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Karl Marx
Auf derselben Schule wie Marx: Das sagen ehemalige Schüler und Lehrer

Auf den Spuren des jungen Karl Marx: die drei ehemaligen Schüler (von links) Christian Jöricke, Corinna Dräger und Arnt Finkenberg vor dem historischen Schulgebäude im Vorhof des Bischöflichen Priesterseminars, wo Karl Marx 1835 sein Abitur ablegte.
Auf den Spuren des jungen Karl Marx: die drei ehemaligen Schüler (von links) Christian Jöricke, Corinna Dräger und Arnt Finkenberg vor dem historischen Schulgebäude im Vorhof des Bischöflichen Priesterseminars, wo Karl Marx 1835 sein Abitur ablegte. FOTO: Privat
Trier. Karl Marx war Absolvent des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier. Drei Ehemalige haben nun Schüler und Lehrer aus sieben Jahrzehnten gefragt: Welche Bedeutung hatte es für Sie, an derselben Schule wie Karl Marx gewesen zu sein? Das sind die Antworten.

Nach Studium und Referendariat in der von Studentenunruhen erfassten weltoffenen Landeshauptstadt Mainz kam ich, ein 27-jähriger harmloser Achtundsechziger, am 1. Februar 1970 als frischgebackener Assessor an das FWG in der nicht nur verkehrsmäßig weltabgelegenen, da noch universitätslosen Moselmetropole. Dass das FWG Marx’ Schule gewesen sei, wusste ich schon vorher; umso enttäuschter war ich, erfahren zu müssen, dass seine Abiturarbeiten nicht mehr auffindbar seien. – Das 1970 einzig ‚Revolutionäre’ war für mich ein mit Farbe an die Eingangswand geschmierter, gegen den damaligen Schulleiter Jakob Schwall gerichteter Klapperreim „Bringt den Schwall zu Fall!“ – An der Anstalt selbst gab es unter den Eleven ein paar schul- und stadtbekannte kommunistisch ‚Angehauchte’; einem von ihnen gab ich Nachhilfeunterricht in Griechisch; anschließend an platonische Kommunismus-Utopien diskutierten wir mehr über Marxismus (immerhin hatte ich elf meiner 13 Schuljahre in der DDR absolviert) als über Grammatik; mein volles Honorar erhielt ich trotzdem. Auch auf diese Weise habe ich an Karl Marx in Verbindung mit dem FWG nur angenehme Erinnerungen. Dr. Paul Dräger, Oberbillig. Lehrer am FWG 1970-1975, danach am Gymnasium Konz

Paul Dräger
Paul Dräger FOTO: Anja Runkel

Während meiner Schulzeit spielten Karl Marx und der Kommunismus durch die politische Schwarz-Weiß-Malerei dieser Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Auch in meiner Lehrertätigkeit am FWG hatte ich nicht den Eindruck, dass Karl Marx dort als ein einer besonderen Erinnerung würdiger Schüler angesehen wurde. Bei mir rückte er vor allem in den 70er und 80er Jahren im Zusammenhang mit der Namensgebung der Universität Trier in eine emotionale Nähe, als bestimmte studentische Gruppen versuchten, ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Zurzeit ärgert mich der Versuch zweier Trierer Stadtratsfraktionen, im Gegensatz zu mancher ihrer sonstigen politischen Überzeugungen, aus der Aufstellung einer Karl-Marx-Statue politisches Kapital zu schlagen. Horst Freischmidt, Trier. Abitur 1961, Lehrer am FWG 1969-2006                                                        

