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Ein völlig neues Lebensgefühl

Stefan Huberty (Mitte) lebt seit einiger Zeit mit einem Hirnschrittmacher, um Symptome seiner Parkinson-Erkrankung zu lindern. Mit im Bild: der behandelnde Neurologe Professor Matthias Maschke (links) und Neurochirurg Dr. Gernot Surges, der den Schrittmacher einsetzte. TV-Foto: Judith Colling
Stefan Huberty (Mitte) lebt seit einiger Zeit mit einem Hirnschrittmacher, um Symptome seiner Parkinson-Erkrankung zu lindern. Mit im Bild: der behandelnde Neurologe Professor Matthias Maschke (links) und Neurochirurg Dr. Gernot Surges, der den Schrittmacher einsetzte. TV-Foto: Judith Colling
Trier. Bis zu einer Handvoll Tabletten hat Stefan Huberty aus Trier schlucken müssen, um die Symptome von Morbus Parkinson zu lindern. Seit einer Hirnoperation bekämpfen elektrische Impulse in seinem Kopf seine Beschwerden. Judith Colling

Trier. Die ständige Müdigkeit war das Schlimmste. Mit 37 Jahren erhielt Stefan Huberty die Diagnose Parkinson. In den folgenden Jahren hat er gelernt, mit der unheilbaren und stetig fortschreitenden Krankheit zu leben: Medikamente schwächten die Symptome wie Zittern, Unsicherheit und Lähmungserscheinungen ab. Huberty gründete eine Selbsthilfegruppe für jüngere Patienten. Doch die starken Nebenwirkungen der Präparate nahmen mit dem Krankheitsverlauf zu: "Ich bin einfach am Tisch eingeschlafen", erzählt Huberty.
Anfang des Jahres war die Erkrankung so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr mit Messer und Gabel essen konnte. Der Chefarzt der Neurologie des Brüderkrankenhauses Trier, Professor Matthias Maschke, behandelt Huberty seit acht Jahren und erklärte ihm die Möglichkeit der tiefen Hirnstimulation (siehe Extra).
Heilen kann der sogenannte Hirnschrittmacher Morbus Parkinson und andere Bewegungsstörungen ebenso wenig wie Medikamente. Doch die Symptome können gerade bei langjährigen Patienten oft mit deutlich weniger Nebenwirkungen als bei der reinen Medikamententherapie gelindert werden.
Stefan Huberty wurde von Neurochirurg Gernot Surges operiert. Seit mehr als einem Jahrzehnt bietet das Brüderkrankenhaus in Trier die tiefe Hirnstimulation mittlerweile an. "Wir haben bis zu 30 Eingriffe im Jahr," sagt Surges. Fünf bis sieben davon seien Neuimplantationen von Hirnschrittmachern.
Stefan Huberty hat einige Zeit gebraucht, um sich für die Operation zu entscheiden. "Es war ein Prozess", erzählt er. "Aber als nach ausführlicher Recherche dann die Entscheidung fiel, hatte ich auch Vertrauen."
Nach nur sechs Wochen sind die kleinen Verletzungen durch die Operation bei Huberty fast abgeheilt. Schon mehrfach wurden die Impulse angepasst, was im ersten halben Jahr häufiger geschehen muss. Dann werden die Abstände immer größer. "Das hier ist quasi der Optimalfall", erklärt Neurologe Maschke. Im Moment braucht Huberty keine Medikamente mehr. Viele Symptome sind deutlich abgeschwächt. Er kann wieder mit Messer und Gabel essen, bewegt sich deutlich aufrechter, und auch die Mimik hat sich entspannt. Der größte Gewinn ist jedoch die kontinuierliche Wirkung. "Es gibt keine Hoch- und Tiefphasen mehr wie bei der Medikamententherapie", erzählt Huberty.
Seine Tochter war während des siebenstündigen Eingriffs dabei. Bereits kurz nach der Operation konnte er Familie und Freunde empfangen: "Für mich war es wichtig, dass diese große OP so nah an der Heimat möglich ist und ich nicht in ein großes Zentrum gehen musste", sagt Huberty. Mit der Selbsthilfegruppe und seinen Erfahrungsberichten möchte er anderen Betroffenen Mut machen: "Ich habe ein völlig neues Lebensgefühl!"Extra

Die tiefe Hirnstimulation ist ein neurochirurgischer Eingriff und wird bei Morbus Parkinson eingesetzt, wenn die medikamentöse Behandlung ihre Grenzen erreicht. In beide Gehirnhälften werden dünne Stimulationssonden geführt. Unter der Haut verlaufende Kabel verbinden die Sonden mit einem Impulsgeber, der ähnlich wie ein Herzschrittmacher funktioniert und meist im Brustbereich implantiert wird. Die elektrischen Impulse unterdrücken die Symptome der Krankheit in den Hirnarealen. Der Hirnschrittmacher eignet sich nicht für jeden Patienten und wird meist spätestens ein Jahr nach der Implantation mit einer Medikamententherapie kombiniert. Seit zwei Jahren wird die Methode auch bei jüngeren Patienten mit kürzeren Krankheitsverläufen eingesetzt. Der Eingriff ist reversibel und kann dem Krankheitsverlauf angepasst werden. jco Die Selbsthilfegruppe von Stefan Huberty trifft sich jeden letzten Mittwoch im Monat um 19 Uhr im Begegnungsforum Haus Franziskus, Christophstraße 12, in Trier. Weitere Infos unter Telefon 0651/4368361 oder E-Mail an an stefan.huberty@t-online.de