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„Beehren Sie uns nie wieder“?! Trierer Sternekoch in der Gerüchteküche

Sternekoch Wolfgang Becker zeigt den Rote-Karten-Gerüchten die Rote Karte: Bei uns darf jeder vom Teller des Tischnachbarn probieren, sagt er, Hauptsache, es schmeckt.
Sternekoch Wolfgang Becker zeigt den Rote-Karten-Gerüchten die Rote Karte: Bei uns darf jeder vom Teller des Tischnachbarn probieren, sagt er, Hauptsache, es schmeckt. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. „Schon gehört? Beim Beckers XO wird manchen Gästen die Rote Karte gezeigt!“ Anfangs konnte der Trierer Sternekoch Wolfang Becker über diese Gerüchte noch lächeln. Mittlerweile wehrt er sich ganz offensiv, denn sie werden langsam geschäftsschädigend. Michael Schmitz

Die es erzählen, wissen es alle ganz genau. Denn sie kennen jemanden, dem es selbst passiert ist. Ganz sicher, ehrlich! So beginnt meistens das Gerücht, das schon seit einigen Wochen durch Trier wabert. Da war jemand im neuen Beckers XO, dem Restaurant, das der Olewiger Sternekoch Wolfgang Becker im Juni im renovierten Postgebäude am Kornmarkt eröffnet hat. Die Gäste haben während des Abends gegenseitig ihr Essen probiert, vom Teller des jeweils anderen. Das aber mache man ja in der gehobenen Gastronomie nicht, und deshalb sei den Gästen nach dem Bezahlen im übertragenen Sinne die Rote Karte gewiesen worden. "Beehren Sie uns nie wieder!", das habe auf der Rechnung gestanden. Oder, andere Version, sogar auf einer roten Karte, die mit der Rechnung gereicht wurde. Ehrlich, ganz sicher!

Auch dem TV ist das Gerücht in den vergangenen Wochen gleich von mehreren Seiten zugetragen worden. Von durchaus seriösen Trierern. Immer mit dem Hinweis, das habe dieser oder jener ebenfalls seriöse Trierer selbst erlebt. Aber: Alle Nachfragen landen immer wieder im Nichts. Die angeblichen Zeugen haben es auch wieder nur von jemandem - ganz sicher natürlich - gehört. Ein Kronzeuge ist nicht aufzutreiben, eine rote Karte auch nicht. Auch im Internet-Netzwerk-Facebook wird bereits über das Thema diskutiert. Die Suche nach Augenzeugen endet aber auch hier ergebnislos.

Dabei ist gerade das Internet in diesem Fall eine Quelle, die zeigt, wie wenig an dem Gerücht dran ist. Wer den Satz "Beehren Sie uns nie wieder!" durch die Suchmaschine Google laufen lässt, stößt sofort auf das Gerücht. Es ist kein Trier- und kein Becker-Spezifikum, sondern schon über eine ganzen Reihe von Sterneköchen erzählt worden. Johann Lafer, Alfons Schuhbeck, Klaus Erfort, Harald Wohlfahrt - kaum ein Spitzenkoch, der nicht irgendwann mit dieser "urban legend" (Großstadtlegende) konfrontiert war (siehe Extra). "Zuerst habe ich gedacht: Welche Ehre!", sagt Wolfgang Becker deshalb. Anfangs habe er drüber gelächelt. Mittlerweile ist ihm das aber vergangen. "Langsam wird es geschäftsschädigend." Jüngst, berichtet Becker, sei eine bereits fest gebuchte Weihnachtsfeier unter Hinweis auf das Gerücht abgesagt worden. Stammkunden hätten besorgt angerufen. Und seine Mitarbeiter hätten auch schon Gäste erlebt, die ganz demonstrativ und auffällig gegenseitig vom Teller der anderen probiert hätten - offenbar, weil sie testen wollten, ob das Gerücht stimmt. "Es entbehrt aber jeder Grundlage", sagt Becker. "Es ist doch lächerlich zu glauben, dass man bei uns nicht vom Teller des anderen probieren darf. Man kann auch den Teller tauschen, das ist uns völlig egal", sagt der Sternekoch. "Wer vom anderen Menü probiert, der kommt ja womöglich umso lieber nochmal wieder."

Damit das Gerücht nicht noch weitere Kreise zieht, geht Becker jetzt in die Offensive - nicht ohne seinen Humor zu verlieren. Für den TV lässt er sich mit roter Karte fotografieren - und er denkt als Gag auch über ein "Rote-Karte-Menü" nach: "Ein Abendessen für zwei Personen mit jeweils zwei Gabeln."

Benimmregeln im Sternerestaurant: Was darf man und was darf man nicht? Was sagen Spitzenköche aus der Region Trier? Das lesen Sie in der Herbstausgabe unseres Magazins Glanzvoll, das ab dem 28.11. am Kiosk zu haben ist.Extra

5000 Euro - so viel Geld hat der Münchner Spitzenkoch Alfons Schuhbeck 2011 nach Medienberichten als Belohnung ausgesetzt für Menschen, die ihm einen Rausschmiss-Brief aus seinem Restaurant vorzeigten. Die Gerüchte über Gästehinauswürfe kursierten zuvor im Internet. "Das ist totaler Schmarrn! So etwas hat es noch nie gegeben", entrüstete sich Schuhbeck in der Münchner Abendzeitung. Johann Lafer ist erst jüngst, Mitte September, auf seiner Facebook-Seite von einem Gast auf das Thema angesprochen worden. "Fiese Gerüchte" seien das, antwortet Lafer. "Es ist unglaublich, wie sich das hält. Habe schon öffentlich 3000 Euro Belohnung ausgesetzt, wenn mir jemand solch einen Schrieb bringen kann. Sie können versichert sein, dass so etwas auf der Stromburg nie passieren kann!"

Wer die Urheber der Gerüchte sind, dazu können auch die Spitzenköche nichts sagen - denkbar, dass Neid und Missgunst in der Branche im Spiel sind, aber das ist Spekulation.

Ganz neu ist das Thema jedenfalls nicht: Das auf Spitzengastronomie spezialisierte Magazin "Sternklasse" berichtet, die "Urban Legend" über die Rote Karte stamme aus den Vereinigten Staaten. Dort gebe es seit den 50er Jahren immer mal wieder Gerüchte über eine "Don't come back card" in Spitzenrestaurants. Erstmals sei das Gerücht damals über das Restaurant Canlis in Seattle aufgetaucht. Trotz einer Belohnung von 1000 Dollar, die Besitzer Peter Canlis und seine Erben für eine solche Card ausgesetzt hätten, sei diese auch in sechs Jahrzehnten nie aufgetaucht. Der Rat der Sterne-Experten: "Sollte Ihnen jemand von einem Restaurant berichten, in dem ihm die Sache mit der "Don't come back card" widerfahren sei, können Sie eines glauben: Dieses Restaurant hat sich die höchste Form der Anerkennung verdient!"

Eine weitere Urban Legend, die in der Region kursierte, sorgte kürzlich für einen Ansturm in den Kfz-Zulassungsstellen .