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Interview
Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe: „Für viele Wohnungen schäme ich mich“

Baukräne in Trier: Sie sind das Symbol für eine wachsende Stadt. Das galt schon bei Oberbürgermeister Helmut Schröer.
Baukräne in Trier: Sie sind das Symbol für eine wachsende Stadt. Das galt schon bei Oberbürgermeister Helmut Schröer. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Ein Credo von Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe lautet: „Wir müssen Menschen aller Bevölkerungsschichten ermöglichen, in Trier zu wohnen.“ Der Trierische Volksfreund hat ihn gefragt, wie das ermöglicht werden soll. Ist die Stadt Trier mit ihren Planungen und Konzepten auf dem richtigen Weg? Wie entwickeln sich die Einwohnerzahlen? Was tut die Stadt konkret für Bauherren und Mieter? Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Herr Leibe, Ihr Vor-Vorgänger Helmut Schröer hat stets betont, dass er gerne viele Kräne in der Stadt sehe, denn die seien sichtbares Zeichen für eine gute Entwicklung. Auch heute gibt es viele Großbaustellen in Trier. Dennoch ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Warum ist das so?

WOLFRAM LEIBE Mir ist eine Stadt Trier, in die Menschen ziehen wollen, lieber als andere Städte, die ein Drittel ihrer Einwohner verloren haben. Die Infrastruktur für Trier ist auf 90 000 bis 100 000 Menschen ausgelegt und vorhanden, deshalb ist es ökonomisch sinnvoll, sich hier weiterzuentwickeln. Demographischer Wandel heißt auch, es ziehen nach Trier Menschen, die in Luxemburg arbeiten, aber hier wohnen wollen. Der zweite Aspekt sind Menschen aus der Region der Generation 60 Plus, die in die Stadt ziehen. Und natürlich haben wir auch 2600 Menschen mit Fluchthintergrund aufgenommen. Die Hälfte davon kommt aus den Landkreisen. Das sind die Gründe, warum Trier wächst.

Die Landflucht ist aber doch keine neue Sache. Hätten Stadtverwaltung und Stadtrat nicht früher aktiv werden müssen, um eine Entwicklung zu verhindern, bei der Wohnungen immer teurer und knapper werden?

LEIBE In Deutschland herrschte viele Jahrzehnte lang mit Blick auf die demographische Entwicklung die Meinung, dass nicht mehr in den sozialen Wohnungsbau investiert werden sollte. Argument: Deutschlands Bevölkerung schrumpft, also wird es ein Überangebot an Wohnungen geben. Das war eine Fehleinschätzung. Luxemburg hatte zwar Wachstumsprognosen erstellt.
Aber denken Sie zurück an die Jahre 2008/2009, als angesichts der Bankenkrise der Arbeitsmarkt in Luxemburg zusammengebrochen ist. Solche Dinge beeinflussen die Menschen dabei, langfristige Entscheidungen zu treffen.
Hinzu kommt, dass damals viele Menschen, die eine Familie gegründet haben, in die Peripherie der Stadt gezogen sind. Zudem haben wir in der Zeit von Oberbürgermeister Helmut Schröer unterschätzt, wie viele wieder zurückkommen werden, wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Zudem haben wir in der Zeit von OB Helmut Schröer eher wehleidig daran gedacht, dass wir unter die 100 000er-Marke zurückfallen. In dieser Zeit war man  in Trier und bundesweit beim Blick in die Zukunft zu vorsichtig. Durch die starke Reglementierung und den großen Rechtsschutz sind wir heute nicht mehr in der Lage, kurzfristig neuen Wohnraum zu schaffen.

Damit sprechen Sie auch die Diskussionen um den Flächennutzungsplan und Brubacher Hof an.

LEIBE Ja, Natur- und Umweltschutz ist deutlich wichtiger geworden – Gott sei Dank. Aber in der Abwägung Wohnraum, Natur, Umweltschutz war es nicht einfach, Entscheidungen zu treffen, sonst hätte der Vorlauf zu dem heute diskutierten Flächennutzungsplan keine 25 Jahre gedauert. Das Problem der Reglementierung  existiert aber auch für private Bauherren. Fragen Sie doch mal bei Gericht nach, wie sich die Zahl der Nachbarschaftsklagen entwickelt hat.

Noch einmal: Was kann die Stadt tun, um den Entwicklungen entgegenzuwirken?

LEIBE Wir sind dran, und zwar in verschiedenen Bereichen. So werden wir die etwa 700 städtischen Sozialwohnungen sanieren.  Seit 30 Jahren war da nichts passiert. Für den Zustand vieler dieser Wohnungen schäme ich mich als Oberbürgermeister. Bei der Gründung der geplanten Wohnungsbaugesellschaft sind wir zwar vier Wochen im Verzug. Im kommenden Jahr wird das aber rückwirkend zum 1. Januar passieren. Deren oberstes Ziel wird die Sanierung, aber auch der Abriss und Neubau unserer Sozialwohnungen sein. Das Investitionsvolumen wird auf 70 Millionen Euro geschätzt. Dabei helfen uns die sehr günstigen Förderrichtlinien des Landes. Klar ist: Die Menschen müssen gut wohnen können.

