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Der grooooße Sohn Triers

Trier. China schenkt Trier ein unerwartet großes Denkmal aus Bronze zum Karl-Marx-Jubiläum. Spätestens im Frühjahr 2018 soll das 6,30 Meter hohe Standbild auf dem Simeonstiftplatz in der City stehen. Christiane Wolff

Wirklich sichtbar ist Karl Marx im Stadtbild nicht: Sein Geburtshaus in der Brückenstraße, das als Museum genutzt wird, fällt nicht weiter auf. Ab und zu läuft seine Frau Jenny durch die Altstadt - eine Schauspielführung für Touristen. Und das Haus in der Simeonstraße, in dem Marx jahrelang mit seiner Familie wohnte, kennen selbst viele Einheimische nicht.
Mit dem Geschenk der Volksrepublik China an Trier zum Karl-Marx-Jahr 2018 wird die Präsenz des großen Sohns der Stadt mächtig wachsen - im wörtlichen Sinn: Stolze 6,30 Meter hoch wird das Bronzedenkmal sein, das der Künstler Wu Weishan schafft. 1,40 Meter misst alleine der Sockel, auf dem das 4,90 Meter hohe Standbild thronen wird.
Dass das Geschenk aus China so monumental ausfällt, damit hatte die Stadtverwaltung nicht gerechnet. Denn als Standort hatten Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Baudezernent Andreas Ludwig die kleine Dreiecksfläche vorgesehen, an der Brücken- und Jüdemerstraße zusammenlaufen. Das Denkmal sollte auch dazu dienen, den Platz und das Quartier aufzuwerten. "Ich bin sehr froh, dass wir keine vorgefertigte Figur bekommen, sondern der Künstler sich auf uns und unseren Standort einlässt", hatte Leibe erklärt, als Wu im Januar extra nach Trier kam, um den Platz in Augenschein zu nehmen.
Was er dort sah, sagte ihm allerdings offenbar nicht zu. Denn der Platz, der offiziell gar keiner ist, liegt zwar vis a vis von Marx' Geburtshaus. Er hat aber - eingeklemmt zwischen Hotel Kessler und Straßeneinmündung, mit Blick auf die marode, leicht gammelige Jüdemerstraße - ansonsten nicht viel zu bieten. Erst recht nicht ausreichend Platz für eine der riesigen Statuen, für die Wu weltweit bekannt ist (siehe Extra).
Wus Wunsch, nach einem besseren Standort Ausschuss zu halten, kam die Stadt nach - und wurde fündig: "Wir halten den Simeonstiftplatz für geeignet", erklärt Baudezernent Ludwig.
Mit einer Holzkonstruktion hat die Stadtverwaltung vorige Woche getestet, wie sich ein 6,30 Meter hohes Denkmal auf dem Platz vor Brunnenhof und Simeonstift einpassen würde. "Erst denkt man ja, uff, ist das groß, aber wir waren wirklich positiv überrascht, wie gut das funktionieren könnte", sagt Ludwig. Bilder von dem Test mit der meterhohen Holzkonstruktion hat die Stadt dem Landesamt für Denkmalpflege zur Verfügung gestellt - schließlich wird Marx in unmittelbarer Nähe zur Porta Nigra in die Höhe wachsen.
Als Ludwig am Mittwochabend dem städtischen Bauausschuss in dessen Sitzung eröffnete, wie groß die Statue tatsächlich werden wird, entfuhr dem ein oder anderen ein deutliches "Oje". Offen geäußerte Kritik gab es allerdings nicht.
Die größte Statue, die Trier zu bieten hat, wird das Bronzewerk aus China übrigens nicht sein: Die Marienfigur der Mariensäule auf dem Markusberg misst sieben Meter - und steht auf einem 23 Meter hohen Turm. Der Pranger in der Grabenstraße ist dagegen nur etwa 3,80 Meter hoch - aber auch keine Skulptur. Mithalten kann auch nicht die Konstantin-Figur am Barbara-Ufer, die thront zwar auf einer etwa neun Meter hohen Säule, misst selbst allerdings nur rund zwei Meter.
Koblenz, die Stadt, die immer wieder als Vergleichsgröße für Trier herhalten muss, läuft in dieser Kategorie völlig außer Konkurrenz: Das 1992 neu errichtete Kaiser-Wilhelm-Standbild am Deutschen Eck ragt samt Sockel 37 Meter in die Luft.
Meinung

Echte Bereicherung

Christiane Wolff

So ist das nun mal mit echter Kunst: Die gibt es nicht auf Bestellung und schon gar nicht als passend konfektionierte Deko, um einen Schmuddelplatz aufzuhübschen. Der Ansatz, den die Stadt und auch der Verein Karl-Marx-Viertel, der sich um die Aufwertung seines Quartiers redlich bemüht, verfolgt haben, war daher schlicht falsch.
Kunst soll aufwecken, Interesse schüren, Diskussionen anregen. Und das wird das Monument, soviel ist sicher. Der Simeonstiftplatz ist genau der richtige Platz dafür - offen und mitten im Geschehen. An der künstlerischen Qualität und Materialität - wertvolle Bronze - wird es nichts auszusetzen geben. Wu Weishan ist ein weltweit anerkannter Künstler. Gefallen dürfte die Statue trotzdem nicht jedem. Vergessen darf man dabei nicht: Ihre pure Größe ist nicht gleichzusetzen mit einem Maß an Verehrung. Die Größe wirkt auch als Mahnmal dafür, wozu Marx' Theorien im 20. Jahrhundert herangezogen wurden. Die Statue wird eine Bereicherung für Trier sein.
c.wolff@volksfreund.de
Extra

Wu Weishan ist 54 Jahre alt, Leiter der Kunsthochschule der chinesischen Stadt Nanjing und Direktor des Nationalen Kunstmuseums Chinas. In seiner bis dato 20-jährigen Künstlerkarriere hat Wu rund 500 Statuen historischer Persönlichkeiten geschaffen. Seinen Stil bezeichnet er als "freehand sculpting" - Freihand-Bildhauerei -, bei der traditionelle chinesische Elemente in moderne, innovative Kunstformen einfließen, zwischen realistischer Darstellung und abstrakter Kunst. Die Trierer Statue wird wohl als Karl Marx zu erkennen sein, verfremdende Elemente sind allerdings wahrscheinlich.

1,40 Meter Sockelhöhe und 4,90 Meter Standbild: Die Karl-Marx-Statue für den Simeonstiftplatz hat unerwartete Ausmaße. Die Grafik des Künstlers Wu Weishan dient lediglich der Veranschaulichung und ist ? wie an der Abbildung des Menschen rechts zu erkennen ? nicht maßstabsgetreu.
1,40 Meter Sockelhöhe und 4,90 Meter Standbild: Die Karl-Marx-Statue für den Simeonstiftplatz hat unerwartete Ausmaße. Die Grafik des Künstlers Wu Weishan dient lediglich der Veranschaulichung und ist ? wie an der Abbildung des Menschen rechts zu erkennen ? nicht maßstabsgetreu. FOTO: Grafik: Wu Weishan/Stadt Trier