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Der Tag, an dem der Frieden kam - "Es war irgendwie gespenstisch" - Heute vor 70 Jahren: US-Truppen nehmen Trier ein

Trier. Heute vor genau 70 Jahren ging für Trier der Zweite Weltkrieg zu Ende: Am 2. März 1945 haben amerikanische Truppen die zerstörte Stadt eingenommen - der Beginn eine neuen Zeitrechnung, nachdem das "Tausendjährige" Nazireich schon nach zwölf Jahren am Ende war. Roland Morgen

Trier. Der 2. März 1945 ist Captain Robert Wilsons großer Tag. Um 10 Uhr hisst er an jenem denkwürdigen Freitag auf dem Hotel Porta Nigra das Sternenbanner. Die Flagge hat seine Frau daheim in Newark/New Jersey genäht und ihm über den Atlantik geschickt mit der Bitte, sie in der ersten deutschen Stadt zu hissen, die er und seine Kameraden einnehmen würden. Nun flattert sie als weithin sichtbares Symbol für den Anbruch einer neuen Zeitrechnung in Trier. In Deutschlands ältester Stadt ist der Krieg vorbei.
"Die wenigen in der Stadt verbliebenen Zivilisten winkten mit weißen Tüchern. Einige von ihnen jubelten verhalten. Häuser brannten, als die Infanterie in den leeren, mit Schutt übersäten Straßen vorrückte", schreibt die US-Truppenzeitung Stars & Stripes in ihrer in Nancy/Frankreich gedruckten Ausgabe vom 3. März.
Große Gegenwehr habe es nicht gegeben. Captain Gordon G. Heiger aus Syracuse/Indiana habe einen deutschen Heckenschützen erschossen, der zuvor einen GI getötet und einen weiteren verletzt habe, so Stars & Stripes weiter.
Es sind die letzten Zuckungen der Naziherrschaft in der vom "Führer" befohlenen "Festung Trier", die ohne erbitterten Widerstand fällt. Der größte Teil der deutschen Truppen und allen voran Parteifunktionäre haben sich bereits in der Nacht zum 1. März abgesetzt.Drei Angriffskeile



Dass Triers Fall nur noch eine Frage der Zeit ist, zeichnet sich seit Tagen ab: Am 26./27. Februar sind Einheiten der 94. US-Division bei Ayl/Schoden durch den Westwall gebrochen und verwickeln die dort stehenden Wehrmachtseinheiten und die 6. SS-Gebirgs-Division (Waffen-SS) in erbitterte Kämpfe im Raum Zerf/Lampaden. Diese Schlacht an der Ruwer dauert nahezu drei Wochen und ermöglicht zu Beginn auf amerikanischer Seite das Vorrücken einer starken Gruppe mit Panzerunterstützung nach Trier.
Drei Angriffskeile bewegen sich am 1. März aus Süden und Osten auf die strategisch wichtige Moselstadt zu: über Irsch, Petrisberg und Avelertal, über Irsch, Olewig und Kaiserthermen sowie über das Konzer Tälchen.
Gegenwehr leisten die am Stadtrand stationierte Flak-Einheiten. Sie setzen ihre eigentlich für die Luftabwehr konstruierten 8,8-cm-Geschütze im Bodenkampf gegen die heranrückenden Streitkräfte ein. Die Batterie auf der Weismark schießt sechs Panzer des über die Pellinger Straße heranrollenden Verbandes in Brand. Ähnliche Verluste fügt das Abwehrfeuer der Flak bei der Kemmelkaserne am Petrisberg den Einheiten zu, die sich aus Richtung Irsch nähern. Es sind Nadelstiche, die den Vormarsch kurzfristig zum Stocken bringen, aufzuhalten vermögen sie ihn aber keineswegs. Die Amerikaner haben keine Eile. Sie geben ihren Widersachern schwerkalibrig Antwort und wissen nun, dass sie Trier ohne größere Probleme einnehmen können. Moselabwärts gibt es aus der Stadt kein Entrinnen mehr. Hinein geht es auch nicht, wie Josef Hansen, Direktor des bischöflichen Konvikts, erfahren muss. Als er gegen 17 Uhr mit seinem Fahrrad an der Pfalzeler Brücke ankommt, wird er von US-Panzerbesatzungen, die dort die Straße nach Ruwer sperren, zurück nach Eitelsbach geschickt. Die Amerikaner lassen die Nacht verstreichen, ehe sie in den frühen Morgenstunden zielsicher in Trier einrücken. Ein Husarenstück gelingt Oberstleutnant Jack Richardson aus dem texanischen Athens. Im Schutz der Dunkelheit pirscht er sich mit seinem Trupp von Olewig kommend auf sprichwörtlich leisen (Gummi-)Sohlen an vier bei den Kaiserthermen stehende Panzerabwehrgeschütze heran.Im Handstreich besetzt


