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Blaue Lagune: Radweg vom Tisch, Anwohner verärgert

Thomas Albrecht (Mitte), will Triers neuer Kulturdezernent werden. Unser Bild zeigt ihn als Teilnehmer eine Podiumsdiskussion mit TV-Redakteur Roland Morgen, Rainer Lehnart (SPD-Stadtrat), Dominik Heinrich (Grünen-Stadtrat) und TV-Redakteur Michael Schmitz (von links). TV-Foto: Friedemann Vetter
Thomas Albrecht (Mitte), will Triers neuer Kulturdezernent werden. Unser Bild zeigt ihn als Teilnehmer eine Podiumsdiskussion mit TV-Redakteur Roland Morgen, Rainer Lehnart (SPD-Stadtrat), Dominik Heinrich (Grünen-Stadtrat) und TV-Redakteur Michael Schmitz (von links). TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Beim TV-Forum zur Zukunft der Aral-Tankstelle an der Ostallee haben am Samstagabend rund 100 Bürger vor Ort mit Vertretern der Stadtratsfraktionen, dem Tankstellenpächter und einem Vertreter des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) diskutiert. Die Stadt will den Pachtvertrag der Tankstelle, die seit den 1980er Jahren rund um die Uhr geöffnet ist, Ende 2012 auslaufen lassen. Dagegen hat sich breiter Widerstand im Internet formiert. Maren Meissner, Michael Schmitz

Trier. "Ey, kommt mal rüber!", ruft ein junger Mann seinen Freunden auf der anderen Straßenseite zu. Die ziehen gerade grölend in Richtung Palastgarten, machen nun kurzerhand kehrt. Sie tragen ihren Kasten Bier über die Ostallee, setzen sich auf den Boden und prosten einander zu. Auf dem Parkplatz hinter der Aral-Tankstelle herrscht an diesem Samstagabend deutlich mehr Betrieb als an einem gewöhnlichen Wochenende: Diesmal sind auch diejenigen gekommen, die um diese Zeit sonst nicht zur Kundschaft der Blauen Lagune gehören: Mitglieder der Stadtratsfraktionen, Anwohner, Ex-Mitarbeiter. Rund 100 Menschen sammeln sich nach und nach auf dem Parkplatz, einige nutzen den vom TV veranstalteten Termin als Durchgangsstation ins Nachtleben, andere sind extra gekommen, um die von den Redakteuren Michael Schmitz und Roland Morgen geleitete Diskussion mit Mitgliedern der Stadtratsfraktionen, dem Tankstellenpächter und einem Vertreter des ADFC zu verfolgen.
Schnell wird deutlich, dass der zuvor diskutierte Gedanke, den Alleenring an dieser Stelle durch einen Radweg aufzuwerten, abgehakt zu sein scheint. Keiner der anwesenden Stadtratsmitglieder von CDU, SPD, FDP, FWG und Grünen spricht sich für diese Lösung aus, auch ADFC-Vertreter Fabian Bauer sagt: "Einen Radweg können wir uns hier schwer vorstellen."
Für hitzige Debatten sorgt allerdings ein anderer Aspekt: Mehrere Anwohner klagen über die nächtliche Lärmbelästigung durch betrunkene Jugendliche. Man habe "täglich Radau und Geschrei", die Musik aus geparkten Autos sei teilweise so laut, dass "uns die Scheiben herausfliegen". Einzelne Forderungen nach einem Verkaufsverbot für Alkohol nach 22 Uhr werden laut, ebenso die Überlegung, nachts Mitarbeiter des Ordnungsamts auf Streife zu schicken. "Mir geht es nicht um die Tankstelle, ich will nur endlich Ruhe haben", sagt Anwohner Elmar Theis. Die Diskussion wird zeitweise hoch emotional, Zwischenrufe, Applaus für die eine und die andere Seite.
Vom Penner bis zum Millionär



