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Angst vor den Reifenstechern in Trier

Trier. Unbekannte haben in Trier die Pneus von 13 Autos zerstochen. Eines davon, ein Kleinbus, geriet auf der Autobahn in Gefahr, als ein Reifen platzte. Aus einer Sachbeschädigung kann eine Katastrophe werden. Jörg Pistorius

Es ist der zweite Fall innerhalb weniger Tage. Erst am vergangenen Wochenende hatten zwölf Autobesitzer in Trier-Süd und Euren Anzeigen wegen beschädigter und zerstochener Reifen erstattet (der TV berichtete). In der Nacht zum Donnerstag waren wieder Reifenstecher in Trier unterwegs. Dieses Mal schlugen sie im Norden der Stadt zu.

Die Polizei meldet 18 neue Fälle aus dieser Nacht, 13 Autos und fünf Fahrräder. Es können auch mehr sein, möglicherweise haben noch nicht alle Betroffenen Anzeige erstattet.

Die Tatorte der aktuellen Fälle vom Donnerstag sind die Dr. Altmann-Straße, der Keltenweg und die Metternichstraße, alle in Trier-Nord (siehe auch Grafik). Hier haben die Täter Reifen von sechs Autos und fünf Fahrrädern mit einem spitzen Gegenstand durchstochen.

Doch das war nicht alles. Auch in der Röntgenstraße, Schurzstraße und An der Feldport waren Reifenstecher unterwegs und haben laut Mitteilung der Polizei fünf Fahrzeuge beschädigt. Diese drei Straßen liegen östlich des Hauptfriedhofs in Trier-Nord dicht zusammen.

Die Ermittler nennen einen Tatzeitraum von Mittwoch, 26. April, 23 Uhr, bis Donnerstag, 27. April, 6 Uhr. Den bisher bekannten Sachschaden schätzen sie auf bis zu 4000 Euro. Doch einer der Fälle hätte wesentlich schlimmer enden können.

Die Fälle 12 und 13 spielten sich nicht in Trier-Nord ab, sondern am entgegengesetzten Ende der Stadt Trier - in Zewen. In der Straße Oberkirch haben Unbekannte jeweils zwei Reifen an einem PKW und einem Kleinbus beschädigt. Die Gefahr: Die Täter zerstachen die Reifen des Busses nicht komplett, so dass diese total platt und zerstört waren, sondern schnitten laut Mitteilung der Polizei die Ventilschächte an. Der Fahrer merkte nichts. Bis ihm auf der A 602 bei voller Fahrt ein Reifen platzte.

"Der Fahrer konnte den Bus kontrolliert abbremsen, so dass es nicht zu einem Unfall kam", sagt Uwe Konz, Sprecher des Polizeipräsidiums Trier. Das Zerstechen eines Reifens ist eine klare Sachbeschädigung. Doch wenn dadurch ein Unfall entsteht und Menschen verletzt oder sogar getötet werden, ändert sich das Strafmaß. Das bestätigen sowohl die Polizei als auch die Staatsanwaltschaft Trier.

"Jeder einzelne Fall muss individuell betrachtet werden", sagt Polizeisprecher Konz. "Sollte ein vorsätzlich beschädigter Reifen zu einem Unfall führen, kommt der Straftatbestand des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Betracht." Ein solcher kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden. Werden Menschen verletzt oder sogar getötet, kommen auch die fahrlässige Körperverletzung oder fahrlässige Tötung ins Spiel.
Ohne einen Unfall wird die Lage kompliziert. Triers Leitender Oberstaatsanwalt Peter Fritzen verweist auf einen Beispielfall, den der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden hat. In diesem hatte ein Mann den Bremsschlauch am Auto seiner Freundin durchschnitten, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. Sie konnte ihren Wagen dennoch mit der Handbremse stoppen, es gab keinen Unfall. Der BGH urteilte: Die Manipulation des Bremsschlauchs ist kein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, da die Wirkungslosigkeit der Bremsen nur eine abstrakte, nicht aber eine konkrete Gefahr war, da sie nicht zu einer kritischen Situation - eben einem Unfall - geführt hat. "Die konkrete Gefahr ist hier ein wesentlicher Punkt", betont Fritzen. Ob dieselben Täter für beide Serien - einmal Euren und Trier-Süd und einmal Trier-Nord und Zewen - verantwortlich sind, steht laut Polizei noch nicht fest. Zeugen und Geschädigte werden gebeten, sich unter 0651/9779-3200 bei der Polizei Trier zu melden.

Die Angst vor einer neuen Vandalismusserie geht um in Trier. Viele haben die spektakuläre Suche nach dem Täter noch gut in Erinnerung, der im August 2013 durch die Innenstadt gezogen war und die Reifen von mehr als 250 Autos beschädigt hatte. "Nur durch glückliche Umstände", so damals der Wortlaut der Polizei, konnten schwere Unfälle verhindert werden. Der 45-jährige Tatverdächtige wurde wegen Schuldunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht angeklagt.Extra

Teilkasko greift nicht

Zerstochene Reifen sind ein Sonderfall, für den kein automatischer Versicherungsschutz besteht. Die Teilkaskoversicherung scheidet hier vollkommen aus, sie greift bei Vandalismusschäden generell nicht. Eine Vollkaskoversicherung deckt zwar Schäden ab, die von "mut- oder böswilligen Personen" verursacht werden. Aber: Wenn der Täter nur und ausschließlich die Reifen zerstört, besteht kein Versicherungsschutz. Nur wenn er darüber hinaus weitere Schäden anrichtet, den Lack zerkratzt oder die Spiegel abtritt, greift die Vollkaskoversicherung. In einem solchen Fall wird der Angriff des Vandalen als "einheitliche Handlung" gesehen, der Versicherungsschutz schließt dann die Reifen mit ein. Viele Versicherer bieten zusätzliche Reifen- und Räderversicherungen gegen Diebstahl und Beschädigung an.