Die völlig verdutzten Deutschen lassen sich widerstandslos gefangen nehmen. Anschließend besetzen Richardson und seine Leute im Handstreich die Römerbrücke. Dem 1800 Jahre alten Römerdenkmal bleibt auf bis heute nicht vollends geklärte Weise das Schicksal Tausender anderer Brücken, Viadukte und Übergänge erspart, die deutsche Spezialkommandos sprengen, um damit den alliierten Streitkräften die Wege zu versperren. Die Napoleon- und die Kaiser-Wilhelm-Brücke haben vermutlich Angehörige der Volkspionierbrigade 47 in den frühen Abendstunden des 1. März unbrauchbar gemacht. An den Pfeilern der Römerbücke, des letzten intakten Moselübergangs, sind ebenfalls Sprengladungen angebracht. Dass sie nicht wie befohlen detonieren, führt nach dem Krieg zu Legendenbildungen. Manche Quellen berichten von heldenhafter Sabotage, von gekappten Leitungen. Andere wiederum gehen von technischen Mängeln aus: Die Zündkabel seien durch äußere Einflüsse wie die Beschießung der Stadt verrottet gewesen.
Doch die Amerikaner wissen in den ersten Stunden nach der Einnahme Triers noch nicht, dass keine Gefahr mehr droht. Aus Furcht vor einem Angriff beordern sie Hunderte Menschen, die in den Trier-Wester Luftschutzstollen Zuflucht gesucht haben, auf die Brücke. Dort müssen sie stundenlang ausharren.
In den späten Vormittagsstunden kontrollieren die durch das Avelertal eingedrungenen Truppen die gesamte Innenstadt. Derweil tobt auf der anderen Moselseite das Inferno. Gegen 10 Uhr explodiert, von einem US-Panzergeschoss getroffen, vor dem Palliener Bahnhof ein in Richtung Biewer fahrender Wehrmachts-LKW mit Munition. Viele Zivilisten und gefangene deutsche Soldaten müssen auf dem Georg-Schmitt-Platz mit ansehen, wie die Wucht der Detonation den Palliener Bahnhof und die Nachbarhäuser zerstört.
Um 16 Uhr haben die Amerikaner die ganze Stadt durchkämmt und melden sie als "feindfrei". Wenig später trifft am Wehrmachts-Gefechtsstand bei Klausen eine Brieftaubenmeldung ein: "Restbesatzung Trier eingeschlossen. Freikämpfen Römerbrücke unmöglich."Der "Volkssturm" ergibt sich


Stars & Stripes-Korrespondent James Cannon berichtet von "Hunderten von Gefangenen, der größte Teil Volkssturm-Männer über 50 Jahre". Die meisten von ihnen haben sich ergeben. Für sie wie die schätzungsweise noch rund 1000 im evakuierten Trier lebenden Zivilisten geht ein verlorener Krieg zu Ende. Für die Amerikaner ist es eine Etappe. Bereits am Abend des 2. März stehen ihre Kampfverbände in Ehrang an der Kyll, fünf Tage später überqueren US-Truppen in Remagen den Rhein. Als am 8. Mai 1945 das Deutsche Reich endgültig kapituliert, ist Trier bereits über zwei Monate vom Joch des Nationalsozialismus befreit.
Der TV dankt Adolf Welter für Beratung und tatkräftige Unterstützung bei der Erstellung dieses Artikels. Der 80-jährige Heimatforscher und Autor hat aus seinem reichhaltigen Archiv wichtige Unterlagen und Informationen sowie die Fotos zur Verfügung gestellt.
"Ich war einerseits erleichtert, aber trotzdem sehr traurig", berichtete Zeitzeugin Hildegard Rogler in der TV-Ausgabe vom 2. März 1995. "Befreit, weil die nervenzerreißenden Angriffe endlich vorüber waren. Aber echte Freude konnte bei mir nicht aufkommen, weil mein Mann in russischer Gefangenschaft war. Mir taten alle die Soldaten leid, die ihren Kopf für Hitlers Wahnsinn hinhalten mussten." Hildegard Rogler geborene Fischermann erlebte als 25-Jährige den Einzug der Amerikaner. "Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich ging gegen 10 Uhr auf den Hauptmarkt und sah sie kommen. Aus Richtung Porta näherten sie sich einzeln und vorsichtig über die Berge aus Schutt und Trümmern. Es war irgendwie gespenstisch, weil man ihre Stiefeltritte nicht hörte. Die hatten ja Gummisohlen."
Die Soldaten erwiesen sich in den folgenden Tagen aber als ganz und gar nicht gespenstisch: "Ich habe mich gewundert, wie anständig die Amerikaner und später auch die Franzosen waren. Sie taten niemandem etwas zuleide und steckten der Bevölkerung sogar Lebensmittel zu." Für Hildegard Rogler gingen heute vor 70 Jahren sieben schwere Monate zu Ende. Als Serviererin in der Gastwirtschaft/Pferdemetzgerei Könsgen am Stockplatz beschäftigt, blieb sie bis Kriegsende in ihrer Heimatstadt: "Ich habe alle Bombenangriffe mitbekommen. Es war schrecklich."
Mit ihrer älteren Schwester Emilie verbrachte sie die letzten Kriegsmonate im Keller des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, das Trinkwasser bezogen sie aus einem Hydranten in der Deworastraße.
1949 kehrte ihr Mann nach achtjähriger Gefangenschaft aus Sibirien heim - die Erinnerungen an die schlimme Zeit blieben. Hildegard Rogler: "Wenn im Fernsehen ein Kriegsfilm kommt, muss ich ausschalten. Ich kann mir das Leid und das Elend nicht ansehen." rm.Extra

Trier, Anfang 1945: Im September 1944 evakuiert und Weihnachten durch britische und amerikanische Bombenangriffe weitgehend zerstört, war Trier in den ersten Monaten 1945 nur noch von 2000 Menschen bewohnt. Vor dem Krieg waren es 80 000 Einwohner. Als die Amerikaner kamen, dürften sich noch rund 1000 Zivilisten in der Stadt aufgehalten haben. rm.