Horst Freischmidt
Horst Freischmidt FOTO: Priva / Privat

Es war im Sommer 1976 – Philosophievorlesung in der Uni ‚Auf Schneidershof‘ – Klimaanlage Fehlanzeige! Der Professor verbreitete sich über Religionskritik von Karl Marx, damaligen Abiturienten kein unbekanntes Thema. Die Hitze tat ein Übriges: Die Konzentration sank, der Lärmpegel stieg. Der Professor wurde unwirsch: „Gehen Sie mal auf die Kanzel und kennen Marx nicht, so klein werden Sie!“ Wohl etwas zu laut brummte ich: „Natürlich kenne ich Marx. Er war schließlich mein Mitschüler, wenn er auch 140 Jahre vor mir Abi gemacht hat.“ Das allgemeine Gekichere um mich herum war keineswegs geeignet, die Laune des Dozenten zu heben. In der Pause setzten wir noch einen drauf, indem wir das Gerücht in die Welt setzten: „Professor K. schreibt an einem neuen Buch: Mit Marx auf die Kanzel!“ Ferdinand Kohn, Heidweiler. Abitur 1975, Pfarrer i. R.                            

Ferdinand Kohn
Ferdinand Kohn FOTO: Privat

Den 100. Todestag von Karl Marx im Jahr 1983 nahmen Lehrer und Schüler zum Anlass, sich intensiver mit seinen Theorien auseinanderzusetzen. Darüber hinaus wurde beschlossen, als äußeres Zeichen der Erinnerung an den in der weltweiten Wahrnehmung  bedeutendsten Sohn der Schule eine Hinweistafel am Schulgebäude anzubringen. Unter meiner Leitung entwarfen mehrere talentierte Schüler aus Ton modellierte Gestaltungsvorschläge. Der von der Jury am besten bewertete Entwurf des Abiturienten Marcel Herrig wurde schließlich in Bronze gegossen und als Schrifttafel „Karl Marx, Schüler dieses Gymnasiums 1830-1835, Abiturient 1835“ anlässlich der Karl-Marx-Matinee am 14. Mai 1983 der Öffentlichkeit vorgestellt und später am Schulgebäude angebracht. Maria Wein, Trier. Lehrerin am FWG 1974-1988

Wenn ich heute, 35 Jahre nach meinem Abitur, wieder vor der Marx-Hinweistafel stehe, erfüllt mich das mit Dankbarkeit. Karl Marx ist wohl der bekannteste Deutsche in China. Er konnte sich vermutlich nicht vorstellen, wie sehr er das Leben von Milliarden Menschen auf der anderen Seite der Erde beeinflussen würde. Ohne Marx gäbe es keine kommunistische Partei Chinas. Ohne die kommunistische Partei sähe das heutige China gewiss anders aus. Vielleicht ist das einer der Momente, in dem einem klar wird, wie sehr alles auf schicksalhafte Weise vorherbestimmt ist: Dass ich in Trier geboren wurde, dort auf dem FWG war, 1983 die Karl-Marx-Plakette entwickeln durfte und seit über zehn Jahren in China lebe. Glücklich verheiratet mit meiner chinesischen Frau. Marcel Herrig, Shenzhen (China). Abitur 1983, Diplom-Designer

Die Kunstlehrerin Maria Wein mit ihrem Schüler Marcel Herrig vor der von ihm 1983 entworfenen Karl-Marx-Inschrift am heutigen Schulgebäude.
Die Kunstlehrerin Maria Wein mit ihrem Schüler Marcel Herrig vor der von ihm 1983 entworfenen Karl-Marx-Inschrift am heutigen Schulgebäude. FOTO: Arnt Finkenberg

Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx.“ Dieser vielzitierte Satz Oswald von Nell-Breunings, der im Jahr 1908 am FWG sein Abitur gemacht hat, ist für die Schule in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Zum einen lenkt er den Blick auf die Abfolge zahlreicher Schülergenerationen, deren jede einzelne auf den jeweiligen Vorgängern fußt und eine lange Traditionslinie bewusst werden lässt; zum anderen fordert er eine intensivere Befassung mit dem gewaltigen Opus von Karl Marx heraus, das dieser sicher wirkungsmächtigste einstige Schüler des FWG hinterlassen hat. Bei der intensiven Beschäftigung mit dem Werk von Karl Marx  ging es nicht um eine Identifizierung mit seinen Lehren, erst recht nicht um seine Glorifizierung oder gar Idolisierung in einer ‚Quasi-Apotheose‘; es ging vielmehr um die Analyse seines Denkgebäudes, die kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk und nicht zuletzt um das Bedenken seiner enormen Wirkung, die es weltweit ausgelöst hat. Diese Haltung hat uns auch geleitet, als wir aus Anlass seines 100. Todestages 1983 zur Erinnerung zu einer Matinee eingeladen haben, in welcher Nell-Breuning die Festansprache gehalten hat mit dem Thema: „Dürfen oder sollen wir uns unseres Mitschülers Karl Marx rühmen?“ Ihn zu „rühmen“, bestehe kein Anlass, sehr wohl aber, ihn zu „respektieren“: „Respekt sind wir einem solchen Manne schuldig.“ Die von uns im gleichen Jahr am Schulhaus angebrachte Gedenktafel für Karl Marx soll Zeichen solchen Respekts sein. Dr. Hermann Josef Krapp, Trier. Abitur 1956, Leiter des FWG von 1973 bis 2001

