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Interview mit Jesse Barnett
„Das ist unsere Welt, wir müssen sie verbessern.“

Sänger Jesse Barnett gründete die Band Stick to your Guns mit 15. Nun ist er 28 und seine Band zählt zu den erfolgreichsten ihres Genres.
Sänger Jesse Barnett gründete die Band Stick to your Guns mit 15. Nun ist er 28 und seine Band zählt zu den erfolgreichsten ihres Genres. FOTO: Travis Delgado
Trier . Stick to your Guns-Sänger Jesse Barnett spricht im TV-Interview über das Exhaus, die Frustration, die ihn antreibt und gibt Tipps für junge Bands. Von Christian Thome

Harte Musik bringt keine Botschaften rüber. Diesem Vorurteil folgen viele, die sich nicht mit dieser Musik beschäftigen. Dass auch Bands, die aggressiv klingende Titel spielen, damit tiefgründige Botschaften vermitteln können, beweist die Hardcore-Band Stick to your Guns aus Kalifornien. Als eine der erfolgreichsten Bands ihres Genres kommen sie am Freitag ins Exhaus nach Trier. Warum eben diese Einrichtung für sie etwas Besonderes ist, wie man über 300 Konzerte im Jahr spielen kann und wie es junge Bands schaffen können, hat Sänger Jesse Barnett im Vorfeld TV-Redaktionsmitglied Christian Thome erklärt.

Hallo Jesse, ihr spielt an die 300 Konzerte im Jahr, nun geht es am Freitag nach Trier ins Exhaus. Gibt es etwas, das du mit Trier verbindest?

Jesse Barnett: Ich weiß ehrlich gesagt nicht viel über die Stadt Trier. Ich kenne das Exhaus und das Schwimmbad daneben. Das Exhaus ist und war schon immer einer meiner Lieblingsorte, an denen wir in Deutschland spielen. Wir lieben es, dort zu spielen, weil es sich so anfühlt, als wären wir alle eine Gemeinschaft. Es kommen eine Menge Menschen zu den Konzerten und die Shows waren immer verrückt. Ich liebe es, dass es drei verschiedene Orte für Konzerte gibt – wir haben sie alle drei gespielt. Alle sagen immer: „wir lieben die Stadt“. Ich bin ehrlich, dass ich nicht viel über sie weiß, aber das Exhaus ist unglaublich.

Das Exhaus ist mehr als nur ein Ort für Konzerte. Dort gibt es zum Beispiel auch einen Kinderhort, Jugendarbeit, Streetwork und ein Fanprojekt. Nun ist die Einrichtung insolvent. Wie wichtig ist der Erhalt solcher Orte?

Jesse Barnett: Für mich ist das Exhaus mehr als ein Ort für die Bands. Es ist vor allem auch ein Ort für die Kinder, an dem sie an der Musikszene teilhaben können. Sie können einer Welt entweichen, die ständig versucht, ihnen etwas zu verkaufen und ihre Kreativität zu zerstören. Orte wie das Exhaus auf der ganzen Welt sind sehr wichtig. Aufwachsen ist schwierig – und je mehr die Welt sich in die Richtung entwickelt, die sie im Moment geht, desto schwieriger wird es. Also noch mal: Solche Einrichtungen sind wichtig für Bands, aber umso wichtiger für Menschen, die in der Musik involviert sein wollen.

Wie schafft ihr es bei einer solchen Masse an Konzerten physisch und psychisch, Tag für Tag solche Leistungen abzurufen?

Jesse Barnett: Es geht um mehr als mich, die Band besteht aus fünf Mitgliedern. Wir sind sehr eng zusammen, ziehen alle an einem Strang. Aber dann hast du auch noch einzelne Individuen, die alle ein persönliches Leben haben in dem ständig Dinge geschehen – auch in der Heimat. Es gibt immer Tage, an denen man sagt: „Ich will heute wirklich nicht spielen.“ Wenn wir dann aber bei der Show sind, versuchen wir in einen Raum zu kommen, in dem wir sagen: „Wir sind hier in etwas involviert und müssen zusammen eine gute Show für die Fans abliefern.“ Meine größte Inspiration ist Frustration – und es ist in der heutigen Welt leicht, ein frustrierter Mensch zu sein.

Du siehst deine Bandkollegen mehr als jeden anderen Menschen. Geht man sich da nicht irgendwann auf die Nerven?

Jesse Barnett: Doch, zu 1000 Prozent. Das passiert immer wieder. Aber wir haben eine sehr enge Verbindung – auch in der Crew. Wir wissen, wann wir den anderen einfach mal in Ruhe lassen müssen. Wir können die Körpersprache der anderen sehr gut lesen. Solange man respektvoll bleibt und nicht versucht, mit seiner eigenen Stimmung die anderen runterzubringen, funktioniert das.

