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Porträt
Der „Trottoir-Seelsorger“

 Priester Werner Mathieu bekommt immer noch Besuch von Menschen, die seinen Rat suchen.
Priester Werner Mathieu bekommt immer noch Besuch von Menschen, die seinen Rat suchen. FOTO: TV / Jan Söfjer
Trier. 30 Jahre lang war Werner Mathieu Pfarrer von Trier Herz-Jesu. Besonders kümmerte er sich um Menschen, die es schwer hatten. Heute feiert er sein 60. Priesterjubiläum. Von Jan Söfjer

Werner Mathieu ist  ins Mutterhaus gerufen worden, als die Frau im Sterben lag. Der Krankenhauspfarrer war nicht da und sein Vertreter wollte ihr nicht die Sterbesakramente erteilen. Die noch recht junge Frau war mit einem Mann liiert, aber nicht verheiratet. Der Priester verlangte, dass sie sich von ihrem Freund lossagt. Mathieu sagt: „Wir Priester sind für die Menschen da, um zu helfen, nicht, um es ihnen noch schwerer zu machen, wenn es schon schwer genug ist.“ Er gab der Frau die Kommunion und die letzte Ölung. Ihr Freund hielt ihre Hand und blieb bei ihr bis zum Ende.

Mathieu (86) hat sich immer für die Menschen um ihn herum eingesetzt. Besonders für diejenigen, die nicht auf der sonnigen Seite des Lebens standen, für die Menschen, in den Schuppen und Hinterhäusern, die Arbeitslosen, die Alkoholkranken, die Drogensüchtigen. Und wenn jemand aus seiner Gemeinde ins Gefängnis kam, hat er ihn dort besucht. Etwa den Mann, der wegen Raubüberfällen einsaß. Dessen Frau wollte die Scheidung. Mathieu beschwichtigte. Und als der Mann entlassen wurde, rief der Pfarrer einen Bauunternehmer an und verschaffte seinem Gemeindemitglied einen Job. 30 Jahre lang war Mathieu Pfarrer von Trier Herz-Jesu, über 20 davon auch Dechant. Heute vor 60 Jahren empfing er die Priesterweihe und feiert dieses Jubiläum mit einer Dankesmesse um 18 Uhr in der Kirche Herz-Jesu in der Friedrich Wilhelm-Straße in Trier-Süd.

„Ich hoffe, dass die Leute kommen, die sonst nicht so oft in die  Kirche gehen.“ Genau die Menschen, um die er sich früher immer gekümmert hat. Er hatte kein Auto, ging immer zu Fuß und traf dabei alle Menschen. „Wenn man ein Auge hat, kommt man ins Gespräch.“ „Wie geht es Ihnen?“ „Geht so.“ „Ist etwas?“ „Ja, es ist etwas.“ Mathieu sah sich immer als „Trottoir-Seelsorger“, wie er sagt. Sein großes Vorbild war der Priester in seiner Heimat in Saarbrücken-Jägersfreude. Ein herzlicher Mann mit Humor. „Seine Menschlichkeit hat mich beeindruckt. Er war ein frommer Mensch, aber er hat Maß gehalten. Es gibt ja eine Frömmigkeit, die es übertreibt, die nicht nah an den Menschen ist.“ Bei ihm wurde er Messdiener und blieb es, bis er mit dem Abitur fertig war. Dann schrieb sich Mathieu im Priesterseminar ein und studierte Theologie und Philosophie in Trier und Münster sowie Geschichte in Bonn. „Ich wusste schon im Kindergarten, dass ich Priester werden möchte.“

Später hatte er zwar zahlreiche Jugendfreundinnen, wie er berichtete, aber das seien eher Freundschaften gewesen. Man sei ins Theater gegangen und dergleichen. „Sie wussten alle, dass ich Priester werde und kein Mann zum Heiraten bin.“ Dieses Leben habe auch Freiheiten gehabt, sagt Mathieu. „Ich war nicht gebunden an eine Person. Der Nachteil war, dass man manchmal über Dinge redet, die man nicht so richtig versteht. Aber ich habe mich immer gehütet, als Nicht-Ehemann Eheleuten Vorschriften zu machen.“ Es sprach  sich herum, dass man mit ihm reden kann.

Auch der interreligiöse Dialog ist Werner Mathieu  wichtig, besonders der mit dem Judentum. Als Kind sah er, wie in Saarbrücken die Synagoge brannte und die Feuerwehr nicht löschen durfte.  „Als nächstes brennen unsere Kirchen“, sagte damals seine Mutter. Als er 1959 Kaplan in Herz-Jesu wurde, nahm er Kontakt mit der Synagoge auf. Als diese mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, schrieb er einen empörten Beitrag für den Trierischen Volksfreund. Nach der Veröffentlichung erhielt er  eine Morddrohung. Aber Werner Mathieu ist nicht jemand, der sich leicht beeindrucken lässt. Selbst von Krankheiten nicht. Er leidet an Parkinson, sitzt im Rollstuhl. „Ich bin dankbar für die Krankheit, denn sie macht bescheiden“, sagt er. „Ich kann nun besser verstehen, wie ein Kranker lebt.“ Er hat ein kleines Zimmer im Sankt Irminen-Stift. Ein Schreibtisch, zwei Bücherregale, zwei Schränke, ein Tisch, das Bett. Vier Familienfotos hängen an der Wand. Vier Geschwister hatte er. Zwei seiner Schwestern starben mit zehn und 18 Jahren an Krankheiten. Immer noch kommen Menschen zu Besuch und suchen seinen Rat. Und das scheint ihm wichtiger zu sein, als jedes Priesterjubiläum. Das größte Kompliment, das er je erhalten habe, sei von einem Mann gewesen, der auf der Straße auf ihn zugekommen sei, leicht angesäuselt. Er legte Mathieu die Hand auf die Schulter und sagte: „Bist ein guter Pastor.“