Hermann Josef Krapp
Hermann Josef Krapp FOTO: Arnt Finkenberg

Die ersten meiner Vorfahren, die das FWG besuchten, zwei Brüder Perrot, waren Zeit- und Schulgenossen von Karl Marx  und machten ihr Abitur 1827 und 1838 (drei Jahre nach Karl Marx). Der Jüngere, Karl Josef, beschwor in seiner Schülerrede bei der Entlassungsfeier humanistische Bildung als einen Stamm mit „… tief in das fruchtbare Erdreich rankenden Wurzeln …, der da grüne, blühe und Früchte bringe“. Mein Abitur am FWG liegt genau 60 Jahre zurück, und ich bin stolz, dass auch meine beiden Kinder mit Erfolg dieses Gymnasium absolviert haben. Bis heute ist humanistische Bildung mit der Liebe zu Latein und Griechisch meine innere Heimat und mein Lebenselixier. Ludwig Perrot, Trier. Abitur 1958, Goldschmiedemeister und Juwelier

Ludwig Perrot
Ludwig Perrot FOTO: Karin Otto

Angesichts der weltweiten Bedeutung und Bekanntheit von Karl Marx haben wir – der Verein der ehemaligen Schüler und Lehrer des FWG – über die direkte Förderung der Schule hinaus in den letzten Jahren besondere Aktivitäten entfaltet: In der aus Anlass der 450-Jahrfeier im Jahr 2011 von Verein und Gymnasium herausgegebenen Festschrift beschreibt der Historiker Hans-Peter Harstick das riesige schriftliche Werk von Karl Marx und geht der Frage nach, welche Wirkung von diesem in Zukunft ausgeht. Im Jahr 2013 befassten wir uns zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung mit dem Thema Bildung und Karl Marx. Zum Begleitprogramm des aktuellen Jubiläums liefert der Ehemaligenverein eigene Beiträge. So lässt sich über die Pflege der Erinnerung das historische Potenzial des FWG für aktuelle Ereignisse von überregionaler Bedeutung erschließen. Rainer Richarts, Mainz. Abitur 1966, LTH-Bankvorstand i. R., Vorsitzender des Ehemaligenvereins des FWG

Rainer Richarts
Rainer Richarts FOTO: privat

Zur 100. Wiederkehr seines Todestages 1983 war ich für zwei Minuten Karl Marx! Mein Freund Georg Stephanus verwandelte sich in seinen Pariser Gesprächspartner Pierre-Joseph Proudhon. Der Dialog beider folgte der Fantasie eines ZDF-Redakteurs, der die Gedenk-Matinee produzierte; seine Aufführung dem Wunsch der Schulleitung, die unser Gymnasium im Fernsehen sehen wollte. Die Sache sollte schnell über die Bühne gehen. Also klebte uns ein Maskenbildner Bärte an. Die Bärte waren lustig. Wir nutzten sie, solange der Kleber hielt, um damit dem einen oder anderen einen Streich zu spielen. Unsere Stimmung während des Drehs aber war es nicht, weil wir uns genötigt sahen, etwas herzusagen, was wir für Stümperei hielten: Der Revolutionär mit dem mächtigen Bart sollte nämlich gegen den dünnbärtigen Bürgerlichen den Kürzeren ziehen. Deshalb sieht man in der Filmszene keine ‚große Schauspielkunst‘, sondern zwei junge, – mit Marx gesprochen – ‚kritische Kritiker‘ bei angedeuteter Arbeitsverweigerung! Und das scheint mir im zeitlichen Abstand dann doch wieder sehr lustig! Professor Hans Jürgen Scheuer,
Berlin
Abitur 1983, Literaturwissenschaftler


