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Damit alle dabei sein können

Auf Tour mit dem Regionalführer „Porta libertas“: Der sehbehinderte Karl Kohlhaas und Rollstuhlfahrerin Sabine Fey können dank des Behinderten-Reiseführers ihren Alltag besser planen. TV-Foto: Christiane Wolff
Auf Tour mit dem Regionalführer „Porta libertas“: Der sehbehinderte Karl Kohlhaas und Rollstuhlfahrerin Sabine Fey können dank des Behinderten-Reiseführers ihren Alltag besser planen. TV-Foto: Christiane Wolff
Ein Theater mit Tonspur für Hörgeräte-Träger, eine Kreisverwaltung mit breiter Rampe für Rollstuhlfahrer: Ob behinderte Menschen am Alltag teilhaben können, entscheidet sich an solchen Bedingungen. Mehr als 1000 Einrichtungen in der Region hat der Selbsthilfeverein Club Aktiv daher im Detail auf ihre Barrierefreiheit getestet. Entstanden ist daraus der Reiseführer "Porta libertas". Von unserer Redakteurin Christiane Wolff

Trier. Die Spezialbrille lässt die helle Frühlingssonne verschwinden. Die dunklen Plastikgläser imitieren das Sichtfeld von Menschen, die an der Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa leiden. Mit dunklen Flecken vor beiden Augen macht die Brille, die Gesunden ein Gefühl für diese Behinderung vermittelt, das Sehen - und damit die Orientierung - so gut wie unmöglich. Nur am äußeren Sichtfeld bleibt ein schmaler heller aber unscharfer Rand.Falsche Angaben aus Unwissenheit

Seit seinem 18. Lebensjahr leidet Karl Kohlhaas an Retinitis. Seine Sehzellen erneuern sich nicht mehr. Bei Besorgungen, Ausflügen, Behördengängen ist er auf Blindenhündin Biggy angewiesen. Seit vier Jahren sind der australische Hütehund und der 48-Jährige aus Serrig an der Saar ein Team. "Leider gibt's manchmal immer noch Probleme", sagt Kohlhaas. "Zum Beispiel, wenn die Leute im Supermarkt nicht wissen, dass die Hygienebestimmungen, nach denen Tiere nicht mit in die Märkte gebracht werden dürfen, für Blindenhunde nicht gelten." Auch in Schwimmbädern wurden Kohlhaas und Biggy schon abgewiesen.Einfach ist der Besuch von Ämtern und Freizeiteinrichtungen auch für Franz-Rudolf Hartwich nicht. "Eine Wendeltreppe kann ich gar nicht mehr gehen, da ist die Auftrittsfläche zu klein", sagt der Trierer, der seit einem Schlaganfall gehbehindert ist.Ob Wendeltreppe, schmale Aufzüge oder Behinderten-Parkplätze: Die Informationen, die Hotels, Theater, Verwaltungen und andere Einrichtungen an Selbsthilfe-Gruppen und Behinderten-Organisationen über die Vor-Ort-Bedingungen für behinderte Menschen weitergeben, stimmen häufig mit der Realität nicht überein. "Das machen die nicht aus Absicht", betont Matthias Sparz vom Trierer Selbsthilfeverein Club Aktiv. "Menschen ohne Behinderungen schätzen die Gegebenheiten einfach aus Unwissenheit oft falsch ein." Der Club Aktiv ist deswegen zusammen mit anderen Organisationen ein Mammut-Projekt angegangen: Mehr als 1000 Behörden, Gaststätten, Hotels, Kultureinrichtungen, Ausflugsziele, Bahnhöfe, Schwimmbäder und Kirchen in der Region wurden unter die Lupe genommen. Und zwar von den beeinträchtigten Menschen selbst. Seh- und Hörbehinderte, Rollstuhlfahrer und Menschen mit anderen Behinderungen waren von Hermeskeil im Hochwald bis Prüm in der Eifel, von Kastel-Stadt in der Nähe des Saarlands bis nach Kelberg an der Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen unterwegsZusammen mit Helfern haben sie Steigungen von Wegen und Türbreiten vermessen. Behinderten-Parkplätze wurden gezählt und ebenfalls ausgemessen, Fußbodenbeläge und das Vorhandensein von Behinderten-WCs kartiert. Auch ob Service-Hunde willkommen sind, ob ein für die Kommunikation mit Hörbehinderten hilfreiches Fax zur Verfügung steht und etliche weitere Detail-Infos, die für behinderte Menschen wichtig sein können, wurde aufgenommen.Tausende Details für Regionalführer gesammelt

Mit Hilfe öffentlicher Fördergelder entstand so der Regionalführer "Porta libertas". 218 Objekte enthält das dicke, aber handliche Ringbuch aus hochwertigem Material. Piktogramme mit Zahlen oder Abkürzungen beschreiben, ohne zu bewerten, die Gegebenheiten vor Ort en detail. Auf einen Blick können Hörbehinderte sehen, ob Kultureinrichtungen eine sogenannte Induktionsanlage vorhalten mit speziellen Tonspuren für Hörgeräte-Träger. Knappe Texte auf Deutsch und Französisch ergänzen die Symbole. "Ich kann mich zum Beispiel darüber informieren, dass im Adler- und Wolfspark Kasselburg in Pelm bei Gerolstein keine Blindenhunde erlaubt sind", erklärt Kohlhaas den Nutzen des Regionalführers. Dass der Weg vom Parkplatz zur Burg auf 20 Metern um neun Prozent ansteigt, ist eine wichtige Info für Rollstuhlfahrer. "Eine solche Steigung ist nur schwierig alleine zu bewältigen, ich weiß dann, dass ich einen Helfer mitnehmen sollte", erklärt Sonja Ney.Mit 18 hatte die heute 39-jährige Triererin einen Verkehrsunfall. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Die berufstätige Bilanzbuchhalterin spielt Basketball. Dass sie sportlich ist, hilft ihr dabei, den Rollstuhl auch auf den Schotterwegen im Trierer Palastgarten sicher zu manövrieren. Zur Kreisverwaltung Trier-Saarburg führt eine breite Rampe. "Sieben Prozent Steigung auf 33 Metern", informiert der Porta-libertas-Führer. "Da weiß ich sofort, dass das gut zu bewältigen ist", erklärt Ney. In die Ausstellungsräume des Rheinischen Landesmuseums geht es für Rollstuhlfahrer per Aufzug. Gleich neben dem Hauptportal öffnet sich dessen Tür per Bewegungsmelder automatisch. "Perfekt!", lobt die junge Frau. Sowieso habe sich in den letzten Jahren viel getan. "Die Sensibilität für die Bedürfnisse behinderter Menschen ist größer geworden", bestätigt Karl Kohlhaas. Bis vor wenigen Jahren war das beim Landesmuseum noch anders: Vor dem Komplett-Umbau für die Konstantin-Ausstellung ging's für Rollstuhlfahrer nur durch einen hinteren Lieferanteneingang in die Ausstellungsräume.Der Kultur- und Regionalführer "Porta libertas" ist erhältlich beim Club Aktiv, Trier, Schützenstraße 20, Telefon 0651/97859-0, E-Mail: info@clubaktiv.de. Infos und weitere Objekt-Beschreibungen gibt es unter www.porta-libertas.de. Außerdem ist eine Hör-CD in Vorbereitung.