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Geschichte
Als der Krieg vor der Haustür ankam

Den Mosquito-Jagdbomber setzten die Engländer im Zweiten Weltkrieg an vielen Fronten ein. Durch die Holzbauweise war das Flugzeug leicht und schnell.
Den Mosquito-Jagdbomber setzten die Engländer im Zweiten Weltkrieg an vielen Fronten ein. Durch die Holzbauweise war das Flugzeug leicht und schnell. FOTO: Schramm, Johannes / TV
Trier . Vor 75 Jahren, am 1. April 1943, bombardierten englische Flugzeuge mehrere Bahnanlagen in Trier. 27 Menschen kamen ums Leben. Von Albert Follmann
Albert Follmann

Der 1. April 1943 brachte Tod und Verderben über Trier. Zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt gezielt angegriffen. Elf englische Mosquito-Bomber ließen ihre tödliche Fracht über Euren, Kürenz und Ehrang ab – im Tiefflug und am helllichten Tag. 27 Menschen starben durch den Luftangriff, der quasi aus dem Nichts kam.

Zeitzeugen erinnern sich 75 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen schildern zwei Zeitzeugen dem TV ihre Erinnerungen: Adolf Welter (84) beobachtete als Bub auf der Eurener Flur, wie die Flugzeuge ihr Ziel, das Ausbesserungswerk der Reichsbahn, ansteuerten. Ludwig Reichert (89) begann an diesem 1. April seine Schlosserlehre in dem Eurener Werk. Er blieb wie durch ein Wunder unverletzt.

Für Adolf Welter ist es zu einer Lebensaufgabe geworden, den Luftangriff in allen Facetten zu erforschen. Er hat in englischen und deutschen Archiven recherchiert, Dutzende von Zeitzeugen befragt und die verharmlosende Propaganda der Nazis entlarvt.

Zu tief für die Flak Laut Welter näherten sich kurz vor 17 Uhr elf Maschinen aus Richtung Sirzenich Trier. Die zweimotorigen Mosquitos waren auf dem britischen  Flugplatz Marham (Grafschaft Norfolk) gestartet. Eine zwölfte Maschine war an der Küste von einer deutschen Fliegerabwehrkanone (Flak) getroffen worden und musste umkehren.

Laut Welter teilte sich der englische Verband und führte einen Doppelschlag auf Trier aus. Sechs Mosquitos seien aus Richtung Wasserliesch und Igel heranflogen und hätten in geringer Höhe den Eurener Flugplatz überquert. In den dortigen Flak-Stellungen habe man wohl erst spät registriert, dass es sich um feindliche Flugzeuge handelte, so der Heimatforscher. Auch er, damals neun Jahre alt, und seine Spielkameraden dachten, es seien deutsche Flugzeuge. Die landeten fast täglich auf dem Eurener Fliegerhorst.

Kurz darauf hörten die Jungen das Rattern von Maschinengewehren. Wie Welter später herausfand, kam das Feuer nicht aus den Mosquitos (die waren normalerweise unbewaffnet),  sondern von deutschen Soldaten. Die schossen den englischen Bombern mit Maschinengewehren und Handfeuerwaffen hinterher. Ihre Flak-Geschosse konnten sie nicht einsetzen, weil die englischen Piloten zu tief flogen. Welter: „Durch die Rohrverlängerung war die Flak nur für höhere Ziele konzipiert. Der tiefe Anflug der Briten unter dem Radar hindurch erklärt auch, dass erst Fliegeralarm ausgelöst wurde, als die Bomben schon gefallen waren.”

Doppelschlag auf Trier Nach dem Überqueren des Flugplatzes griffen die Flugzeuge das Ausbesserungswerk der Reichsbahn in nur etwa 15 Meter Höhe an. Eine fliegerische Meisterleistung sei das gewesen, sagt Welter. Die Piloten hätten ihr Ziel wegen eines hohen Kamins schräg ansteuern müssen, sie seien dicht hintereinander geflogen und hätten sich dann über den Markusberg hochgeschraubt. Die letzte Maschine (siehe Foto) sei noch in die Explosionen hineingeflogen. Abgeworfen wurden 23 Bomben, jede 225 Kilogramm schwer. Die Bomben waren mit elf Sekunden Zeitverzögerung eingestellt.

Die meisten Bomben verfehlten die Oberlichter und prallten wegen der geringen Abwurfhöhe flach auf das Stahldach der Werkshalle auf. Dadurch wurden sie wegkatapultiert und explodierten hinter dem eigentlichen Ziel. Der Angriff der 105. Staffel der Royal Air Force dauerte etwa drei Minuten. Währenddessen überquerten fünf Mosquitos der 139. Staffel das Stadtgebiet von Trier, sie stießen aus Richtung Mariensäule vor. Diese Flugzeuge warfen vier Bomben auf das Bahnbetriebswerk in Kürenz. Es wurden Hallen und zwei Züge beschädigt.

Zwei Frauen, die gerade Waggons reinigten, kamen ums Leben. Dann flogen die Bomber entlang der Gleise weiter und griffen den Verschiebebahnhof in Ehrang an. Gleisanlagen und ein Kohlebunker wurden zerstört.

Fünf Tote in einem Haus In Euren forderte der Luftangriff 25 Todesopfer und vermutlich rund 100 Verletzte. Die meisten Toten (17) gab es im Eurener Ausbesserungswerk, wo zeitweise bis zu 1500 Menschen beschäftigt waren. Auch fünf Russen und Franzosen starben. Sie waren als Zwangsarbeiter eingesetzt. Auch die städtischen Verkehrsbetriebe und das RWE-Gelände, beide hinter dem Ausbesserungswerk gelegen, bekamen Treffer ab.