Schwarz-Weiß-Foto: Hans Jürgen Scheuer (links) bei der ZDF-Matinee 1983 in der Schulbibliothek des FWG als Karl Marx und sein Mitschüler Georg Stephanus als Pierre-Joseph Proudhon. Rechts daneben: Die beiden stellen das alte Bild nach.
Schwarz-Weiß-Foto: Hans Jürgen Scheuer (links) bei der ZDF-Matinee 1983 in der Schulbibliothek des FWG als Karl Marx und sein Mitschüler Georg Stephanus als Pierre-Joseph Proudhon. Rechts daneben: Die beiden stellen das alte Bild nach. FOTO: privat
Hans Jürgen Scheuer und Georg Stephanus vor der Karl-Marx-Bücherwand in der Buchhandlung Stephanus in Trier.
Hans Jürgen Scheuer und Georg Stephanus vor der Karl-Marx-Bücherwand in der Buchhandlung Stephanus in Trier. FOTO: Arnt Finkenberg

Dass ich die gleiche Schule besuchte wie Karl Marx 150 Jahre zuvor, hat mein Leben entscheidend geprägt. Wahrscheinlich wäre ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, Philosoph zu werden, wenn ich nicht so früh damit begonnen hätte, die Werke meines berühmten ‚Mitschülers‘ zu lesen. Besonders fasziniert hat mich dabei, dass bereits in seinem Abituraufsatz wesentliche Elemente des späteren ‚Marxismus‘ auftauchen. Auch wenn ich kein ‚Marxist‘ geworden bin, so ist meine eigene Philosophie doch erheblich von Marx beeinflusst. Denn letztlich verfolge ich das gleiche Ziel, das Marx 1844 vorgegeben hat, nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Dr. Michael Schmidt-Salomon, Trier. Abitur 1987, Philosop

Michael Schmidt-Salomon
Michael Schmidt-Salomon FOTO: Andreas Schuett, Hamburg / Andreas Schütt

Meine erste Begegnung mit Karl Marx hatte ich als Mittelstufenschüler, als unsere Klasse wegen Platzmangels im Archivraum des FWG untergebracht war. Dort lag in einer verschlossenen Vitrine ein Zeugnis von ihm, was aber nach neuesten Erkenntnissen nur eine Kopie gewesen sein kann. Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin fragte mich einmal ein Südamerikaner, wer von beiden Karl Marx sei, worauf er vor diesem der Länge nach niederfiel. Die FAZ berichtete vor einigen Jahren, Berlin wolle die Statuen entsorgen. Darauf schrieb ich in einem (nicht ganz ernst gemeinten) Leserbrief, dass wir uns in Trier für die linke Hälfte interessieren könnten. Ich habe Achtung vor seinen messerscharfen, heute noch gültigen Analysen, teile nicht alle Schlussfolgerungen, bin aber stolz auf seinen weltweiten Bekanntheitsgrad und damit die Achtung, die mir auf manchen Reisen als seinem Konpennäler zuteilwurde. Dr. rer. nat. Wolfgang Steinborn, Bonn. Abitur 1967, Physiker                           