Der Hauptumsatz in der Nachtschicht werde nicht mit Alkohol gemacht, sagt Lothar Schmitz, seit 1993 Pächter der Tankstelle. "Wir haben hier Kunden vom Penner bis zum Millionär - und die kaufen nicht alle Alkohol." In den vergangenen Tagen hat er 1800 Unterschriften zum Erhalt der Tankstelle gesammelt, auch im Internet gibt es Widerstand gegen das Auslaufen des Pachtvertrags im kommenden Jahr: Mehr als 4300 Menschen sind Mitglied der Facebook-Gruppe "Gegen die Schließung der Aral-Tankstelle Ostallee". Rund 1600 Menschen haben die Einladung in die Gruppe abgelehnt.
Auch am Ort des Geschehens melden sich mehr Tankstellenbefürworter als Gegner zu Wort, nur wenige sind der gleichen Meinung wie Ortsvorsteher und Grünen-Stadtratsmitglied Dominik Heinrich, der die "Aufwertung des Alleenrings als Ganzes" anstrebt. Er sei grundsätzlich gegen die Verlängerung des Pachtvertrages, allerdings "aus städtebaulichen Gründen". Er erntet einige Zwischenrufe aus den Zuschauerreihen.
Peter Spang von der FWG sagt, die Tankstelle sei "sehr wichtig für Trier", Thomas Albrecht, CDU, hält einen Radweg an dieser Stelle ebenso wie sein SPD-Kollege Rainer Lehnart für "nicht sinnvoll", genauer positionieren sich die beiden Stadtratsvertreter in Sachen Zukunft der Tankstelle jedoch nicht. Die SPD hat indes beantragt, das Thema erneut im Dezernatsausschuss IV auf die Tagesordnung zu setzen, da das Für und Wider erneut abgewogen werden müsse. Der Ausschuss tagt am 27. Oktober. Ob es eine Zukunft für die Tankstelle gibt, würde dann - nichtöffentlich - erneut verhandelt. Dass eine Schließung nicht nur Nachtschwärmer und Autofahrer betrifft, betont ein Schüler einer nahe gelegenen Schule: "Die Fünft- und Sechstklässler kaufen da immer ihre Süßigkeiten - die wären doch total traurig, wenn es die Tankstelle nicht mehr gibt!"
volksfreund.de/video
Meinung

Tanke gerettet, Debatte eröffnet
Eine Diskussion am Ort des Geschehens, mit um ihren Job bangenden Mitarbeitern, um "ihre" Tankstelle bangenden Kunden, aber auch vielen von ihrem Rund-um-die-Uhr-Nachbarn genervten Anliegern - sie hat einiges an Erkenntnissen gebracht: Die Tanke wird wohl bleiben: FDP, FWG und Linke haben bereits klargemacht, dass sie die Tankstelle erhalten wollen, und SPD- und CDU-Vertreter machten an diesem Abend zumindest nicht den Eindruck, dass sie es sich mit den zahllosen Blaue-Lagune-Freunden verderben wollen. Alle Fraktionen außer den Grünen müssen sich - falls es so kommt - aber eine gute Erklärung einfallen lassen für diejenigen Bürger, die vor einigen Jahren bei der Bürgerbeteiligung "Grün in der Stadt" ein damals allseits gelobtes Konzept erarbeitet haben - das zumindest an dieser Stelle in der Ostallee nun nicht mehr umgesetzt wird. Goldgrube Lagune: Die Tankstelle scheint eine einzige Goldgrube zu sein, die Pacht an die Stadt dagegen eher niedrig. So niedrig, dass sie vermutlich mit der Vermietung der zum Grundstück gehörenden Parkplätze schon finanziert sein dürfte. Dem Pächter kann man das kaum zum Vorwurf machen - welcher Geschäftsmann würde schon freiwillig mehr bezahlen, wenn er so traumhafte Konditionen bekommt? Da müssen sich schon eher Stadtverwaltung und die Ratsmitglieder, die über den Vertrag entschieden haben, kritisch fragen lassen, warum die Stadt an dieser Stelle offenbar seit Jahren Geld verschenkt. Aral sei bereit, auch bis zum Doppelten der heutigen Pacht zu bezahlen, deutete Pächter Lothar Schmitz an - damit ist ja wohl alles gesagt. Alkohol-Diskussion: Betrunkene und nachts rumpöbelnde zumeist junge Leute sind ein Problem in der Stadt. Das haben nicht nur die Anlieger der Tankstelle bestätigt - das zeigten eindrucksvoll die Scharen mit Alkoholika gut ausgerüsteter Jugendlicher, die im Verlauf des Abends aus Richtung Alleencenter über die Ostallee Richtung Palastgarten und City zogen. Die Schließung der Blauen Lagune aber würde dieses Problem nicht lösen, sondern vermutlich nur an einen anderen Ort in der Stadt verlagern. Wer das Problem lösen will, muss entweder Heerscharen von Sozialarbeitern und Streetworkern einstellen oder ein Verbot des Alkoholkonsums an öffentlichen Plätzen verhängen. Jede Wette: Die Diskussion darüber wird nun wieder aufflammen. m.schmitz@volksfreund.de "Die Schließung der Tankstelle ist ein Rückschritt zur Provinz. Für mich ist das ein Stück Lebensqualität - und ich trinke gar keinen Alkohol." "Die Situation für die Anwohner ist problematisch. Aber wer Alkohol will, der kriegt ihn auch woanders. Die Tankstelle sollte nicht geschlossen werden." "Irgendwo muss man nachts hingehen können. Der Radweg ist Unfug. Ich bin froh, dass wir etwas haben, dass 24 Stunden geöffnet hat."