohne unsere Aktion hätten die beiden sich wahrscheinlich nicht einmal wahrgenommen", sagt Miriam und freut sich. Jeder kann mitspielen Momentan seien es vor allem Studenten, Schüler und andere junge Leute, die sich für snab.me begeistern können, und auch selbst mitspielen. "Aber im Grunde richtet sich unsere Plattform an jeden, der gerne mitmachen will." Alles was man braucht, ist ein internetfähiger Computer und idealerweise eine Kamera, um seine Aktivitäten festhalten und den anderen Usern auf der Plattform zeigen zu können.Sie und die anderen Studenten kommen am Samstagmorgen gar nicht aus dem Grinsen raus - Steffi hat schon wieder Gesellschaft: Ein junger Mann aus Köln hat sich auf den Hocker gesetzt. Gespanntes Starren auf einen alten Fernseher Er starrt gebannt auf den alten Fernseher, dessen Bildschirm hier auf der Kreuzung natürlich dunkel bleibt. Trotzdem springt er nach einer Weile plötzlich auf, reißt die Arme in die Luft und schreit "Toooor, Toooor!" Stephanie muss lachen. "Mich hat die Szenerie einfach gereizt", erklärt der Kölner später, der mit seiner Familie Urlaub an der Mosel macht. Seine Frau und die Kinder hat er warten lassen, um sich ein Weilchen zu Stephanie zu setzen. "Der alte Fernseher, der Hocker und natürlich auch die junge Frau!" Nach einer knappen Stunde hat die Studentin keine Lust mehr auf ihr Freiluftwohnzimmer und gesellt sich zu den anderen. Die Mission ist vorbei. "Am Anfang habe ich gedacht, dass mir das wahrscheinlich ziemlich peinlich sein wird", sagt Stephanie, die zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein Wohnzimmer aufgebaut hat. "Aber dann hat das auf einmal richtig viel Spaß gemacht." Auf der Kreuzung wird es ruhig. Autos bremsen und fahren langsam wieder an, wenn die Ampel auf Grün springt. Ein ganz normaler Samstagmorgen an der Nordallee. Schade eigentlich. Terminhinweis: www.Snab.me ist auch bei Trier Spielt am Samstag, 10. September, dabei. Die Studenten haben zwei Spiele im Gepäck: Beim Fotoduell müssen sich zwei Spieler gegenseitig ablichten, ohne selbst "vom Blitz getroffen" zu werden. Außerdem wird die Stadt "Bad Unsinnen" aufgebaut, in der sich niemand langweilt. Extra Die Geschichte: Die neue Internetplattform www.snab.me ist ein Projekt von Studenten des Studiengangs Intermediales Design an der Trierer Fachhochschule. Gemeinsam mit ihrem Dozenten Marcus Haberkorn haben sie seit 2009 daran gearbeitet Die Idee: Die Organisatoren von Snab versuchen, Internetnutzer jeden Alters zu kreativer Freizeitgestaltung anzuregen, und zwar bundesweit. "Wichtig ist, dass man sich nicht nur passiv von der Unterhaltungsindustrie berieseln lässt", sagt Studentin Miriam Julius. Die Nutzer: "Es gibt zwar viele Mitspieler aus Trier", erklärt Miriam Julius, doch auch in anderen großen deutschen Städten gebe es bereits "Aktivisten", wie die Mitglieder der Internetgemeinde heißen. Mehr als 300 Nutzer aus ganz Deutschland haben sich bereits angemeldet, auch wenn sich noch nicht alle aktiv an den Missionen beteiligt haben. Die Missionen: Die Aufgaben, zu denen bei Snab aufgerufen wird, werden Missionen genannt. Jeder kann kostenlos mitmachen. Es gibt Aufgaben in vier Kategorien: Grün sind die kleineren Aufgaben, bei denen man häufig technische Spielereien einsetzen kann. Blau sind die Missionen, bei denen man nach etwas Besonderem suchen muss. Bei orangen Aufgaben muss man Dinge selbst herstellen, und bei roten Missionen muss man häufig vor die Haustür gehen und auch andere Menschen ansprechen. "Wichtig ist, dass sich alle Aktionen immer im Rahmen der Legalität bewegen", betont Miriam Julius. Das passiert als Nächstes: Die Studierenden sind gerade dabei, das Angebot auf der Seite zu erweitern und anzupassen. So soll es in Zukunft möglich sein, sich über die Internetseite zu gemeinsamen Aktionen zu verabreden.