Wolfgang Steinborn
Wolfgang Steinborn FOTO: privat

Assoziiere ich meine Schulzeit mit Karl Marx, kommen mir spontan zwei Bilder vor Augen. Da ist zum einen die Promotionsaula, in der wir schon als Sextaner singen durften und von der wir später erfuhren, dass dort Karl Marx sein Abiturzeugnis erhalten habe. Zum anderen erinnere ich mich mit einem Schmunzeln an die Installation der Karl-Marx-Plakette, von der man damals munkelte, sie sei nicht ganz unabsichtlich direkt über einem schnell wachsenden Busch angebracht worden … Insgesamt aber wurde Karl Marx in der Schulgemeinschaft eher verschämt denn stolz erwähnt. Ein Blick auf die Homepage des FWG verrät, dass heutzutage eine kritische und wertschätzende Auseinandersetzung mit dem wohl berühmtesten Abiturienten der Schule stattfindet. Corinna Wilfert, Konz. Abitur 1988, Lehrerin am Gymnasium Konz

Corinna Wilfert
Corinna Wilfert FOTO: privat

Das FWG hat zwei Kapitalismus-Bändiger hervorgebracht: einen revolutionären (Karl Marx) und einen reformerischen (Oswald von Nell-Breuning). Meine Sympathie galt immer dem reformerischen. Besonders aufregend aber war es, der geheimen Zwiesprache zwischen den beiden zu lauschen. Das habe ich öfters getan und fand es prima, dass sie Ko-Abiturienten von mir waren. Fiktiv habe ich sie gefragt, ob sie mich als Dritten im Bunde aufnehmen, und ich glaube, sie haben beide ‚ja‘ gewispert. Professor Hans Günter Hockerts, München. Abitur 1963, Historiker

Hans Günter Hockerts
Hans Günter Hockerts FOTO: privat

Eine größere Bedeutung hatte es für mich zu keiner Zeit, dasselbe Gymnasium wie Marx besucht zu haben. Zwar zeigt sich der berühmte Denker in seinen frühen Jahren noch von humanistischem Gedankengut geprägt. Aber seine spätere Lehre war dann doch für Konpennäler kaum nachzuvollziehen. Religionslehrer Pater Eugen wies nicht auf den Philosophen hin, obwohl er dessen Ideen doch wohl recht zugetan war! Erwähnt wurde nur mal der Marx’sche Abi-Aufsatz. Dass seit 1983 eine Inschrift an der Schulfassade des Philosophen gedenkt, war zu meiner Zeit dort kaum zu erwarten. Eine Schau 2018 zu Ehren des größten Sohnes seiner Geburtsstadt – das war in den 70ern reine Utopie! Jörg Lehn, Trier. Abitur 1976, Redakteur, Historiker

Jörg Lehn
Jörg Lehn FOTO: privat

… dass ich an der Schule war, die schon von Karl Marx besucht wurde, hatte für mich wirklich keine Bedeutung. Eine praktische Anwendung ergab sich eher daraus, dass er – wie ich – geborener Trierer war und sein Elternhaus zum Karl-Marx-Haus wurde. Wegen der Bedeutung seines philosophischen Werkes und der sozialen und ökonomischen Analysen konnte kein von mir geführter Sozialkunde-Kurs einem Besuch dort entgehen. Ansgar Marx, Wintersdorf. Abitur 1962, Lehrer am FWG 1971-2007

Mit Karl Marx an der gleichen Schule gewesen zu sein hat für mich Bedeutung, weil er als Vordenker und Philosoph doch maßgeblich die gesellschaftspolitische und sozialökonomische Diskussion in der Welt geprägt hat, auch wenn man vielen Gedanken kritisch gegenüberstehen kann. Professor Niko Mohr, Düsseldorf. Abitur 1983, Wirtschaftswissenschaftler

Niko Mohr
Niko Mohr FOTO: privat

Es war eine sehr spannende Zeit 1989-91. Als Schüler der Oberstufe konnten wir uns im Leistungskurs Sozialkunde unter Leitung des herausragenden Alfred Scherer quasi ‚live‘ mit dem Zerfall des Sozialismus und der deutschen Wiedervereinigung auseinandersetzen. Dass Karl Marx als Mitbegründer des Kommunismus selbst ein Schüler des FWG war, motivierte uns besonders, seine wichtigsten Schriften für uns zu erschließen. In meiner Facharbeit „Oswald von Nell-Breunings Auseinandersetzung mit Karl Marx“ durfte ich mich gleich mit zwei berühmten Schülern des FWG beschäftigen. Im Rahmen dieser Arbeit hatte ich das große Glück, den 100-jährigen Nell-Breuning persönlich zu sprechen. Karl Marx und Oswald von Nell-Breuning. Zwei von uns? Nicht wirklich, aber Geschichte zum Anfassen. Olaf Moseler, Schweinfurt. Abitur 1991, Ingenieur