Völlig zerstört wurde die Metzgerei Lellig in der Eurener Straße. Fünf Tote, darunter vier Kinder, gab es alleine in diesem Gebäude. Eine Frau starb, weil in einem voll besetzten Stadtbus Panik ausbrach. Alle drängten wegen des Luftangriffs aus dem Bus und wollten in die Keller der nahen Häuser, berichtet Heimatforscher Welter. Die Herausstürmenden seien über die 60-Jährige hinweggetrampelt. Sie erlag drei Wochen später ihren Verletzungen.

Druckwelle im Waschraum Für 80 Jungen sollte der 1. April 1943 ein freudiges Datum werden, denn sie begannen an diesem Tag ihre Ausbildung im Lok-Ausbesserungswerk in Euren. Der Trierer Ludwig Reichert, damals 14, kann sich noch genau an den Moment erinnern, als die Bomben fielen: „Um Viertel vor fünf hatten wir Feierabend. Ich war mit einigen Jungs im Waschraum, als wir plötzlich durch einen Luftdruck wegflogen, alle in dieselbe Ecke. Ich weiß noch, dass ich als Letzter auf die anderen draufflog. Eine Ziegelsteinmauer wurde durch die Wucht weggerissen.”

Er sei dann sofort ins Freie geeilt, berichtet Reichert, und entlang der Fabrikfassade in Richtung eines Luftschutzbunkers gerannt, von dem ihm sein Vater erzählt hatte. Neben ihm seien zig Fenster zerborsten, aber er habe noch nicht mal eine Schramme abbekommen. Am nächsten Tag sei er zum Aufräumen in der Lokhalle eingeteilt gewesen. Im zweiten Lehrjahr wurde Ludwig Reichert zur Wehrmacht eingezogen. Er geriet später in britische und amerikanische Gefangenschaft, kehrte im März 1947 zurück und setzte seine Lehre im Ausbesserungswerk fort. Danach arbeitete er in der Werkzeugmacherei, bevor er den Maschinenbau-Meister machte und anfing, beim städtischen Eichamt zu arbeiten.

Der Gruß an den Führer Der Luftangriff vom 1. April 1943, dem noch weitere tragische in Trier und der Region folgen sollten (siehe Info) zeigt auch, wie die Kriegsparteien die Wirklichkeit aus Propagandazwecken verfälschten. In einem geheimen Bericht der NSDAP vom Folgetag ist verharmlosend von einem Angriff mit fünf Maschinen und 17 Toten sowie 42 Verletzten die Rede. Im „Nationalblatt” kam der Angriff überhaupt nicht vor. Britische Zeitungen, darunter die Times, bezeichneten den Angriff aus Trier als besonderes Jubiläumsgeschenk für den „German Führer”. Die Royal Air Force beging just an diesem Tag ihr 25-jähriges Bestehen, und das sollte Adolf Hitler mitbekommen. Angeblich haben die Piloten vor dem Feindflug noch kräftig gefeiert. Die von britischer Seite vermeldete Vernichtung des Eurener Dampfkraftwerks war eine Fehleinschätzung der Piloten. Die gelbe Rauchfahne, die sie sahen, stammte von der Acethylenanlage des Ausbesserungswerks, die getroffen wurde, und nicht vom Kraftwerk.

Dieses Foto wurde an Bord eines Bombers gemacht. Man erkennt die Detonationen, während die letzte Maschine das Ausbesserungswerk in Trier  überfliegt.
Dieses Foto wurde an Bord eines Bombers gemacht. Man erkennt die Detonationen, während die letzte Maschine das Ausbesserungswerk in Trier überfliegt. FOTO: Schramm, Johannes / TV
Junge Schlossergesellen im Ausbesserungswerk Trier im Jahr 1948 mit zwei Ausbildern. Ludwig Reichert (siehe auch Foto unten rechts) , der am Tag des Luftangriffs vor 75 Jahren seine Lehre begann, ist der Dritte von links.
Junge Schlossergesellen im Ausbesserungswerk Trier im Jahr 1948 mit zwei Ausbildern. Ludwig Reichert (siehe auch Foto unten rechts) , der am Tag des Luftangriffs vor 75 Jahren seine Lehre begann, ist der Dritte von links. FOTO: Schramm, Johannes / TV
Als 14-jähriger Lehrling erlebte Ludwig Reichert aus Trier den Angriff auf das Ausbesserungswerk. Als die Bomben fielen, war er gerade im Waschraum.
Als 14-jähriger Lehrling erlebte Ludwig Reichert aus Trier den Angriff auf das Ausbesserungswerk. Als die Bomben fielen, war er gerade im Waschraum. FOTO: Albert Follmann

Heimatforscher Adolf Welter vor dem Ausbesserungswerk in Trier-Euren. Er hat den Fliegerangriff vom 1. April 1943 recherchiert. , Privat (1)
Heimatforscher Adolf Welter vor dem Ausbesserungswerk in Trier-Euren. Er hat den Fliegerangriff vom 1. April 1943 recherchiert. , Privat (1) FOTO: Albert Follmann
Dieses Foto wurde an Bord eines Bombers gemacht. Man erkennt die Detonationen, während die letzte Maschine das Ausbesserungswerk in Trier  überfliegt.
Dieses Foto wurde an Bord eines Bombers gemacht. Man erkennt die Detonationen, während die letzte Maschine das Ausbesserungswerk in Trier  überfliegt. FOTO: Schramm, Johannes / TV