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Die Gädemchen-Tradition geht weiter - Trierer Ehepaar macht nach 58 Jahren Schluss

Einmal den Volksfreund, bitte! Das geht an den Gädemchen in der Grabenstraße nur noch bis heute (Samstag) um 16 Uhr. Dann macht Walter Hein - hier mit Stammkundin Rosemarie Bender - seinen traditionsreichen, rund 15 Quadratmeter großen Mini-Laden sprichwörtlich dicht.
Einmal den Volksfreund, bitte! Das geht an den Gädemchen in der Grabenstraße nur noch bis heute (Samstag) um 16 Uhr. Dann macht Walter Hein - hier mit Stammkundin Rosemarie Bender - seinen traditionsreichen, rund 15 Quadratmeter großen Mini-Laden sprichwörtlich dicht. FOTO: Roland Morgen
Trier. Eine Ära endet, doch die uralte Tradition geht weiter: Walter Hein schließt am Samstag nach 58 Jahren sein Gädemchen in der Grabenstraße. Nachfolgerin Bernadette Wacht-Herrmann startet voraussichtlich im April mit neuem Konzept an der geschichtsträchtigen Stätte, an der seit dem Mittelalter Waren feilgeboten werden. Roland Morgen

Der Begriff Gädemchen eignet sich prima für einen "Kern8echter Trierer oder nicht?"-Test. Wer nicht weiß, was er bedeutet, muss von außerhalb stammen. Zugezogene mit Kenntnissen in Mittelhochdeutsch könnten sich immerhin einen Reim machen. Ein Gadem oder Gaden ist ein offener Verkaufsstand. An der Ostwand der Marktkirche St. Gangolf in der Grabenstraße gibt es solche seit dem 14. Jahrhundert, trierisch Gädemchen genannt.

Über frühere Betreiber ist nicht viel bekannt, aber in punkto Kontinuität dürfte Walter Hein (78) mit an der Spitze liegen: Seit 1957 ist er Besitzer/Mieter von Gädemchen-Flächen. Nun, nach 58 Jahren, macht er sprichwörtlich den Laden dicht. "Meiner Frau Elfriede zuliebe", sagt der "waschechte Trierer Jung'". Die aus Lieser/Mosel stammende 78-Jährige war bis 2013 das "Gesicht" der Gädemchen, hielt bei Wind und Sturm und bei Eis und Schnee die Stellung in der Grabenstraße. Dann zog sie sich binnen weniger Wochen zwei Oberschenkelhalsbrüche zu. Seither spielt der Gatte den "Ersatzmann" im Standdienst. Der ehemalige kaufmännische Angestellte (bei den Firmen Gebrüder Rass, Radio Henkel, Elektro Thomas, Kaurisch und Blang), der zur Entlastung seiner Frau stets früh morgens die Ladenklappen geöffnet und abends wieder verschlossen hat, machte in den zurückliegenden fast anderthalb Jahren "alles im Alleingang. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn ich nicht meine Frau alleine daheim in Gusterath lassen müsste." Die Hoffnung Elfriede Heins, wieder in die geliebten Gädemchen ("Mein zweites Zuhause") zurückkehren zu können, erfüllten sich wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit nicht. Deshalb zieht Walter Hein nun den Schlussstrich: "Ich will dafür sorgen, dass sie wieder flott wird, damit sie noch was vom Leben hat. Sie hat es sich verdient."

Keine Frage. Für Elfriede Hein war jahrzehntelang die Sieben-Tage-Woche die Regel. Anfangs verkaufte sie Krawatten und Hemden, im Heilig-Rock-Wallfahrtsjahr 1959 kamen Devotionalien und Souvenirs dazu, zehn Jahre später wurde das Sortiment noch um Zeitungen und Zeitschriften erweitert, was dann auch eine große und teilweise bis heute treue Trierer Stammkundschaft bescherte. Elfriede Hein war immer da. Regel bestätigende Ausnahme: 1968, als Sohn Olaf zur Welt kam, da hat ihr Mann sie "von den Gädemchen quasi direkt in den Kreißsaal gefahren".

Urlaub und Verreisen gab's nie. "Warum denn auch?", hat die Gädemchen-Frau mal gefragt. Sie habe doch ihren Traumjob im Herzen ihrer Lieblingsstadt, und mehr als nebenan auf dem Hauptmarkt gebe es auch anderswo nicht zu sehen.

Walter Hein will ihr "demnächst mal zeigen, dass es aus anderswo schön ist. Ich möchte unsere Hochzeitsreise nachholen. Spätestens 2017 anlässlich unserer diamantenen Hochzeit."

Bei der Kundschaft herrschen sowohl großes Bedauern als auch vollstes Verständnis über das Ende der Hein-Ära. "Seit 20 Jahren kaufe ich meine Fernsehprogrammhefte hier. Heute letztmals. Ich kann es noch nicht glauben, finde es aber völlig in Ordnung, dass die Leute sich jetzt endgültig zur Ruhe setzen", sagt Margret Adamy (67).

Vier Einzelflächen - zwei Läden

Dieter Wagner (76) aus Trier-Euren muss jetzt seinen "angeborenen Navi umprogrammieren. Bisher führte mich jeder Weg in der Altstadt zu dem Gädemchen."

Vielleicht auch ab und zu in Zukunft noch. Denn die Gädemchen-Tradition geht weiter. Die Trierer Geschäftsfrau Bernadette Wacht-Herrmann (54) hat die drei Einzelflächen, aus denen das Hein-Gädemchen besteht, gemietet und will sich dort ab April mit verändertem Sortiment präsentieren.

Was angeboten wird, will sie "noch nicht verraten". Fakt ist aber: Bernadette Wacht-Herrmann hat die Sortiment-Reste der Heins übernommen.

Auf der Gädemchen-Fläche Nummer vier (ganz rechts) ändert sich nichts. Dort bietet der Familienbetrieb Hans-Josef Raltschitsch wie bereits seit Generationen weiterhin Souvenir-Artikel an. "Meine Oma Anna Maria stand schon 1920 hier", berichtet Brigitte Raltschitsch. Die 44-Jährige ist derzeit ganztägig im Standeinsatz: Mutter Luise (75), mit der sie sich sonst abwechselt, macht gerade das, was die Heins noch vor sich haben: Urlaub.

Die Gädemchen an der Ostwand der Gangolfkirche (Grabenstraße) um 1903. Die vier Einzelflächen gehören heute zur Hälfte der Pfarrgemeinde sowie zwei privaten Besitzern. Foto: Stadtarchiv Trier/Sammlung Wilhelm Deuser
Die Gädemchen an der Ostwand der Gangolfkirche (Grabenstraße) um 1903. Die vier Einzelflächen gehören heute zur Hälfte der Pfarrgemeinde sowie zwei privaten Besitzern. Foto: Stadtarchiv Trier/Sammlung Wilhelm Deuser FOTO: Stadtarchiv Trier/Sammlung Wilhelm Deuser
Jahrzehntelang das Gädemchen-Gesicht: Elfriede Hein.
Jahrzehntelang das Gädemchen-Gesicht: Elfriede Hein. FOTO: Roland Morgen