| 17:37 Uhr

Eigentor der Abwehr

Die Erreger kommen oft mit dem Wind. Was man gegen Allergien tun kann, war das Thema in der Europahalle.Foto: Marcus Stölb
Die Erreger kommen oft mit dem Wind. Was man gegen Allergien tun kann, war das Thema in der Europahalle.Foto: Marcus Stölb
TRIER. (mst) Immer mehr Menschen leiden an allergischen Reaktionen. Ob in der Luft oder in Lebensmitteln - Allergene lauern an allen Ecken und Enden. Allergie war das Thema des 33. Arzt-Patienten-Seminars am Samstag in der Europahalle.

Es war schon ein besonderer Trost, den Dr. Carl-Heinz Müller für die Besucher des Arzt-Patienten-Seminars parat hatte: "Bei kaum einer anderen Erkrankung dürften Sie bei ihrem Arzt auf mehr Verständnis stoßen als bei Allergien", sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Trier und machte damit einmal mehr auf die Bedeutung des Themas aufmerksam. Die Allergie hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Volkskrankheit entwickelt. Und da Ärzte auch zum Volk zählen, sind sie vor allergischen Reaktionen ebenso wenig gefeit wie ihre Patienten, worauf auch der selbst von Allergien geplagte Initiator des Seminars, Professor Bernd Krönig hinwies. Eine Allergie ist eine Abwehrreak-tion des Körpers gegenüber Stof-fen, die eigentlich nicht krank machen und mitunter sogar lebensnotwendig sind, erläuterte Dr. Franziska Ruëff vom Münchner Universitätsklinikum. Während die Auseinandersetzung des Immunsystems mit Fremdstoffen grundsätzlich normal und oft nützlich ist, wird sie bei Allergikern zum Problem. Ruëff spricht in diesem Zusammenhang von einem "Eigentor der Abwehr". Dass die Eigentore sich häufen, zeigt das Beispiel Neurodermitis: Während von den Geburtsjahrgängen vor 1960 ein bis drei Prozent diese Erkrankung haben, wurde das so genannte atopische Ekzem bereits bei neun bis 20 Prozent der nach 1970 Geborenen festgestellt. Über die Ursachen für den Vor-marsch der Allergie existieren derweil verschiedene Theorien. Die wohl populärste ist die "Urwaldhypothese": Aufgrund der allgemein verbesserten Hygiene hier-zulande treten Infekte seltener auf. Dadurch wird das Immunsystem kaum noch beansprucht, weshalb es sich nun gegen eigentlich ungefährliche Stoffe richtet.Genaue Diagnose zwingend erforderlich

Doch nicht immer lassen sich Allergene und allergische Reaktion auf Anhieb in Verbindung bringen, wie das Beispiel Nahrungsmittelallergie deutlich macht. Was beispielsweise häufig als "Milchallergie" bezeichnet wird, ist gar keine allergische Reaktion, sondern eine angeborene Milchzuckerunverträglichkeit oder Laktoseintoleranz. Von ihr sind immerhin zehn Prozent der Bevölkerung betroffen. Ruëff hält eine genaue Diagnose von Nahrungsmittelüberempfindlichkeiten für zwingend erforderlich. "Künftige Zwischenfälle lassen sich nicht vermeiden, wenn der Auslöser nicht zweifelsfrei identifiziert ist und noch keine Klarheit über den Unverträglichkeitsmechanismus besteht", argumentiert die Allergologin. Bislang müsse eine Nahrungsmittelallergie durch Vermeidung behandelt werden, da eine Hyposensibilisierung - im Gegensatz zu Insektengiften oder Pollen - noch nicht standardisiert zur Verfügung steht. Ruëff: "Medikamente können nur die Symptome lindern, nicht jedoch die Ursachen bekämpfen."