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Nachtschicht
Party ist sein Beruf

DJ Carnage23 hat bei einer Feier in Leiwen Musik aus den 90ern aufgelegt. Zu seinem Repertoire gehört aber noch mehr.
DJ Carnage23 hat bei einer Feier in Leiwen Musik aus den 90ern aufgelegt. Zu seinem Repertoire gehört aber noch mehr. FOTO: TV / Nathalie Hartl
Trier/Leiwen. Arbeiten, wo andere feiern. Nüchtern sein, wo andere dem Rausch frönen. Dominique Koch legt nachts als DJ Carnage23 auf. Ein Job, der an die Substanz geht und den Trierer Workaholic fast das Leben kostete. Trotzdem empfindet er ihn als Glück. Von Nathalie Hartl
Nathalie Hartl

Wenn Dominique Koch sich Leuten als DJ Carnage23 vorstellt, bekommt er immer wieder dieselbe Reaktion: „Und was machst du sonst?“ Die Frage, ob er davon leben könne, folgt direkt im Anschluss. Deshalb gleich vorweg: Ja, das kann er.

Erst im Juni hat der Trierer seinen Bürojob, dem er nebenbei tagsüber nachgegangen ist, gekündigt. Statt auf ein zweites Standbein im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit setzt er nur noch auf seine Leidenschaft. Im Sommer tritt er an drei bis vier Abenden pro Woche zur Nachtschicht an. Auf Hochzeiten oder Festen wie einer 90er-Jahre-Party im Forum Livia im Moselort Leiwen (Kreis Trier-Saarburg), wobei ihn der TV begleitet hat, legt er auf. Dass seine Arbeit zum Großteil nachts stattfindet, macht dem DJ nichts aus. Denn viele seiner Freunde haben einen ähnlichen Rhythmus wie er: Gastronomen, Musiker, Event-Leute.

Koch hat sich über seinen Laptop gebeugt. Statt wie früher auf Hunderten Platten hat er seine Sammlung kompakt auf dem Computer gespeichert. Der Abend beginnt mit ruhigen Nummern zum Aufwärmen. Der DJ geht einen Schritt zur Seite, die Knie wippen im Takt. Neben dem Computer steht ein Pult mit Rädchen, Schaltern und Knöpfen. Koch dreht an einem Regler. Mehr Bass, weniger Höhen – der Beat vibriert in der Magengrube.

Wie wird man DJ? Anders als für Krankenschwestern, Schreiner oder Kaufleute gibt es für DJs keine offizielle Ausbildung. Schulen und Privatlehrer bieten zwar Kurse und Zertifikate, eine richtige Berufsausbildung ist das allerdings nicht.

Dominiqe Koch legt als DJ Carnage23 auf. Nachtschichten gehören für ihn zum Alltag.
Dominiqe Koch legt als DJ Carnage23 auf. Nachtschichten gehören für ihn zum Alltag. FOTO: TV / Nathalie Hartl

Koch, der ein Staatsexamen in Politik und Germanistik abgelegt hat, ist in den Beruf hereingewachsen. Schon während des Lehramt-Studiums habe er sich die Nächte um die Ohren gehauen und schließlich nie als Lehrer gearbeitet. „Ich mag das, wenn ich jungen DJs was zeigen kann, aber könnte es mir nicht vorstellen, jeden morgen um 7.55 Uhr vor einer Meute Jugendlicher zu stehen.“

Kochs Karriere begann mit DJ Zambo, dessen Name in dunkler Tinte auf seinem Arm prangt. Mit 12 Jahren besuchte er den Düsseldorfer Musikprofi, der ihn heimlich zu einem Auftritt mitnahm. „Ich spiele jetzt zwei Lieder, und beim dritten werden die Leute dahinten in der Ecke anfangen zu schreien und zu tanzen“, habe sein Onkel Zambo gesagt. Keine Viertelstunde später war eingetreten, was der DJ prophezeit hatte. Das wollte der Zwölfjährige auch können.

Am Tag darauf fand sich der Junge vor zwei Schallplatten wieder. Seine Aufgabe: einen flüssigen Übergang von einem Lied zum nächsten schaffen. „Wenn ich zurückkomme und du das hinbekommst, dann bringe ich dir das Handwerk bei“, hatte Zambo gesagt, bevor er das Haus verließ.

Party als Beruf Aus dem Kind von damals ist ein 1,93 Meter großer Mann geworden. Und aus den Platten Dateien. An den Wellen, die der Bildschirm anzeigt, kann DJ Carnage23 zum Beispiel ablesen, an welche Stelle eines Songs er springen will. Er drückt auf einige der bunt leuchtenden Knöpfe. Ein Lied blendet in ein anderes über – das Publikum kann im gleichen Takt weiterfeiern.

Kochs Job ist es, Party zu machen und gleichzeitig konzentriert den Verlauf des Abends zu planen.

Was wie Spaß anmutet und von manchen Außenstehenden gar nicht als Arbeit wahrgenommen wird, geht an die Substanz. „Am Ende eines Abends ist mein Kopf durch“, sagt er. „Man beobachtet, überlegt, welche Songs schon liefen und wo man hin will.“ Wie viele Schläge erklingen bei einem Stück in der Minute? Welches passt danach? Was kommt beim Publikum an? Sollte man die Stimmung verändern?

