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Erster Mainz, dritter Trier: Deutschlands älteste Stadt hat jetzt mehr Einwohner als Koblenz

Trier/Koblenz. 112.757 Menschen haben ihren Hauptwohnsitz in Trier. Damit ist die Moselstadt jetzt die drittgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz. Allein mit der Attraktivität Triers ist das aber nicht zu erklären. Michael Schmitz/Christiane Wolff

Der Eintrag im Internetlexikon Wikipedia steht so zwar noch online, ist aber veraltet: "Koblenz (…) ist mit rund 110.000 Einwohnern nach Mainz und Ludwigshafen am Rhein die drittgrößte Stadt dieses Landes." Drittgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz ist nun aber Trier.

112.757 Menschen mit Erstwohnsitz in Trier weist die Statistik aus. Koblenz kommt nach Angaben der dortigen Stadtverwaltung auf 112.624. Oberbürgermeister Wolfram Leibe ist der Wechsel an der rheinland-pfälzischen Rangliste sofort aufgefallen. Er habe schon vor einigen Wochen zum Hörer gegriffen: "Ich habe meinen Koblenzer Amtskollegen Joachim Hofmann-Göttig angerufen und informiert", sagt Leibe augenzwinkernd. "Ich freue mich natürlich sehr, dass Trier wächst, und bin darauf auch stolz."

Die Moselstadt verzeichnet schon seit Jahren einen Trend zu mehr Einwohnern. Und die Bevölkerungsprognosen weisen auch für die nächsten Jahre nach oben. Was unter anderem an der Nähe zum wirtschaftlich attraktiven Luxemburg liegt. Aber auch daran, dass ohnehin mehr Menschen vom Land wieder in die Großstädte ziehen. Überwiegend sind das Senioren, die wegen der besseren Nahversorgung, Infrastruktur und ärztlichen Versorgung in die Städte streben. "In Trier profitieren wir in dieser Hinsicht also vom demografischen Wandel und vom starken Arbeitsmarkt in Luxemburg", sagt Oberbürgermeister Leibe.

Wohnungen gefragt

Trier sei eine attraktive Stadt zum Wohnen und Leben. Das bringe allerdings auch Verpflichtungen mit sich: "Der Zuwachs zeigt ganz klar, dass wir Bedarf an weiteren Wohnungen haben und wir unsere Infrastruktur weiter ausbauen müssen." Die Stadt sei darauf allerdings vorbereitet. Für den Flächennutzungsplan, der bis mindestens 2030 regeln soll, wo in Trier neue Wohngebiete, Straßen, Gewerbeflächen und Erholungsräume entstehen dürfen, hatte die ehemalige Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani bereits vor Jahren mit 114.000 Einwohnern kalkuliert.

Der eigentliche Grund für den jüngsten, so auch nicht prognostizierten Anstieg der Einwohnerzahl ist, dass Trier eine der großen, landesweiten Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge beherbergt. Alle dort ankommenden Flüchtlinge werden mit Wohnsitz Trier angemeldet. Die meisten von ihnen werden nach der dreimonatigen so genannten Clearingphase auf andere Kommunen verteilt, womit auch ein Wohnortwechsel einhergeht. "Aber 1200 sind bisher in Trier geblieben, und 600 weitere wieder nach Trier zurückgezogen", sagt Leibe. Dazu kämen viele minderjährige Jungen auf der Flucht, die in Trier zentral für das gesamte Land aufgenommen werden. "Das alles sind Trierer Bürger, dank derer wir weiter wachsen", sagt Leibe.

Mehr Einwohner, mehr Geld

Dass Trier eine enorme Zahl an Flüchtlingen nur zeitweise beherbergt, zeigt auch der Blick auf die Statistik des vergangenen Jahres. Dort sind 40.296 Zuzüge in Trier verzeichnet und 34.034 Fortzüge. Das klingt, als habe Trier ein Drittel der Einwohner ausgetauscht - liegt aber eben nur am zeitweiligen Aufenthalt der Flüchtlinge. In den Jahren vor dem Anstieg der Flüchtlingszahl lagen Zu- und Fortzüge zwischen 9000 und 12.000.

So oder so: Mehr Einwohner bedeuten auch mehr Geld vom Land. Denn die sogenannten Schlüsselzuweisungen richten sich nach der Größe der Kommune. Und noch eins freut Oberbürgermeister Leibe - auch, wenn die Rechnung ein wenig nach Augenwischerei aussieht: "Triers Schulden sinken mit jedem neuen Einwohner - zumindest, wenn man die Pro-Kopf-Verschuldung als Vergleichswert nimmt."

Und was sagen die Koblenzer dazu, dass Trier sie vom dritten Platz verdrängt hat? Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig nimmt das mit Humor zur Kenntnis: "Wir freuen uns, dass beide Städte an Einwohnerschaft und an Bedeutung wachsen, und können damit leben, wenn die Entwicklung in Trier noch rasanter ausfällt als in Koblenz, zumal das in Trier den Flüchtlingen geschuldet ist - nicht zuletzt den Wirtschaftsflüchtlingen aus Luxemburg."
Meinung

Der Charme der kleinen Großstadt
Michael Schmitz
Trier wächst, selbst wenn man die Flüchtlingswelle herausrechnet. Immer mehr Menschen wollen ihren Lebensmittelpunkt in der Moselstadt haben. Das ist ein Grund zur Freude: Trier ist attraktiv, allen Miesepetern zum Trotz. Zugleich ist die wachsende Einwohnerzahl aber auch eine echte Herausforderung: Für die Stadtverwaltung, weil die Infrastruktur daran angepasst werden muss. Für die Stadtratsfraktionen, weil dazu womöglich auch unbequeme Entscheidungen nötig sind. Aber auch für die Bürger, weil immer mehr Zugezogene, gleich welcher Herkunft, als neue Nachbarn integriert werden sollten. Nur wenn das alles gelingt, kann sich Trier den Charme der kleinen Großstadt weiterhin bewahren. m.schmitz@volksfreund.de
Extra: Blick in die Statistik

Betrachtet man nur die Geburtenzahlen, dann ist der Trend in Trier - wie andernorts - rückläufig: 1036 Geburten stehen im vergangenen Jahr 1153 Sterbefälle gegenüber. Der höhere Anteil an Männern unter Ausländern sorgt dafür, dass sich der Anteil von Männern und Frauen in Trier mittlerweile fast angeglichen hat. 49,8 Prozent der Einwohner sind Männer, 50,2 Prozent Frauen. Vor einigen Jahren lagen die Werte noch bis zu fünf Prozentpunkte auseinander. 17.772 Ausländer leben in Trier, davon sind 57,6 Prozent männlich, 42,4 Prozent weiblich. 47,1 Prozent der Trierer sind ledig, 33,5 Prozent verheiratet, 5,8 Prozent verwitwet und 7,2 Prozent geschieden. mic