| 21:17 Uhr

Damit das Studium nicht umsonst ist: Warum Ex-Studenten begehrt sind, und wie man das Risiko des Scheiterns minimieren kann

Brechen Studenten das Studium vor dem Abschluss ab, kann eine Ausbildung eine Alternative sein. Foto: Kai Remmers
Brechen Studenten das Studium vor dem Abschluss ab, kann eine Ausbildung eine Alternative sein. Foto: Kai Remmers
Trier. Sie sind verschollen in der Statistik und zunehmend von Unternehmen begehrt: Studienabbrecher. Wie finden Ex-Studenten den für sie richtigen beruflichen Weg? Es gibt viele Informations- und Beratungsangebote – auch vorbeugend. Von unserer Mitarbeiterin Katja Bernardy

Im dritten Semester hat Lisa (21) die Reißleine gezogen und das Soziologiestudium abgebrochen. "Zu theoretisch, ich habe mir das Studieren ganz anders vorgestellt", sagt die junge Frau. Wohin ihr beruflicher Weg führt, weiß sie noch nicht. Zurzeit jobbt sie im elterlichen Betrieb und wird Europa bereisen. Nach dem Selbstfindungstrip möchte sie, eingebettet in die elterliche Haushaltskasse, "weiterschauen und das Richtige finden". Laut Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsordnung (DZHW) hat 2012 rund ein Viertel der Bachelorstudenten das Studium hingeworfen.

In den vergangenen Jahren finden zunehmend auch Studienabbrecher wie Lisa den Weg in die Beratung von Petra Kollmann von der Handwerkskammer (HWK) Trier. In den Jahren zuvor sei ihr diese Gruppe als Ausbildungsinteresseierte nicht begegnet, sagt die Beraterin. "Einige wurden zwangsexmatrikuliert", sagt Kollmann. Sie mutmaßt, dass häufig verschärfte Studienbedingungen zum Scheitern führten. Aber auch, weil einige Jugendliche meinten, mit dem Abi in der Tasche, unbedingt studieren zu müssen. Damit spricht sie Marcus Kleefisch, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) aus der Seele: Kleefisch spricht von einem "fatalen Akademisierungstrend". "Auch die immer noch nicht zufriedenstellende oder fehlende Berufs- und Studienorientierung, vor allem in den Gymnasien, führe zur Studienwahl, ohne das Anschauen von Alternativen", prangert er an. Obwohl der Betreffende bessere Perspektiven in einer dualen Ausbildung hätte. Im Zuge des Fachkräftemangels hat der Kampf um die Talente auch längst in der Region Trier begonnen. Studienabbrecher werden zunehmend als attraktive Zielgruppe für Ausbildungen entdeckt. "Solange dies für die neuen Lehrlinge nicht nur als Notlösung und Bestätigung des ,Versagens' gesehen wird", betont HWK-Geschäftsführer Günther Behr. Wie viele Studenten ihr Studium sausen lassen, vermag keine Uni und keine Fachhochschule, genau zu sagen. "Es ist ein statistisches Problem", sagt Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier.

Wer sich etwa an der Uni Trier nicht mehr zurückmeldet, kann durchaus an einer anderen Uni weiterstudieren.
"In den vergangenen zwei Jahren gibt es eine kontinuierliche Zunahme an Anfragen von Studienabbrechern", sagt Christiane Luxem, Leiterin des Hochschulteams der Agentur für Arbeit. In dem Gezerre um Talente betont Isabell Juchem, Pressesprecherin der Arbeitsagentur: "Wir beraten neutral und objektiv, wir stellen den jungen Menschen mit seinen Fähigkeiten in den Mittelpunkt." Die Gründe für das Studienaus sind laut Hochschul-Pressesprecherin Jutta Straubinger mannigfaltig: Leistungs- und Motivationsprobleme, finanzielle Probleme, falsche Studienerwartungen, Anfangsschwierigkeiten. Über die Gründe für das vorzeitige Ende des Studiums wird es im kommenden Jahr mehr Erkenntnisse geben.