Olaf Moseler
Olaf Moseler FOTO: privat

Aus derselben Stadt zu kommen wie Karl Marx und dann sogar noch von derselben Schule – das ist sehr praktisch im Ausland, z.B. in China, wenn man erklären will, wo man Kindheit und Jugend verbracht hat. Ne, Spaß beiseite, es ist nicht so wichtig. Wobei man schon sagen muss, dass Marx ja Europäer gewesen ist, und die eigentliche Hauptstadt von Europa ist Trier. Simon Rummel, Köln Abitur 1998, Komponist

Simon Rummel
Simon Rummel FOTO: Rie Watanabe

Karl Marx ist für mich nicht nur der bekannteste Schüler des FWG, er war auch Student der Uni Bonn, an der ich studiert habe. Da ist es überraschend, dass ich an beiden Orten nur wenig über ihn gelernt habe. Ich erinnere mich nur an ein einziges Mal, dass im Unterricht über marxistische Philosophie gesprochen wurde. Damals habe ich ein Referat über Marx’ Religionskritik gehalten. Das geringe Interesse an ihm mag damit zusammenhängen, dass meine Ausbildung in eine Zeit fällt, in der der Marxismus als vollends überholt galt. Es sollte bis zur Krise 2008 dauern, dass die Gefahren von mangelnder internationaler Regulierung, ökonomischer Prekarität und Ungleichheit wieder ins öffentliche Bewusstsein gerieten. Was ich heute über Karl Marx weiß, habe ich nicht in der Schule erfahren. Stattdessen lernte ich Marx bei den Jusos und in meinen ersten zwei Studienjahren an der Uni Marburg kennen, wo die Auseinandersetzung mit linken Theoretikern als grundlegend galt. Wenn ich heute im Kreis von Globalisierungskritikern erwähne, dass ich auf derselben Schule wie Karl Marx war, ernte ich großes Erstaunen. Wenn ich dann gefragt werde, wie Trier und meine Schule denn mit diesem Erbe umgehen, freue ich mich, in diesem Jahr sagen zu können: angemessen! Anna Striethorst, Brüssel. Abitur 2000, Europäische Programmleiterin des internationalen Förderernetzwerks Ariadne

Anna Striethorst
Anna Striethorst FOTO: Zsofia Palyi for the Open Society Foundations

Natürlich freut es einen Marxisten, wenn er der Feststellung seines Gesprächspartners, er komme ja aus derselben Stadt wie Karl Marx, hinzufügen kann, auch dieselbe Schule besucht zu haben. Wobei das offizielle FWG die Kenntnis der Marx’schen Denkweise höchstens im Zug einer Art Feinderkundung förderte. Der Unterricht sollte vor dem Philosophen der Praxis warnen – und machte ihn so oft erst interessant. Doch das schien Ende der 80er Jahre niemanden zu stören, da die in Westdeutschland in der Systemauseinandersetzung mit dem Staatssozialismus entstandene ‚soziale Marktwirtschaft‘ den ökonomischen Marx und seine Revolutionstheorie scheinbar widerlegt hatte. Nach dem Ende der DDR und der Auflösung der Sowjetunion wurde dann die im Karl-Marx-Haus erprobte Linie verfolgt: Marx wurde als Philosoph des 19. Jh. abgetan, dessen Werk allenfalls als interessante und ungefährliche Theorie behandelt werden konnte. Doch diese Linie lässt sich angesichts des rezenten globalen ‚Turbokapitalismus‘ wohl kaum aufrechterhalten … Oliver Wagner, Trier. Abitur 1993, Redakteur

Oliver Wagner
Oliver Wagner FOTO: www.apfelfoto.de