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Aus Zivischule wird Bildungszentrum

Trier-West/Pallien. Die Wehrpflicht und mit ihr der Zivildienst sind Vergangenheit. Die Villa Reverchon, seit 31 Jahren Zivildienstschule, hat dennoch Zukunft als Bildungsstätte. Sie ist nun Bildungszentrum für den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Roland Morgen

Die Villa Reverchon gehört zu den meistbestaunten Bauwerken über der Trie rer Weststadt. Auf einem Felsenplateau gelegen, bietet sie einen imposanten Anblick. Noch größer wird das Erstaunen des ahnungslosen Betrachters, wenn er erfährt, dass der Prachtbau weder als privater Wohnpalast noch als Sitz eines Renommier-Unternehmens dient. Nein, das 100 Jahre alte Baudenkmal beherbergt eine Zivildienstschule. Und insofern ein Auslaufmodell, weil mit der Aussetzung der Wehrpflicht ab dem 1. Juli auch der Zivildienst wegfällt.
Schule stellt sich Wettbewerb


Dennoch wird sich an der Funktion der Villa Reverchon nicht allzu viel ändern. "Sie wird zu einem Bildungszentrum des neuen Bundesfreiwilligendienstes", erklärt Antje Mäder (47), Pressesprecherin des zuständigen Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln, das bis vor wenigen Tagen noch Bundesamt für den Zivildienst (BAZ) hieß. Trotz aller Umstrukturierungswirren ist klar, dass auch die anderen 16 Zivi-Schulen als Bildungszentren erhalten bleiben - zumindest vorläufig.

Keine Einrichtung steht zur Disposition

"Keine der Einrichtungen steht zur Disposition. Wir müssen nun erst einmal sehen, wie viele Menschen sich für den Freiwilligendienst gewinnen lassen", kündigt Mäder an.
Neu ist allerdings, dass sich die ehemaligen Zivi-Schulen mehr denn je dem Wettbewerb stellen müssen und in Konkurrenzsituation geraten können, weil die erhofften jährlich bis zu 35 000 Freiwilligendienstler größere Seminar-Auswahlmöglichkeiten haben werden als bisher die Zivis (jährlich etwa 80 000).

Klaus F. Schmitt (58), Leiter des Bildungszentrums in der Villa Reverchon, zeigt sich zuversichtlich: "Wir gehen konstruktiv und selbstbewusst an unsere neue Aufgabe heran. Wir arbeiten immer an neuen Konzepten und sind gut aufgestellt. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir eine vernünftige Auslastung hinbekommen werden."

70 Teilnehmer wöchentlich

Er rechnet mit einer zukünftigen Belegung von 70 Teilnehmern wöchentlich; derzeit können in der Villa Reverchon in Ein- bis Fünfbett-Zimmern 82 Zivis untergebracht werden. Grund der Reduzierung: Der Zivildienst war reine Männersache, der BFD steht auch Frauen offen. Das wirkt sich auf die Zimmervergabe aus und macht kleinere Umbauten nötig.

Anfänglicher Leerlauf als Folge der Umstrukturierung droht nicht. Im Gegenteil. In der zweiten Jahreshälfte wird das Dozententeam des Bildungszentrums zweigleisig arbeiten und neben ersten BFDlern seine letzten Zivis schulen. Wie gehabt wird für die Unterbringung und Verpflegung der Gäste ein 15-köpfiges Team des Arbeiterwohlfahrt-Bezirksverbands Rheinland sorgen, der Vertragspartner des Bundesamts ist.

Am Tag des offenen Denkmals (Sonntag, 11. September) ist die Villa Reverchon von 13 bis 16 Uhr für Besucher geöffnet. Um 14 und 15 Uhr stehen Führungen mit dem Kunsthistoriker Jens Fachbach auf dem Programm.

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) löst ab 1. Juli den Zivildienst ab. Geplant wird mit 35 000 Stellen in Einrichtungen, die bislang Zivis beschäftigten (Pflege, Betreuung, Umwelt-/Naturschutz), aber auch in Kultur, Sport und Integrationsarbeit. Der BFD steht Männern und Frauen jeden Alters offen und soll zwischen sechs und 24 Monaten dauern. Wie der Zivildienst wird er begleitet von Seminaren in staatlichen Bildungszentren wie der Villa Reverchon. Infos: www.bundesfreiwilligendienst.de rm.

Die Villa Reverchon (Römerstraße 100) zählt zu Triers bedeutendsten Villen. Sie wurde von 1909 bis 1912 als Wohnhaus für den Bankier Adrian Reverchon (1863-1923) erbaut. Architekt war Rudolf Tillessen (Mannheim). Von 1941 bis 1945 war die Villa Standort des Militärsondergerichts; nach dem Krieg diente sie mehr als 20 Jahre lang als Eisenbahnerkurheim "Moselland" und Erholungsheim der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die Schul-Ära begann 1980. Nun löst das Bildungszentrum für den BFD die Zivildienstschule ab. Die Villa Reverchon und ihr Park gehören einer privaten Trierer Grundstücksgesellschaft, die sie langfristig an den Awo-Bezirksverband Rheinland als Träger von Zivi-Schule und Bildungszentrum Trier vermietet hat. rm.Meinung

Gut für Trier
Es war ein denkwürdiger Tag: Am 9. Mai 1980 fanden sich mehr als 100 Würdenträger aus Politik und Gesellschaft in der Villa Reverchon zusammen, um der Eröffnung der Zivildienstschule beizuwohnen. Längst nicht allen Gästen gefiel diese Vorstellung: Warum sollte eines der stolzesten Häuser Triers ausgerechnet "Drückeberger" und "Kriegsdienstverweigerer" beherbergen. Allerdings hatte die Villa zu jenem Zeitpunkt schon lange leer gestanden, ehe die Trierer Awo als Vertragspartner des Bundesamts für den Zivildienst sie aus dem Dornröschenschlaf küsste. Die Kontroverse schlief bald ein. Auch, weil Triers Zivi-Schule gute Arbeit leistete und sich zum Struktur- und Sympathiefaktor mauserte. In den vergangenen 31 Jahren wurden mehr als 46 000 Seminarteilnehmer aus ganz Deutschland gezählt. Vielen von ihnen brachte die Woche in der Villa Reverchon die erste Berührung mit Trier, und nicht wenige kamen und kommen privat gerne wieder, weil ihnen die Stadt gefällt. Auch deshalb ist es gut, dass das Bildungszentrum auf dem Felsplateau über Pallien erhalten bleibt. r.morgen@volksfreund.de