Sind die günstigen Förderrichtlinien nicht auch für private Investoren interessant?

LEIBE Doch, natürlich. Nicht alles kann staatlich geregelt werden. Wir streben ein Projekt mit der Gesellschaft EGP im Burgunderviertel an.  Es gibt viele wohlhabende Menschen, die eine dauerhafte Rendite von zwei bis drei Prozent anstreben. Deshalb bauen private Baugesellschaften nun auch wieder Sozialwohnungen mit Belegungspflicht.

Auf Mariahof und bei Filsch hat die Stadt als Bauträger von Sozialwohnungen agiert. Das soll also eine Ausnahme bleiben?

LEIBE Ja. Mir war wichtig, in einer Notsituation zu agieren. Zudem hat der Zuzug von Flüchtlingen auch die Chance eröffnet, nach 30 Jahren wieder im sozialen Wohnungsbau aktiv zu werden. Es hat sich gezeigt, dass wir als Stadt das hinbekommen. Aber Wohnungsbau ist Spezialmaterie, die letztlich bei den Experten besser aufgehoben ist.

Ein großes neues Baugebiet soll nahe dem Brubacher Hof entstehen. Die abschließende Entscheidung dazu trifft der Stadtrat am 6. November.

LEIBE Wir brauchen neue Wohngebiete, denn es gibt Menschen, oft Familien mit Kindern, die wollen nicht im großen Mehrfamilienhaus leben, sondern im Reihenhaus oder im eigenen Häuschen. Denen wollen wir nicht sagen, dass für sie in Trier kein Platz ist. Es gehört zu unserer sozialen Verantwortung, im Stadtgebiet Angebote zu machen. Wenn man darauf schaut, wie schnell zum Beispiel die Grundstücke auf dem Tarforster Plateau weg waren, ist klar, dass wir auch diesen Bedarf decken müssen. Der alleinige Blick auf Geschosswohnungsbau hilft da nicht weiter. Auf dem Brubacher Hof geht es um 900 Wohneinheiten in allen Segmenten. Aber natürlich sollen auch Restflächen in der Stadt bebaut werden.  Das ist Teil des Flächennutzungsplans.

Gegner neuer Baugebiete verweisen auf die Möglichkeit, Baulücken zu schließen und den Wohnraum in der Stadt zu verdichten.

LEIBE Das sagen viele. Oft sagen die dann aber auch, das soll bitte bei den anderen passieren und nicht vor der eigenen Haustür, wo die Aussicht verbaut würde. Ein spezielles Trierer Problem ist das nicht. Hier gibt es nicht nur die Lösungen Brubach oder Verdichtung. Es muss ein Mix aus allem sein. Im Flächennutzungsplan 2030  ist noch ein neues Wohngebiet Zehntenbüsch bei Ruwer vorgemerkt. Der Langenberg zwischen Euren und Zewen steht dort nicht mehr, weil er bis 2030 nicht zu realisieren sein würde.

Auf dem Trierer Wohnungsmarkt ist der Bedarf bei Drei- und Vierzimmer-Wohnungen besonders groß. Wird die Stadt einen Einfluss haben, die Wohnungsgrößen zu bestimmen?

LEIBE Wir können nicht in die Planung der Wohnungsgrößen eingreifen. Aber wir haben natürlich Einfluss bei der Auswahl der Bauherren. Auch das ist ein Vorteil, wenn wir ein Wohngebiet selbst entwickeln.

Bei neuen Bebauungsplänen mit Geschosswohnungsbau muss seit 2015 ein Anteil von mindestens 25 Prozent aller neuen Mietwohnungen sozial geförderter und barrierefreier Wohnraum sein. Wird diese Quote eingehalten?

LEIBE Das Amt für Soziales kontrolliert das. Da diese Wohnungen über Bund und Land stark gefördert werden, gibt es aber keine Probleme. Seit 2015 sind so 63 neue Sozialwohnungen entstanden. Ein Investor hat sogar zwei Projekte ausschließlich mit Sozialwohnungen realisiert.

Wie viel zusätzlichen Wohnraum Trier braucht, hängt wesentlich von der Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahrzehnten ab. Skeptiker sagen, die Zahl von 112 000 oder gar 115 000 Einwohnern werde niemals erreicht. Warum bleibt die Stadt bei ihrer optimistischen Prognose?

