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Ausverkauf nach über 70 Jahren

Starkes Trio: Senior-Chefin Lore Sommer (Mitte), ihre Töchter Anja Sommer (links) und Nicole Reichert führen das Familiengeschäft. TV-Foto: Cordula Fischer
Starkes Trio: Senior-Chefin Lore Sommer (Mitte), ihre Töchter Anja Sommer (links) und Nicole Reichert führen das Familiengeschäft. TV-Foto: Cordula Fischer
Es gehört seit 1955 zum Straßenbild der Nagelstraße: Das Geschäft Pelz + Mode Bockrand. Doch der Handel mit Pelzbekleidung ist schon älter: 1938 gründete Rudolf Bockrand das Geschäft in Esch/Alzette in Luxemburg. 71 Jahre später steht fest: Die Firmengeschichte findet ein Ende. Von unserer Mitarbeiterin Cordula Fischer

Trier. Warme Mäntel, Jacken und Accessoires hängen in den Verkaufsräumen. In den Stockwerken darüber befindet sich das Atelier. Mode wird hier gemacht. Besondere Mode: Denn die Kreationen, die bei Bockrand über den Ladentisch gehen, bestehen aus Fellen, vom Fuchs über Kaninchen, Nerz bis zum Chinchilla.

"Das Motto meiner Eltern war: nur beste Qualität zu vernünftigen Preisen", sagt Inhaberin Lore Sommer, geborene Bockrand. Ein Motto mit langer Lebensdauer, denn danach arbeiten Lore Sommer und ihre Tochter Anja Sommer auch heute noch. Zehn Jahre nach der Firmengründung verlegte Rudolf Bockrand den Firmensitz nach Trier. 1948 eröffnete er mit seiner Frau das Pelzmodengeschäft in der Karl-Marx-Straße, in einem damals noch durch Bomben teils zerstörten Haus.

Fußgängerzone wird Domizil des Familienunternehmens



Wirtschaftlichen Weitblick bewiesen die Firmengründer: "Wir müssen in die Nagelstraße", habe ihre Mutter Anfang der 50er Jahre entschieden, erinnert sich Lore Sommer. Also zog das Unternehmen in die Fußgängerzone um, und nach dem Tod des Firmengründers 1956 übernahm seine geschäftstüchtige Witwe die Chefrolle. Mehrere Umzüge standen an, von einem Haus ins nächste der Nagelstraße ging es in den folgenden Jahren, bis Lore Sommer 1990 in die Fußstapfen der Mutter trat und 1992 die vorerst letzte Station des Geschäfts in der Nagelstraße 33 bezog.

Seit 1981 ist mit Anja Sommer die dritte Generation im Betrieb. Für sie gab es keine andere Berufsperspektive: Von der Erinnerung an ihre Kindheit, als sie im Keller durch die Kisten mit den Pelzresten sprang, bis heute, wenn sie vom Fell des Chinchilla mit glänzenden Augen und von einer "sinnlichen Erfahrung" über das Berühren des seidenweichen Pelzes spricht.

Mit bald 70 Jahren wolle sie sich aus dem Geschäftsbetrieb zurückziehen, sagt Lore Sommer. Nicht das Ausbleiben der Kunden ist der Grund. Denn solche, die die "individuell auf die Kunden abgestimmte Arbeit" der Familie wertschätzen, gab und gibt es immer, obwohl es vor allem in den 1980er Jahren Zeiten gab, "da war ich im Sommer arbeitslos", sagt Anja Sommer. Aufgeben kam den beiden Frauen trotzdem nie in den Sinn.

Auch Demonstrationen von Pelz-Gegnern entgegneten sie mit Standhaftigkeit. Denn eines ist ganz klar: Zu wärmender Kleidung verarbeitet werden im Hause Bockrand "niemals Großkatzen oder Tiere, die auf der Washingtoner Artenschutzliste stehen. Denn die Vielfalt ist es ja, die uns wichtig ist. Die eigene Grundlage zu zerstören kommt nicht in Frage".

Aber nach Ausscheiden der Senior-Chefin "bespiele ich dann ein fünfstöckiges Haus alleine", sagt Tochter Anja. Der Betrieb, das sei mehr als der Verkauf: dazu gehören die individuelle Kundenberatung, die Arbeitsplanung, die Entwicklung von Werbetexten, der Einkauf, die Präsentation auf Messen sowie der kreative und handwerkliche Part - die Entstehung von Modellen und die Anfertigung der Produkte. Für einen alleine sei das eine kaum zu stemmende Aufgabe, erklärt Anja Sommer, die im elterlichen Betrieb das Kürschnerhandwerk lernte und ein Modedesign-Studium absolvierte.

Urkunden und Medaillen aus Modellwettbewerben des deutschen Kürschnerhandwerks und anderen Leistungsvergleich-Veranstaltungen sprechen eine deutliche Sprache: Seit den 70er Jahren ist das Pelzmodengeschäft Bockrand erfolgreich und ist "eines der Top-Häuser bundesweit", sagen Lore und Anja Sommer mit Stolz. "Um so ein Geschäft wie dieses mit dieser großen Auswahl zu finden, müssen Sie bis nach Köln, Düsseldorf oder München fahren."

Gerade hat Anja Sommer ein Modell für einen internationalen Wettbewerb fertiggestellt, über den eine Jury in Mailand entscheidet. "Man will ja wissen, wo man steht." Wo sie stehen wird, will Anja Sommer entscheiden, wenn der Ausverkauf beendet ist und sich die Tür des Pelzmodegeschäftes Bockrand nach über 70 Jahren zum letzten Mal hinter einem Kunden schließt.