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Die Gewürzdose, die keine war

Als ich nach Deutschland kam, lebte ich in der Aufnahmeeinrichtung mit acht anderen Männern in einem Zimmer - wir waren Araber, Afghanen, Iraner, Chinesen und ein Inder. Zu unserem Glück war der Inder, er heißt Kiran, Koch.

Täglich genossen wir die Mahlzeiten, die er für uns zubereitete. Er kochte immer Suppen mit verschiedenen Gewürzen. In seinem Schrank hortete er viele Gewürzdosen. Wir kannten uns mit diesen indischen Gewürzen nicht aus, außer Kari und Kurkuma waren sie uns alle fremd.Eines Tages fuhr Kiran mit dem Zug zu einem Freund in einer anderen Stadt. Wir mussten uns selbst etwas zu essen machen und versuchten, seine Suppe nachzukochen. Wir nahmen alle Gewürzdosen aus dem Schrank und streuten aus jeder Dose ein bisschen Pulver in die Suppe. Das Ergebnis war durchaus in Ordnung, wir fanden unser Gericht lecker.Zwei Tage später kam Kiran zurück. "Wir haben deine Suppe mehr vermisst als dich", scherzten wir. Er lachte und öffnete seinen Schrank. Dann schrie er plötzlich los, weinte und griff uns mit einem Messer an. Sicherheitsleute mussten ihn schließlich aus dem Zimmer holen. Wir wurden verhört. Der Polizist fragte: "Was habt ihr Kiran getan?" - "Nichts!", antworteten wir. Der Polizist entgegnete: "Er hat gesagt, dass ihr die Asche seines Vaters in einer Suppe gegessen habt. Und ich weiß nicht, wie ich euch nun beschuldigen soll. Wegen Leichenverstümmlung? Diebstahls menschlicher Glieder? Oder als Menschenfresser?" Wir erklärten, dass wir keine Ahnung hatten, was in der Dose war, und ein solcher Umgang mit der Asche Verstorbener für uns unvorstellbar war. Außerdem haben wir uns bei Kiran entschuldigt und zusammen für seinen Vater gebetet, jeder nach seinem Glauben. Kiran hat sich gefreut. Und wieder eine leckere Suppe für uns gekocht.Alle reden über Muslime - von diesen selbst ist dagegen wenig zu hören. Deshalb schildert Ayad Abed Lateef (Foto: privat), ein in Konz lebender gebürtiger Iraker, in dieser Volksfreund-Kolumne, wie er und seine arabischen Freunde Trier erleben. Er erzählt, was hier ganz anders ist als in ihren Herkunftsländern und findet unerwartete Gemeinsamkeiten. Lateef stammt aus der irakischen Hauptstadt Bagdad und verließ sein Heimatland aus politischen Gründen. Er promoviert an der Uni Trier und möchte später als Journalist arbeiten. Kolumne Neue Heimat