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Eine Woche trockene Nudeln

Schlechte Wohnverhältnisse, wenig Freizeitbeschäftigung: Für viele bedeutet das Wohnen in Trier-West eine Teufelsspirale.Foto: Wolfgang Magnus
Schlechte Wohnverhältnisse, wenig Freizeitbeschäftigung: Für viele bedeutet das Wohnen in Trier-West eine Teufelsspirale.Foto: Wolfgang Magnus
TRIER. Mit Armut von Frauen in Trier-West beschäftigt sich die Pädagogin Melanie Werner (Foto: Wolfgang Lenders) in ihrer Diplomarbeit. In der Buchhandlung "Gegenlicht" präsentierte sie ihr Werk "Ich kündige als Mutter" in Buchform. Von unserem Mitarbeiter <br>WOLFGANG LENDERS

Trier-West ist ein heißes Pflaster: Viele Menschen haben keine Ausbildung und leben von der Sozialhilfe, die Geburtenrate ist hoch. Frauen geraten leicht in einen Teufelskreis: In jungen Jahren werden sie schwanger, brechen die Schule ab und bekommen keine angemessene Berufsausbildung. Häufig erziehen die Mütter ihre Kinder ohne festen Parter und sind abhängig von den Zahlungen vom Sozialamt. Gleichzeitig wissen sie aber nicht ausreichend über ihre Rechte Bescheid.In ihrem Buch wertet Melanie Werner Interviews mit drei Frauen aus, die an einem Qualifizierungsprojekt der Caritas für von der Sozialhilfe abhängige, allein erziehende Mütter teilnahmen. "Alles escht Trier-Westler Mädsche", sagte die Pädagogin bei der Vorstellung des Buches.Authentische Zitate

"Die Frauen gelten nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten als arm. Mir ging es darum, herauszufinden, wie sie ihre Situation wahrnehmen."Dem Klischee, dass wissenschaftliche Arbeiten langweilig sein müssen, wird Werner nicht gerecht. Das in der Schriftenreihe "Gesundheit - Pflege - Soziale Arbeit" erschienene Buch ist zwar wie die meisten Diplomarbeiten strukturiert, die Texte aber sind klar und verständlich.Authentisch sind die Zitate der Frauen, die die Pädagogin in ihrem Buch wortwörtlich wiedergibt. "Bei mein Tanten rüber, da treffen sich dann all, trinken Kaffee, kucken Fernsehen, babbeln doof den ganzen Tag. Rauchen ein nach der annern", erzählt etwa in dem Buch eine der Frauen über den nachbarschaftlichen Kaffeeklatsch, eine der wenigen Freizeitaktivitäten im Viertel."Es gibt fast keine Freizeitangebote für Erwachsene in Trier West", erklärt Werner. "Zur Überbrückung stellen die Menschen oft Tische und Stühle vor die Haustür und treffen sich dort."Trotz aller Probleme - die sozialen Kontakte funktionieren in TrierWest recht gut. Der Kontakt zu anderen Menschen ist wichtig, um im Kampf mit den Behörden halbwegs klarzukommen. Werner: "Was einem zusteht, erfährt man nicht vom Sozialamt, sondern von anderen Leuten."Viele Frauen schämen sich aber wegen ihrer Armut und trauen sich nicht, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Hilflosigkeit ist die Folge: "Die Frauen erwarten vom Sozialamt konkrete Hilfe, bekommen aber einen Stapel Formulare", erklärt die Pädagogin.Auf Unterstützung von den Vätern ihrer Kinder können die meisten der allein erziehenden Mütter nicht setzen.Melanie Werner: "Die Frauen erwarten von ihrem Ex-Mann Geld für die Kinder, nicht für sich selbst." Unwissenheit führt oft dazu, dass auch Hilfen nicht genutzt werden.Ohne weitere Sicherheiten

"Eine Frau wusste nicht, dass sie Anspruch auf einen Unterhaltsvorschuss hatte", berichtete Werner. "Erziehungsgeld hat keine von den Müttern beantragt."Auch der Freundeskreis ist keine Hilfe bei Problemen im Alltagsleben. Werner fand heraus, dass jungen Müttern Unterstützung nur aus der Familie zu Teil wird, und da fast ausschließlich von den weiblichen Mitgliedern.In ihrer Arbeit errechnete die Pädagogin auch, wie viel Geld die Frauen im Monat zur Verfügung haben."Auf einen Ein-Personen-Haushalt umgerechnet haben sie zwischen 550 und 600 Euro", berichtete sie. "Das ist zu wenig, weil sie keine weitere Sicherheit haben", sagt Werner und fährt fort: "Wenn die Frauen kein Geld mehr haben, bringen sie Gegenstände ins Pfandhaus, versuchen, sich irgendwo noch etwas zu leihen - oder essen eine Woche lang trockene Nudeln."Das Buch "Ich kündige als Mutter - Soziale Lebenslagen allein erziehender Sozialhilfeempfängerinnen in TrierWest" von Melanie Werner ist im Verlag Hans Jacobs erschienen. Es ist für 14,90 Euro im Buchhandel erhältlich.