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Der Aufstand der Enttäuschten - Trierer Sozialorganisationen sind unzufrieden mit "ihrem" Dezernat

Hausaufgabenbetreuung im Hort des Exhauses Trier. Michelle (7) und Sydney (7) werden von Samuel Acloque (von links nach rechts) betreut.
Hausaufgabenbetreuung im Hort des Exhauses Trier. Michelle (7) und Sydney (7) werden von Samuel Acloque (von links nach rechts) betreut. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Die Träger der freien Sozial- und Jugendarbeit in Trier sind sauer auf die Stadt. Ihr Vorwurf: Das zuständige Dezernat arbeite planlos, kommuniziere nicht mit den Betroffenen und lasse die engagierten Haupt- und Ehrenamtler ins Messer laufen. Hintergrund sind die aktuellen Sparvorgaben. Dieter Lintz

Die offene Jugend- und Sozialarbeit in Trier galt einst als bundesweites Modell. Es war Bürgermeister Paul Kreutzer (CDU), der mit vielen neuen Ideen ein ungewöhnliches Bündnis schmiedete zwischen Politik, Verwaltung und Trägern. Auch unter seinem Nachfolger Georg Bernarding blieb die "Sozial-Szene" eine vergleichsweise verschworene Gemeinschaft, deren Auskommen dank politischer Lobbyarbeit zwar nicht üppig, aber doch ziemlich gesichert war.
Urteilt man nach der Stimmungslage bei Jugendzentren, Bürgerhäusern, Treffs, Stadtjugendring, Palais oder Kinderschutzbund, dann liegt das einstige Musterprojekt in Scherben. Dabei geht es auch, aber nicht nur ums Geld. Die Betroffenen vermissen bei der Stadtspitze vor allem planmäßiges Vorgehen und rechtzeitige Absprachen.
Ins Scheinwerferlicht waren die Probleme geraten, als die Stadt letzten Sommer im laufenden Haushalt mit dem Rasenmäher fünf Prozent des Budgets kürzte. Die Sozialträger hatten seit Jahren die Erarbeitung von Entwicklungsplänen verlangt, in denen Prioritäten festgeschrieben werden sollten - die Stadt brachte sie nicht zuwege. So blieben mangels festen Rahmens auch die von beiden Seiten gewünschten "Ziel und Leistungsvereinbarungen" Makulatur.
Der Stadtrat stimmte zu, aber unter der Prämisse, mit den Trägern umfassend über die weitere Entwicklung zu reden. Nun liegt der Doppelhaushalt 2013/14 auf dem Tisch, und die Vertreter der Einrichtungen betonen unisono, niemand habe sie ernsthaft in Grundsatz-Gespräche einbezogen. Auch die Einstellung einer Sozialplanerin zu Jahresbeginn habe sich bislang in keiner Weise bemerkbar gemacht.
Es geht nicht einmal um eine Riesen-Summe. 168.000 Euro sollen gegenüber dem ursprünglichen Ansatz für 2012 eingespart werden - das klingt machbar angesichts des Riesen-Batzens, den der Sozial-Etat im Trierer Haushalt ausmacht. Aber der Eindruck trügt. Die Zuschüsse für freie Träger machen gerade mal ein Prozent der laufenden Kosten im Gesamthaushalt der Stadt aus. Die Summen sind bis zum letzten Euro verplant, oft sind sie die Voraussetzung für die Zuschüsse, die vom Land kommen. Durch den Wegfall des Zivildienstes sind gerade kleine Träger ohnehin angeschlagen.
"Jetzt kommen wir in einen Teufelskreis", sagt Marita Wollscheid vom Jugendzentrum Euren. "Das gibt ein Sterben auf Raten", fügt Stefan Zawar-Schlegel vom Treffpunkt am Weidengraben hinzu - und es klingt nicht nach routiniertem Gejammer. Dabei sei die Arbeit, vor allem mit Kindern, "gefragter denn je", berichtet Hilger Hoffmann vom Exhaus, "auch im Sinn der Stadt".
Da ärgert es die Betroffenen, wenn im Jugendhilfeausschuss riesige Kostenüberschreitungen wie bei der Kita Tarforst ohne große Diskussion durchgewunken werden, während man gleichzeitig um jeden Euro für die offene Jugendarbeit feilscht. "Wir sollen alles machen und noch mehr, aber das für fünf Prozent weniger", empört sich Jörg Drekopf vom Stadtjugendring. Dass Dezernentin Birk nun in Aussicht stellt, die Einsparsumme für 2012 wieder um 64.000 Euro zu reduzieren, vergrößert den Ärger sogar noch: Das Dezernat, so die einhellige Meinung, habe verschlafen, einen entsprechenden Passus auch in den neuen Doppel-Haushalt 2013/14 einzubringen.
Unter dem Titel "Jugend- und Sozialarbeit auf dem Abstellgleis" laden die Träger am 7. November um 19 Uhr zu einer Diskussion mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Fachöffentlichkeit im Jugendzentrum Mergener Hof ein. Alle interessierten Bürger sind eingeladen. Meinung

