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Kriminalität
Es gibt massive Gewalt auf Trierer Straßen

Die Polizei sucht nach einem Mann, der einem 45-Jährigen am Hauptbahnhof ins Gesicht geschlagen hat. Auch andere Gewalttaten lassen Opfer und Angehörige ratlos zurück.
Die Polizei sucht nach einem Mann, der einem 45-Jährigen am Hauptbahnhof ins Gesicht geschlagen hat. Auch andere Gewalttaten lassen Opfer und Angehörige ratlos zurück. FOTO: TV / Fritz-Peter Linden
Trier. Bedrohung, Raubüberfall oder auch völlig grundlose Brutalität – fünf Fälle innerhalb weniger Tage zeigen, dass auch in Trier jederzeit die Gefahr besteht, zum Opfer zu werden. Eine Angehörige spricht offen über Angst und Wut.
Jörg Pistorius

Marina Weiland wird von starken Emotionen beherrscht, wenn sie erzählt, was am Trierer Hauptbahnhof geschehen ist. Die in Trier lebende gebürtige Russin zeigt Angst und Mitgefühl, wenn sie von dem Opfer spricht, dem Bruder einer engen Freundin. Und sie verbirgt ihre große Wut und ihren Abscheu nicht, wenn es um den Täter geht, von dem noch jede Spur fehlt. „Es ist einfach unfassbar“, sagt sie. „Es gab keinen Grund für diesen Angriff. Warum hat der Mann das getan?“

Der Angriff, von dem Marina Weiland spricht, erfolgte am Abend des 21. Oktober am Trierer Hauptbahnhof. Der an einer Behinderung leidende Bruder ihrer Freundin, 45 Jahre alt, fuhr mit dem Bus der Linie 83 zum Bahnhof, wo er kurz nach 20 Uhr ankam. „Als er dann draußen an der Bushaltestelle stand, pöbelte ihn plötzlich ein unbekannter Mann an“, erzählt Weiland. „Dieser Mann war zusammen mit einer Frau unterwegs und sagte sinngemäß, du hast meine Freundin angemacht.“

Bevor der 45-Jährige auch nur die geringste Chance hatte, diesen Vorwurf zurückzuweisen, habe ihm der Unbekannte die Mütze vom Kopf gerissen und ihm mehrere Schläge mit der Faust ins Gesicht versetzt. „Niemand hat ihm geholfen“, sagt Marina Weiland. „Der Angreifer ging dann mit seiner Begleiterin einfach weg.“ Der Angegriffene sei wieder in den Bus eingestiegen und den Weg zurückgefahren, den er gekommen war. „Er hat stark geblutet, aber wieder hat niemand ihm geholfen“, schildert Weiland. Sie war selbst nicht dabei und gibt wieder, was das Opfer ihr und seiner Familie berichtet hat.

Als der 45-Jährige wieder zu Hause ankam, informierte seine Familie die Polizei und den Rettungsdienst. Er musste stationär in einem Trierer Krankenhaus aufgenommen werden. „Wir sind noch nicht sicher, ob es bleibende Schäden gibt“, sagt Marina Weiland. „Der Angreifer hat ihm brutal mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“

Die Polizei sucht seitdem nach dem Täter (der TV berichtete). Bisher ohne Ergebnis. Die Beschreibung: Er ist 16 bis 20 Jahre alt, hat kurze schwarze Haare, ist etwa 1,70 bis 1,75 Meter groß und spricht Trierer Dialekt. „Es muss doch jemand etwas gesehen haben, schließlich war die Haltestelle zu dem Zeitpunkt sehr belebt“, sagt Marina Weiland. Ein Fall wie dieser gibt auch Ermittlern und Psychologen Rätsel auf, denn es fehlt jedes erkennbare Motiv. Es gab keinen Streit, der hätte eskalieren können. Täter und Opfer hatten sich vorher noch nie gesehen. Diese scheinbare Sinnlosigkeit macht es noch schwerer, das Geschehene zu verarbeiten.

Organisationen wie der Weiße Ring helfen Opfern von Kriminalität in der Verarbeitungsphase. Laut Darstellung der Experten reagieren die Opfer in einer ersten Phase mit Verwirrung, Wut oder betäubender Traurigkeit. Dieser ersten Reaktion folgen oft Hoffnungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Selbstzweifel oder auch Schuldgefühle, weil das Opfer den Auslöser für die Gewalttat im eigenen Verhalten sucht.

Es gibt noch weitere Fälle. Am 15. Oktober bedrohte ein alkoholisierter Mann den Inhaber eines Lokals in Zewen mit einer Schusswaffe, die sich später als täuschend echt aussehende Softair-Waffe herausstellte. Er floh, wurde aber später gefasst. Am 16. Oktober schlug ein Unbekannter eine 74-Jährige in der Nordallee nieder und floh mit ihrer Handtasche, sie kam mit Kopfverletzungen in ein Trierer Krankenhaus.

Am 17. Oktober griffen zwei Männer einen 34-Jährigen auf dem Parkplatz der Berufsschule in der Deutschherrenstraße.an, schlugen ihn und entrissen ihm sein Handy. Am 21. Oktober wurde ein 48-Jähriger von zwei Männern überfallen und ausgeraubt, nachdem er  eine Gaststätte in der Lorenz-Kellner-Straße verlassen hatte. Sie forderten Bargeld, zerrten ihn dann zwischen zwei geparkte Fahrzeuge und schlugen ihn nieder. Mit Bargeld, einem Handy und der Kreditkarte des Opfers flohen die Täter.

Fünf Fälle innerhalb von sieben Tagen – was sagt die Trierer Polizei?  „Es gibt zurzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass die Taten, insbesondere die drei Raubdelikte, zusammenhängen“, sagt Uwe Konz, der Sprecher des Polizeipräsidiums Trier. „Tatorte, Tatzeiten und Täterbeschreibungen sprechen nicht dafür.“ Die Polizei gehe von individuellen Ursachen auf Täter- und Opferseite aus, „sei es alkoholbedingte Auffälligkeit als häufiger Gewaltbegleiter, eine günstige Tatgelegenheit oder eine plötzliche und unerwartete Gewalteskalation“, sagt Konz. „Eine Serie oder Masche erkennen wir zurzeit dahinter nicht.“

Der Polizeisprecher räumt ein: „Bei drei Raubstraftaten binnen solch kurzer Zeit drängt sich die Frage nach einer besorgniserregenden Häufung durchaus auf. Allerdings sehen wir diese aus den genannten Gründen nicht. Vielmehr dürfte es sich um eine zufällige Entwicklung handeln.“