Die Texte eures neuen Albums sind geprägt von Selbstreflektion, während die vorherigen Alben eher politisch und sozialkritisch waren. Warum habt ihr das geändert?

Jesse Barnett: Ich finde, dass Selbst-
reflektion sehr wichtig ist. Wir leben in einer Generation von jungen Menschen, die etwas bewegen möchten. Sie wollen sich in der Politik und der Gesellschaft engagieren. Ich denke, das wollen alle jungen Generationen. Das ist unsere Welt, wir müssen sie verbessern. Die Einstellung ist super. Doch das reicht nicht. Wenn man wirklich etwas erreichen will, dann muss man sich selbst zunächst folgende Fragen stellen: Was ist für mich wichtig? Was bewegt mich? Warum finde ich das wichtig? Anstatt auf einen Wagen von Menschen aufzuspringen, die Dinge schlecht finden. Das machen viele, es ist aber falsch. Man kann seine Frustration und Wut nicht an allem auslassen. Man muss diplomatisch sein in dem, was man tut. Viele Menschen  sind wie eine Schrotflinte. Ihre wenigen Worte richten unkontrolliert einen großen Schaden an. Sie sollten eher wie Scharfschützengewehre sein und den Schaden, den sie anrichten, kontrollieren. Das kann man nur schaffen, wenn man sich zuerst fragt: ‚Wer bin ich und was kann ich tun?‘ Man sollte herausfinden, wer man wirklich ist, anstatt sich zu verstellen, um anderen zu gefallen.

Du bringst viele persönliche Dinge in deine Songs ein. Bei „3 Feet from Peace“ ist eine Sprachnachricht deiner Mutter am Anfang zu hören. Ist es manchmal schwer, die Arbeit und Persönliches zu trennen?

Jesse Barnett: Das ist ein Balance-
akt. Ich will immer noch etwas haben, das privat ist. Die Sprachnachricht meiner Mutter war wichtig, weil ich dadurch gemerkt habe, dass man nicht wegen Dingen ausrasten sollte, die man nicht beeinflussen kann. Manchmal ist das enttäuschend, aber man kann es nicht beeinflussen. Wenn man seine Energie nicht auf die Dinge verschwendet, die man nicht kontrollieren kann, dann kann man sie für die Dinge einsetzen, die man kontrollieren kann. Diese Message wollte ich jungen Menschen mitgeben.

Du hast die Band mit 15 gegründet. Viele junge Musiker haben den Traum, es dorthin zu schaffen, wo ihr seid. Was müssen diese Jugendlichen tun, um ihren Traum zu verwirklichen?

Jesse Barnett: Ich habe immer wieder verschiedene Antworten auf diese Frage. Die Jugendlichen müssen sich eine Frage stellen: „Liegt mir genug daran?“ Ich  hatte sehr lange das Lebensmotto: „Es gibt keinen Plan B.“ Viele Menschen um mich herum hatten einen Plan B, C und D. Das ist klug und mein Motto war sehr riskant, aber hat mir im Leben sehr geholfen. Ich wollte diese Band und war bereit, alles dafür zu geben, was in meiner Kraft liegt. Ich wollte den Weg zum größtmöglichen Erfolg finden.

Diese Jugendlichen haben den Traum, ihr Geld mit der Musik zu verdienen. Hand aufs Herz: Mit all diesen anstrengenden Touren und dem Stress, ist es da immer noch ein Traumjob, oder wärst du manchmal gerne einfach ein „normaler Arbeiter“?

Jesse Barnett: Es ist absolut ein Traumjob. Ich kenne Menschen, die in einem „normalen Job“ arbeiten und unglücklich sind. Genauso kenne ich aber auch Menschen, die in einer Band spielen und unglücklich sind. Das hört sich jetzt klischeehaft an, aber das Leben ist, was man daraus macht. Das kann man auf alle Berufe beziehen, nicht nur auf die Musik. Viele definieren Erfolg über eine Menge Geld und ein großes Haus. Klar, das ist ein Teil davon, aber man ist nicht weniger erfolgreich, wenn man diese Dinge nicht hat. Das ist die kapitalistische Version des Erfolges – und wir leben in einer kapitalistischen Welt. Wir bekommen beigebracht, Erfolg so zu sehen: Arbeite so hart du kannst, verdiene so viel Geld wie möglich, und am Ende deines Lebens bist du glücklich. Die Menschen in einer Band müssen entscheiden, was Erfolg für sie bedeutet. Die Band muss einem mehr bedeuten als alles andere auf der Welt.

Tickets für das Konzert von Stick to your Guns am Freitag, 13. Juli, im Exhaus gibt es für 28,50 Euro im TV-Servicecenter in der Neustraße 91. Das Konzert beginnt um 20 Uhr mit der Vorband Stray from the path. Einlass ist um 19 Uhr.