Politisches Debakel für Rot-GrünVon Dieter Lintz Die Träger der Jugend- und Sozialarbeit in Trier sind keine Dogmatiker. Sie unterhalten keine großen Apparate, sind seit Jahren daran gewöhnt, mit wenig auszukommen. Und sie sind sogar bereit, über Geld und Sparen zu reden, ohne gleich wie ihre Kollegen von der Kultur den Untergang der Zivilisation an die Wand zu malen.Was sie verlangen, ist eine Selbstverständlichkeit: Dass, je weniger da ist, um so präziser geplant werden muss. Dass Politik und Verwaltung, wenn sie denn Mittel zusammenstreichen, auch sagen, welche Leistungen entfallen sollen. Und dass sie mit den Betroffenen reden, vielleicht sogar deren Know-how einbeziehen.Der Stadtvorstand in Trier kann nichts dafür, dass er sparen muss. Aber wie er das tut, dafür kann er durchaus was. Die einst "neue Mehrheit" ist angetreten für mehr Transparenz, mehr Beteiligung, mehr Ehrlichkeit. Es ist ein politisches Debakel für Birk, Jensen und Co., wenn ihnen ausgerechnet ihre Seelenverwandten aus der Sozial-Szene Politik nach Gutsherrenart vorwerfen und sich nach den Zeiten der Bernarding und Schröer zurücksehnen. d.lintz@volksfreund.deVerwaltungssicht

Sozialdezernentin Angelika Birk (Grüne) weist alle Vorwürfe zurück. Es gebe in Trier eine "ausgesprochen gute Infrastruktur" bei sozialen Einrichtungen als Ergebnis "fruchtbarer Zusammenarbeit in der Vergangenheit". Zur Erstellung eines Kinder- und Jugendförderplans habe sie gerade einen Zeitplan vorgelegt. Schwerpunkte: offene Kinder- und Jugendarbeit und Familienbildung. Die Entscheidung für die pauschale Fünf-Prozent-Kürzung entspreche dem Votum der Träger. Es habe etliche Einzelgespräche mit den Trägern gegeben. Erhöhte Leistungen seien ihnen angesichts der Kürzungen nicht abgefordert worden. DiL "Der Stil hat sich geändert, wir werden jetzt behandelt wie das fünfte Rad am Wagen."Stefan Zawar-Schlegel, Treff am Weidengraben "Wenn das Wasser sowieso schon bis zum Hals steht, ist jeder weitere Zentimeter zu viel"Reinhold Spitzley, Palais e.V. "Alles ist viel nebulöser als früher, niemand sagt, was wichtig ist und was gebraucht wird."Jörg Drekopf, Stadtjugendring "Wir wissen auch, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Warum nutzt keiner unsere Kompetenz?Bettina Bulitta-Steimer, MJC