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Aus für den letzten Haltepunkt der Verzweifelten

Trier. Von der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige (Lufa) aus treten Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die Heimreise an. Das Konzept ist sehr umstritten. Nun wollen SPD und Grüne die Einrichtung schließen. Sarah-Lena Gombert

Trier. Es ist still auf dem Flur der Landesanstalt für Ausreisepflichtige (Lufa) in Trier. Nur aus einem geschlossenen Zimmer dringt fröhliche Popmusik aus dem Radio. Für die Bewohner der Lufa ist das Gebäude der ehemaligen französischen Kaserne "Casablanca" ihr letzter Aufenthaltsort in Deutschland, bevor sie in ihr Heimatland abgeschoben werden. Die Identität der Menschen, die hier untergebracht sind, konnte noch nicht geklärt werden. Nach Aussage des Innenministeriums helfen die meisten Bewohner auch nicht dabei, ihre Identität zu klären.
Von ihnen ist jedoch niemand vor Ort, als die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) an einem Vormittag Journalisten ermöglicht, sich ein Bild von der Einrichtung zu machen. Die Presse darf hier drinnen nicht mit ihnen sprechen. Die Einrichtung war in den letzten Monaten auch außerhalb der Stadtgrenzen Triers immer wieder in die Kritik geraten. So hat nicht nur der Stadtrat in Trier eine Resolution verabschiedet und die Mainzer Landesregierung darum gebeten, die Einrichtung zu schließen. Bereits im vergangenen Jahr hatte ein Video auf dem Internetportal Youtube, das die Behausung von innen zeigt, über die Stadtgrenzen hinaus für Furore gesorgt (der TV berichtete mehrfach). Kritiker bemängelten die hygienischen Zustände und die Unterbringung, weil sie menschenunwürdig sei. Nun, wo SPD und Landes-Grüne tief in den Koalitionsverhandlungen stecken, wird der Wunsch der Trierer Kommunalpolitiker und der Aktivisten bald erhört. Die Ausreisepflichtigen sollen wieder auf die Kommunen aufgeteilt werden.
Marco Rohler, einer von zwei Angestellten, die sich in der Lufa um die Identifizierung der Bewohner bemühen, öffnet beim Rundgang eine der Zimmertüren im ersten Stock der Dasbacher Straße 21: "Wir haben insgesamt 11 Zimmer und Platz für bis zu 78 Personen. Doch wir nehmen höchstens 45 auf, sonst wird es hier einfach zu eng." Er achte auch darauf, die Bewohner gezielt in kleinen Gruppen wohnen zu lassen, um eventuelle Konflikte zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu vermeiden.
Das zurzeit unbewohnte Mehrbett-Zimmer wirkt ein bisschen wie in einer Jugendherberge: schmucklos, zweckmäßig. Vier Hochbetten stehen darin. Auf einen der Spinte hat jemand mehrere Smiley-Sticker aufgeklebt. Die bunten Bildchen wirken wie ein verzweifelter Versuch, etwas Fröhlichkeit in den Raum zu bringen. Sie sind mittlerweile längst verblasst.
"Die Menschen, die in der Lufa unterkommen, haben in Deutschland keine Perspektive", sagt Andrea Hauck vom ADD-Fachreferat Soziales. Der Rechtsweg sei ausgeschöpft, ihr Antrag auf Asyl abgelehnt. "Für sie gibt es keinen anderen Weg als den in die Heimat." Doch das setzt voraus, dass die Identität der Menschen geklärt ist.
Menschen aus China und Nigeria


Seit er in der Lufa arbeitet, hat Rohler viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern betreut: "Die kommen aus Pakistan, China oder beispielsweise Nigeria", erklärt Rohler. Bei ausnahmslos allen davon habe sich während des Aufenthalts mindestens eine Angabe zur Identifizierung geändert, betont Rohler. "Viele stellen sich mit einem falschen Namen vor oder lügen im Bezug auf ihr Herkunftsland." Kurz: Weil die Lufa-Bewohner nicht ausreisen möchten, verschleiern sie laut Rohler ihre Identität, um die Abreise so lange wie möglich hinauszuzögern.
Rohler ist vom System, das es so in Rheinland-Pfalz schon bald nicht mehr geben wird, überzeugt. Er selbst könne sich voll auf die Arbeit mit den Ausreisepflichtigen konzentrieren und gibt ein Beispiel für sein Fachwissen, indem er erklärt, wie chinesische Identifikationsnummern zustande kommen. Er könne sich mit den Lufa-Bewohnern verständigen, auch wenn seine Fremdsprachenkenntnisse zum Teil nur marginal seien. Wenn er mit seinem Latein am Ende ist, helfen Profis weiter. "Hierher kommen Dolmetscher, die den Menschen in ihrer Muttersprache helfen können. Welche Kommune kann das leisten?"

Stimmen zur Lufa-Schließung

Thorsten Kretzer, Kreisvorstandssprecher der Grünen: "Wäre bei den Koalitionsverhandlungen die Schließung nicht herausgekommen, wäre das eine sehr große Enttäuschung für uns gewesen. Jetzt muss die Integration der Menschen organisiert werden."

Sven Teuber, SPD-Fraktionschef im Stadtrat: "Wir haben die Schließung der Lufa im Wahlkampf gefordert und freuen uns daher, dass sich die Koalition so schnell einig geworden ist."

Christiane Probst, FWG-Fraktionschefin: "Ich bin angenehm überrascht, dass die Auflösung der Lufa so zügig in Angriff genommen wird. Es kommt jetzt darauf an, was genau an die Stelle der bisherigen Einrichtung tritt."

Jürgen Plunien, stellvertretender CDU-Fraktionschef: "Die Schließung ist im Grunde zu begrüßen. Das allein ist allerdings noch keine Lösung. Deshalb bin ich gespannt auf die konkrete Alternative."

Karl-Josef Gilles, FDP-Fraktionschef: "Bei der Petition im Stadtrat hat sich unsere Fraktion enthalten. Für mich persönlich ist die Auflösung der Lufa der richtige Weg. Allerdings muss man abwarten, welche Alternative im Detail zum Tragen kommt." cus/woc Die Landesunterkunft für Ausreisepflichtige (Lufa) wurde am 1. April 1999 geöffnet, seit 2003 ist sie auf dem ehemaligen Gelände der Kaserne "Casablanca" in Trier. Seit ihrer Einrichtung wurden rund 260 Identitäten geklärt und insgesamt 279 Personen aufgenommen. Die meisten kamen aus China, Sudan, Algerien, Indien und Sierra Leone. In der Lufa arbeiten zwei Personen mit Vollzeitstellen. Sicherheitspersonal ist rund um die Uhr anwesend. Das Essen wird unter Beachtung von religiösen Speisevorschriften (zum Beispiel für Moslems) geliefert.Darüber hinaus steht den Bewohnern eine Kochküche zur Verfügung. slg