Denn die Hochschulforscher des DZHW arbeiten an einer bundesweiten Befragung zu dem Thema. Entgegen der landläufigen Meinung, Unis und FHs versteckten sich gerne hinter dem Argument, es sei schwer, Abbrecher statistisch zu erfassen, sagt Uni-Präsident Michael Jäckel deutlich: "Studienabbruch ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen." Gemeinsam mit der Hochschule, den beiden Wirtschaftskammern sowie der Agentur für Arbeit ist zeitnah ein gemeinsames Projekt für Studienabbrecher geplant. Die Erstellung eines entsprechenden Flyers ist laut Luxem bereits in der Endphase.

"Angebote für Studienabbrecher sind wichtig, aber sie stellen im Grunde genommen, nur eine Notlösung dar", sagt Günther Behr. Noch viel wichtiger wäre es, den jungen Menschen solche Um- und Irrwege zu ersparen. Kann man dem Scheitern vorbeugen: "Informieren, informieren, informieren", rät Isabell Juchem jungen Leuten (siehe Extra). Ein günstiger Zeitpunkt sei im ersten Schulhalbjahr in Jahrgangsstufe zwölf. Ein Mitarbeiter des Hochschulteams hat laut Luxem festgestellt, dass alle Studienabbrecher, die zu ihm in die Beratung gekommen waren, vorab weder in das Modulhandbuch geschaut, noch am Campus geschnuppert hatten.

Das Online-Dossier zur Serie volksfreund.de/studium

Extra

Die Agentur für Arbeit, die Trierer Wirtschaftskammern, Uni und Hochschule wollen künftig verstärkt an einem Strang ziehen und Studienabbrecher "auffangen". Darüber hinaus haben sich die vier rheinland-pfälzischen Handwerkskammern und die Kammer des Saarlandes um ein Modellprojekt zur Unterstützung von Studienabbrechern beim Bundesbildungsministerium beworben. Zudem wollen sich die HWKs im Land vernetzen. kat

Weitere Tipps gegen das Scheitern im Studium:

Das DZHW hat auch festgestellt, dass Studenten mehrheitlich in den beiden ersten Semestern das Studium abbrechen.
.
Tipp an die rund 2000 "Erstis" der Trierer Hochschulen und an Schüler: Die Hochschule nutzt das DZHW-Ergebnis und macht bei der Studienwahl- und Einstiegsphase Angebote: .
.
"Frag die Studies"
Studieninteressierte können mit Studierenden in Kontakt treten - oder "Rent-a-Prof-Wissenschaftler im Unterricht"
.
Professoren geben einen altersgerechten Einblick in Themen des Hochschulstudiums. Es gibt Brückenkurse zum Ausgleich fachlicher Defizite in Grundlagenbereichen, Mentoring- und Tutoringprogramme und ein spezielles Studieneingangssystem.

.
"An der Uni Trier können Studierende sich sowohl im Fach, in der Fachstudienberatung, als auch, wenn es um Fragen der Neuorientierung geht, in der Zentralen Studienberatung beraten lassen", sagt Guido Käsgen, Leiter der Uni-Abteilung Studentische Angelegenheiten.
Zudem gebe es bei weiteren tiefergehenden Problemen auch die Möglichkeit, der psychologischen Beratung durch das Studierendenwerk.
"Das Beratungskonzept fußt aber darauf, dass sich ein Student auch meldet, damit ihm Rat gegeben werden kann", betont Käsgen.
.Vor der Entscheidung für einen Studiengang das Modulhandbuch "studieren", den Campus besuchen und auf sich wirken lassen, ein "Schnupperstudium" machen, rät Isabell Juchem von der Arbeitsagentur unter anderem.
.
Der Career-Service an Hochschule und Uni dient als Schnittstelle zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt und unterstützt Studierende beim Übergang in die Berufswelt. Und beide Kammern bieten Beratungen an. kat