LEIBE Auch hier gibt es zwei Aspekte. So wird der statistische Wohnraum pro Bürger größer. Innerhalb von zehn Jahren ist der von 40 auf 44 Quadratmeter gestiegen. Jeder Kritiker sollte einmal überprüfen, wie er vor 20 Jahren gewohnt hat, und wie viel Fläche er heute braucht. Trier liegt bei der Geburtenrate zwar immer noch unter der Sterberate. Dieses Delta wird gedeckt durch die Zuzüge. Natürlich gibt es bei den Prognosen Unwägbarkeiten. Wir wissen nicht, wie sich die Zuzüge von Flüchtlingen entwickeln. Und auch Luxemburg ist ein unsicherer Faktor. Dort sollen zwar neue Baugebiete entwickelt werden. So richtig kommt das aber auch nicht voran. Zudem ist das wie schon erwähnt die vorhandene Infrastruktur. Es ist für Trier wichtig, langfristig 110 000 Menschen zu halten. Das ist die Diskussion, die auch im Stadtrat geführt wird. Sollen wir signalisieren, Trier ist eine attraktive Stadt? Oder sollen wir den Menschen sagen, sie sollen lieber anderswohin ziehen? Dabei wurden wir jüngst als Aufsteigerstadt 2018 ermittelt.

Noch einmal zurück zum geplanten Baugebiet Brubacher Hof. Bei der mehrheitlichen Entscheidung des Stadtrates dafür sind  der Zeitdruck und die vergleichsweise schnelle Realisierbarkeit die wichtigsten Argumente. Aber sind 2400 neue Bewohner auf der Höhe bei den bekannten Verkehrsproblemen tatsächlich die beste Lösung?

LEIBE Die Entscheidung für Brubach war eine Gesamtabwägung von Argumenten. Vier verschiedene Baudezernenten, egal welcher politischer Färbung, haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten für diesen Standort votiert. Fachlich waren die sich einig. Das Verdienst von Andreas Ludwig ist, dass er das Thema vorangebracht und das Plangebiet deutlich reduziert hat. Unstrittig ist natürlich, dass wir dort in die Natur eingreifen, aber was ist die Alternative? Bei einer extremen Verdichtung der Wohnbebauung in der Stadt würden wir auch in der Summe viele Grünflächen zerstören. Der Flächenverbrauch für Erschließung und Infrastruktur ist auf Brubach deutlich geringer als zum Beispiel am Langenberg. Bei der Abwägung aller Argumente vertraue ich auf die Fachleute.

Wie teuer werden die Grundstückspreise dort sein?

LEIBE Auf dem Petrisberg und auch auf dem Tarforster Plateau bei Filsch liegen die Preise bei 200 bis 280 Euro pro Quadratmeter. Ähnliche Preise sind auch für Brubach angestrebt. Im Speckgürtel von Trier werden deutlich höhere Preise verlangt. Bezahlbare Grundstückspreise sind ein weiterer Grund für die städtebauliche Entwicklungsgesellschaft. Wir wollen als Stadt daran nichts verdienen.

Bedeutet das, dass neben der Erschließung des Baugebiets auch Geld für Lärmschutzmaßnahmen in Heiligkreuz und den Umbau der Verkehrsknotenpunkte bleibt?

LEIBE Dadurch, dass wir das öffentlich-rechtlich machen, kann in der Tat auch die allgemeine Infrastruktur mitfinanziert werden. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, in dem Neubaugebiet einen eigenen Kindergarten oder eine Schule zu bauen, wenn wir die bestehenden Einrichtungen in Mariahof nutzen und ausbauen können. Lärmschutz und Verkehrsprobleme müssen erledigt werden. Aber vielleicht sind die Menschen so misstrauisch, weil solche Dinge in der Vergangenheit versprochen, aber nicht eingehalten wurden.

Sie haben gerade vom „Speckgürtel“ um Trier gesprochen. Müssen Stadt und Kreis angesichts der angespannten Wohnraumsituation in Trier nicht stärker kooperieren?

LEIBE Ich führe regelmäßig Gespräche mit Konz, Schweich, Kenn, auch mit kleineren Gemeinden. Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Label Trier im Umkreis aktiv gebaut und vermarktet wird. In der Tendenz werden dabei höhere Preise erzielt als in Trier. Als Oberzentrum tragen wir aber viele Lasten, die im Umfeld nicht vorhanden sind. Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden ist wichtig. Als selbstbewusste Großstadt muss ich aber auch klar machen, dass ich auch etwas Attraktives zu bieten habe. Wir müssen den Menschen, die nach Trier ziehen wollen, eine Entscheidungsmöglichkeit geben. Ich will keine Konkurrenzsituation. Aber wenn irgendwo am Rande der Stadt eine kleine Gemeinde Baugebiet um Baugebiet ausweist, und alle neuen Bewohner nutzen die Infrastruktur in Trier, dann ist da ein Problem.

Das Gespräch hat Rainer Neubert geführt

Immer ein Blick hinter die Kulissen: Oberbürgermeister Wolfram Leibe ist auch Aufsichtratsmitglied der GBT Wohnungsbau und Treuhand AG. Gemeinsam mit Vorstandschef Stefan Ahrling (links) schaut er sich die abgedeckte Fassade des Hauses in der Dauner Straße an.
Immer ein Blick hinter die Kulissen: Oberbürgermeister Wolfram Leibe ist auch Aufsichtratsmitglied der GBT Wohnungsbau und Treuhand AG. Gemeinsam mit Vorstandschef Stefan Ahrling (links) schaut er sich die abgedeckte Fassade des Hauses in der Dauner Straße an. FOTO: Amt für Presse und Kommunikation