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Chance auf Jahrhundertwein?

Ende Mai blühen bereits die Reben. Das hat es bislang noch nicht gegeben. TV-Foto: Winfried Simon
Ende Mai blühen bereits die Reben. Das hat es bislang noch nicht gegeben. TV-Foto: Winfried Simon
Eine so frühe Rebblüte haben sogar die älteren Winzer noch nicht erlebt. Selbst in den "Jahrhundertjahren" 1953, 1959, 1976 und 2003 setzte die Blüte später ein. Von unserem Redakteur Winfried Simon

Bernkastel-Kues/Traben-Trarbach. In den Spitzenlagen der Mosel ist die Rebblüte bereits beendet, in den mittleren Lagen "steckt sie mittendrin", und in den geringeren Lagen hat sie begonnen. Dieser außergewöhnlich frühe Termin ist bislang einmalig an der Mosel und in den anderen deutschen Weinbaugebieten. Wolfram Börker, Weinbauberater beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Bernkastel-Kues: "Im Durchschnitt der Jahre blühen die Reben bei uns etwa drei Wochen später." Dr. Bernd Gruber vom Fachbereich Weinbau der Forschungsanstalt Geisenheim sagt: "Das ist die früheste Rebblüte seit mindestens 102 Jahren, denn seitdem nehmen wir exakte Aufzeichnungen vor." Winzer Matthias Seiler (73) aus Osann-Monzel bestätigt: "So etwas habe ich noch nicht erlebt."Was bedeutet das für den Jahrgang 2007? Die Trauben haben länger Zeit zu reifen, die Lese wird daher voraussichtlich ebenfalls viel früher sein als in anderen Jahren. Börker rechnet damit, dass sogar die Lese des spät reifenden Rieslings schon im September beginnen könnte. Die Voraussetzungen für einen Jahrgang mit erneut überdurchschnittlich hohen Mostgewichten sind also da. Fäulnis wird ein Problem

Doch jede Medaille hat zwei Seiten, weiß Börker. Fällt die Lese in eine Zeit, wo es noch sehr warm ist, kann es zu kellerwirtschaftlichen Problemen kommen. Börker: "Die Winzer müssen sich in Zukunft mit Themen wie Traubenkühlung und Mostkühlung befassen." Im vergangenen Jahr war die Fäulnis bereits ein großes Problem. Nach einem heißen und trockenen Sommer fiel im August und im September außergewöhnlich viel Regen. Und das bei relativ hohen Temperaturen. Der Kälteeinbruch der vergangenen Tage sorgt nun allerdings für eine Verzögerung beim Wachstum. Bleibt es kühl und fallen die Temperaturen unter 15 Grad, verläuft die Befruchtung nicht optimal. Die Winzer sprechen vom "Verrieseln". Die Folge wäre weniger Wein im Herbst. Das müsse aber nicht unbedingt ein Nachteil sein, meint Börker. Denn teilweise "verrieselte Blüten" bringen lockerbeerige Trauben hervor. Diese sind dann weniger anfällig für Fäulnis. Wenn auch die Voraussetzungen für einen Super-Jahrgang gegeben sind, für Prognosen ist es noch viel zu früh. Die Landwirtschaftskammer schreibt: "Für Mutmaßungen über Erträge und Qualitäten verweisen wir zum jetzigen Zeitpunkt an professionelle Wahrsager und passionierte Propheten."