Vor dem DJ-Pult feiern die Gäste. Dominique Koch versucht, an ihrem Verhalten abzulesen, welche Musik ihnen gefällt. „Da steckt viel Psychologie dahinter.“
Vor dem DJ-Pult feiern die Gäste. Dominique Koch versucht, an ihrem Verhalten abzulesen, welche Musik ihnen gefällt. „Da steckt viel Psychologie dahinter.“ FOTO: TV / Nathalie Hartl

Nachtschicht bis zum Umfallen Auflegen ist Denksport und körperliche Belastung in einem. Das bekam Koch vor zwei Jahren zu spüren. Vier Tage und Nächte am Stück hat er ohne Pause gearbeitet.  Dann kam die Zwangspause. „Wenn meine Ex-Freundin mich nicht aufgeweckt hätte, würde ich hier nicht mehr stehen.“ Ohne eine Vorgeschichte hatte er eine Herzmuskelentzündung inklusive Herzinfarkt. „Ich war schon immer ein Workaholic.“

Nach der Krankheit hat Koch sein Leben verändert. „Ich bin bewusst ruhiger geworden.“ Statt Energy Drinks gibt es nur noch stilles Wasser, wenn er auflegt. Mit dem Wachbleiben hat der DJ auch ohne Koffein keine Probleme.

Dafür schwitzt Koch fast täglich im Fitnesstudio, isst nach einem strengen Plan und wiegt die Zutaten seiner Mahlzeiten aufs Gramm genau ab. Sport und Gesundheit sind zur zweiten Leidenschaft geworden.

Macht über die Masse Während Koch bei Auftritten in Clubs die Uhr danach stellen kann, wann die Gäste kommen, ist das bei Feiern wie in Leiwen häufig anders. Seine Musik, die in der abgedunkelten Halle spielt, stellt für viele Besucher keine Konkurrenz zu Sonne, Bierstand und Foodtruck dar. Lediglich ein paar Frauen in kurzen Sommerkleidern haben sich am frühen Abend ins Scheinwerferlicht verirrt. Koch wartet auf den Sonnenuntergang und spielt eine Nummer nach der anderen. Die kühle Nachtluft lockt die Gäste schließlich nach drinnen. Jetzt kann der DJ die richtigen Hits auspacken.

Koch kündigt an, dass beim nächsten Song, „Don’t stop the Rock“, alle auf die Tanzfläche kommen werden. „Bei Feiern wie dieser funktioniert das.“  Noch eine Minute bis zum Liedwechsel. Sein Manager holt das Handy heraus. Die Party soll für die sozialen Netzwerke dokumentiert werden.

Der Herr der Räder: Mit den Reglern kann Koch die Musik nach seinem Geschmack anpassen.
Der Herr der Räder: Mit den Reglern kann Koch die Musik nach seinem Geschmack anpassen. FOTO: TV / Nathalie Hartl

Und tatsächlich: Der Titel läuft keine zehn Sekunden, und schon hat sich eine Formation vor dem DJ-Pult gebildet. In der Gruppe tanzen sie den „Freestyle“, eine einfache Folge von Schritten, die in den 90ern populär war. Koch hat die Menge richtig eingeschätzt. „Da steckt viel Psychologie dahinter.“ Er versucht den Geschmack der Leute zu treffen, kann sie mit der Musik aber auch beeinflussen. „Wenn man Feierabend machen möchte, kann man Leute auch mit Hits nach Hause spielen.“ Nach einer Stunde seien die Gäste dann so platt, dass sie erschöpft und glücklich heimgehen würden.

Die Schattenseiten Wenn Koch auflegt, ist er immer nüchtern. „Ich trinke bewusst keinen Alkohol, weil Leute eine teure Dienstleistung bei mir kaufen.“ Bei den Gästen sieht es mit dem Promillewert häufig anders aus. „Es kann passieren, dass der Vorstand um 23 Uhr mit Krawatte um den Kopf auf der Theke steht.“ Einmal hätte eine Firma es so weit getrieben, dass sie Hausverbot bekommen hätte, weil die Fische nicht mehr im Pool waren und der Teppich verhunzt war. Für DJs wie Koch ist es nicht immer leicht, mit solchen Situationen umzugehen. Er kann versuchen, die Musik zu unterbrechen, Ansagen machen und die Leute so beruhigen. Schlägereien und Konflikte erlebt der 41-Jährige trotzdem immer wieder. Auch mit ihm fangen Gäste manchmal Streit an. „Einige Leute verstehen nicht, dass ich keine Jukebox bin.“ Sogar die Nase bekam er schon gebrochen, weil er einen Liedwunsch nicht erfüllen wollte.

An sich sei Koch für vieles offen, nur bei „Atemlos“ von Helene Fischer ist Schluss. „Es steht in meinen Verträgen, dass ich das nicht spiele.“

Eine Kleinigkeit, die Karl Marx vermutlich als hohes Gut werten würde. „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört“, schrieb der Denker einmal. Koch hat seine Freiheit in der Nachtschicht gefunden.

Beruf und Leidenschaft „Ich bin in 99 Prozent der Fälle froh bei dem, was ich gerade tue“, sagt DJ Carnage23. Obwohl er an seinen Arbeitstagen erst in den Morgenstunden ins Bett geht, schläft er nur vier bis fünf Stunden. „Ich will etwas vom normalen Leben tagsüber haben.“ Auch ohne Wecker schafft er es, zwischen 9 und 10 Uhr aufzustehen. Dass er nur so wenig Schlaf benötigt, um fit zu sein, ist für ihn ein großes Glück. Denn so kann er die hellen Stunden trotz Nachtarbeit nutzen.

Koch lässt seinen Blick ins Publikum schweifen. Die Leiwener tanzen und lassen die 90er wieder aufleben. Noch bis vier Uhr nachts geht die Feier weiter. „Du machst was und bekommst direkte Resonanz. Das hat man heute in kaum einem Beruf.“ Seinem alten Bürojob trauert er nur wenig hinterher. Das Auflegen will er hingegen nie ganz aufgeben.