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Domgeschichte mit Drohne und in 3-D: Was hinter den seltsamen Blättern steckt

Seltsame Kreise auf Din-A-4-Blättern sorgen rund um den Dom für Aufsehen.
Seltsame Kreise auf Din-A-4-Blättern sorgen rund um den Dom für Aufsehen. FOTO: Michael Schmitz
Eine seltsame Kunstaktion? Ein Dumme-Jungen-Streich? Viele Trierer und viele Touristen haben sich gefragt, was es mit Dutzenden Blättern mit seltsamen Zeichen auf sich hat, die dieser Tage am Trierer Dom geklebt haben. Die Antwort führt 1700 Jahre in die Vergangenheit. Michael Schmitz



Es sind einfache Din-A-4-Blätter, jedes versehen mit einem seltsamen Kreis, der immer anders gefüllt ist, und mit einer dreistelligen Nummer versehen: Um die 100 dieser Blätter waren von Montag bis Mittwoch rund um den Trierer Dom in etwa 2,50 Meter Höhe verteilt. Einige auch auf Höhe von mehreren Geschossen. Dass dann an mehreren Tagen noch zwei junge Männer eine kamerabestückte Drohne am Dom herauf- und herunterfliegen ließen, verwunderte so manchen Passanten auf dem Domfreihof. Der TV hat nachgefragt, was hinter der Aktion steckt. Die Antwort führt zu einem großen Forschungsprojekt, das schon seit August 2015 läuft. Denn Kunsthistoriker der Uni Trier und Bauforscher der TU München sind neuen Erkenntnissen zur Geschichte des Trierer Doms auf der Spur (siehe Extra).

Für die Bauforschung ist Dr. Ing. Dominik Jelschewski zuständig, und der erklärt, warum das Projekt überhaupt nötig ist: Es gebe "kein zweites Bauwerk in Deutschland, dessen Baugeschichte so komplex ist". Denn am Trierer Dom - der ältesten Bischofskirche Deutschlands - wurde über viele Jahrhunderte und Architektur-Epochen lang gebaut. Ausgehend von einer römischen Kirchenanlage aus dem vierten Jahrhundert wurde der Bau immer wieder zerstört, aufgebaut, restauriert, erweitert, erhöht, umgebaut oder verkleinert. Diese Baugeschichte ist zwar erforscht, aber nicht unbedingt auf dem neuesten Stand, es gibt viele offene Fragen. Dabei geht es nicht um die archäologischen Forschungen, also um all das, was in der Erde vergraben ist, sondern um das, was der Bau selbst über seine Geschichte erzählen kann. Abbrüche, Wiederaufbauten, Erweiterungen, Säulenformen, statische Erkenntnisse, ja selbst die ursprünglichen Dachformen längst zerstörter Gebäude können Bauforscher wie Jelschewski aus der detaillierten Betrachtung der Steine und Mauern, der vierschieden Mörtelfarben oder der Putzreste herauslesen. Dazu sitzt der 35-Jährige seit einem Jahr über den Gewölben des Doms, in den Türmen oder unter den Dächern in Staub und Dreck und begutachtet das uralte Bauwerk in allen Details.

Und um solche baugeschichtlichen Details herauszufinden, dient nun auch der Drohnenflug, womit wir wieder bei den seltsamen Blättern wären. Die Blätter beziehungsweise die Zeichen darauf sind Messpunkte, die auf den von der Drohne aufgenommenen Bildern zu sehen sind. Die unterschiedlichen Kreise sind eine Art Code, ähnlich den QR-Codes, die man mit Smartphones auslesen kann. Mit diesen Codes und aus rund 5000 sich überlappenden Kamerabildern der Drohne wird durch eine leistungsstarke Computersoftware ein dreidimensionales Modell des Trierer Doms errechnet. Die Messpunkte wurden rund um den Dom an möglichst vielen zugänglichen Stellen angebracht, erzählt Jelschewski. Daher waren sie vor allem am Boden, aber eben auch in der Nähe manchen Fensters oder Portals zu finden. Teil des Projektes war ebenfalls ein Laserscan im Innenraum des Domes mit über 1000 Einzelmessungen, um auch den Innenraum später dreidimensional im Computer nachbilden zu können.

Innen per Laser gescannt

So wie die Detailarbeit an Putz und Mörtel soll auch dieses Computer-Modell dazu dienen, die Baugeschichte besser erforschen und sie auch besser vermitteln zu können. "Wir können den Dom im Computer später praktisch freischälen. Man kann wegnehmen, was über die Jahrhunderte hinzugekommen ist, und rekonstruieren, was verloren gegangen ist." Die Baugeschichte des Doms wird mit dem Computermodell also besser erfahrbar - ein Mehrwert nicht nur für die Forschung, sondern sicherlich auch einmal für die Besucher des Trierer Doms.
Bis es so weit ist, liegt aber noch einiges an Berechnungen im Computermodell und an Mörtel- und Mauerwerks-Untersuchungen vor Jelschewski, denn zwei Jahre wird das Projekt noch dauern. Ob denn die Geschichte des Doms anschließend umgeschrieben werden muss? Das glaubt der Münchner Forscher nicht, aber: "Unser Wissen wird sich deutlich erweitern." Extra

Das Forschungsprojekt zum Trierer Dom wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 180?000 Euro Förderung für die Uni Trier finanziert. Es ist interdisziplinär konzipiert. Leiter sind der Kunsthistoriker Professor Gottfried Kerscher von der Universität Trier und Professor Manfred Schuller vom Lehrstuhl für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege der Technischen Universität München. Während Dominik Jelschewski die Bauforschung vor Ort macht, beschäftigt sich die Kunsthistorikerin Nicole Fleckinger vor allem mit Fragen zu Baustil und Bauformen des mittelalterlichen Doms.

Rund 100 dieser Blätter waren dieser Tage rund um den Dom in Trier verteilt.
Rund 100 dieser Blätter waren dieser Tage rund um den Dom in Trier verteilt. FOTO: Michael Schmitz
Werner Maziborsky von der Linsinger ZT GmbH mit der Drohne. Die darauf spezialisierte Firma aus Österreich hat schon über 120 Kirchen und Kathedralen vermessen, darunter den Kölner Dom und die Trierer Basilika, zahlreiche Burgen, Schlösser, Klöster und Ruinen (darunter die Kaiserthermen) sowie Dinosaurierspuren in Bolivien und einen Tempel im chinesischen Xian. Derzeit vermisst sie den Trierer Dom.
Werner Maziborsky von der Linsinger ZT GmbH mit der Drohne. Die darauf spezialisierte Firma aus Österreich hat schon über 120 Kirchen und Kathedralen vermessen, darunter den Kölner Dom und die Trierer Basilika, zahlreiche Burgen, Schlösser, Klöster und Ruinen (darunter die Kaiserthermen) sowie Dinosaurierspuren in Bolivien und einen Tempel im chinesischen Xian. Derzeit vermisst sie den Trierer Dom. FOTO: Ernst Mettlach
Fliegen per Drohne sozusagen in die Geschichte des Trierer Doms: Werner Maziborsky und Lukas Sint. Für ein Forschungsprojekt erstellen sie mit Hilfe von Vermessungspunkten ein Computermodell des Trierer Doms.
Fliegen per Drohne sozusagen in die Geschichte des Trierer Doms: Werner Maziborsky und Lukas Sint. Für ein Forschungsprojekt erstellen sie mit Hilfe von Vermessungspunkten ein Computermodell des Trierer Doms. FOTO: Ernst Mettlach